Notenbank-Legende Alan Greenspan wird 100 Jahre alt

Notenbank-Legende Alan Greenspan wird 100 Jahre alt

Alan Greenspan (Archivbild: 18.10.2013)

Stand: 06.03.2026 • 11:03 Uhr

Alan Greenspan gilt als berühmtester Notenbanker der Welt. Fast zwei Jahrzehnte lang stand er an der Spitze der US-Notenbank und verteidigte ihre politische Unabhängigkeit. Und auch mit 100 hat sein Wort noch Gewicht.

Martin Ganslmeier

Trotz seines hohen Alters mischt sich Alan Greenspan immer noch ein. Wenige Wochen vor seinem 100. Geburtstag beteiligte er sich an einer Protesterklärung aller noch lebenden US-Notenbankchefs gegen Präsident Donald Trumps Einflussnahme auf die Federal Reserve.

Stets die politische Unabhängigkeit der Notenbank verteidigt zu haben, gilt als wichtigste Errungenschaft der langen Amtszeit Greenspans. Schmerzlich zu spüren bekam dies Anfang der neunziger Jahre der damalige US-Präsident George Bush senior. Bushs Drängen auf niedrigere Leitzinsen ignorierte Greenspan, um eine drohende Inflation zu verhindern, erklärte Greenspan-Biograf Sebastian Mallaby in einem CBS-Interview:

Greenspan hat die Unabhängigkeit der Fed geschaffen. Er machte Bush klar: Wenn das Weiße Haus ihm auf die Nase haut, dann würde er doppelt zurückschlagen.

Greenspan gelang, was damals wenige für möglich hielten: eine “weiche Landung” der US-Wirtschaft ohne Rezession. Vielen Amerikanerinnen und Amerikanern galt der Notenbank-Chef fortan als “Magier der Märkte”: Ihm und nicht dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton sei zu verdanken, dass die neunziger Jahre zu einem Jahrzehnt des kontinuierlichen Wachstums wurden.

Orakeln über das Gewicht der der Aktentasche

Wenn sich Greenspan zur Wirtschaftslage äußerte – meist nuschelnd und in schwer verständlichem “Greenspeak” – dann hingen weltweit Wirtschaftsexpertinnen und Wirtschaftsexperten an seinen Lippen. Einige Greenspan-Deuter glaubten sogar am Gewicht seiner Aktentasche erkennen zu können, ob eine Leitzinssenkung bevorstand.

Die Wahrheit war viel einfacher, verriet Greenspan 2019 in einem Bloomberg-Interview: “Der Umfang meiner Aktentasche hing davon ab, ob mir meine Frau Lunch gemacht hatte oder nicht”, so Greenspan damals. Seine Frau ist die bekannte Fernsehjournalistin Andrea Mitchell, mit der er viele Jahre eine feste Größe im gesellschaftlichen Leben der US-Hauptstadt war.

Ungewöhnliche Begabung für Mathematik und Musik

Geboren wurde Alan Greenspan in Washington Heights im Norden von Manhattan, wo damals viele jüdische Einwandererfamilien lebten. Schon in der Schule zeigte er eine ungewöhnliche Begabung für Mathematik und Musik. Zunächst studierte er an der berühmten Juilliard School of Music.

Dann stieg er um auf Volkswirtschaft. Seine Fähigkeit, riesige Zahlenkolonnen so auszuwerten, dass er zutreffende Einschätzungen über die Konjunktur geben konnte, machte ihn schnell zu einem wohlhabenden Wirtschaftsberater.

Glaubte an Selbstheilungskräfte des Marktes

Lange Zeit stand Greenspan den Republikanern nahe. Er glaubte an die Selbstheilungskräfte des Marktes und lehnte zu viel staatliche Regulierung ab. Das wurde ihm am Ende seiner Karriere zum Verhängnis. “Wie erkennen wir, wann irrationale Überschwänglichkeit zu einer übermäßigen Eskalation der Vermögenswerte führt?” Ein typischer Greenspan-Satz.

Der Notenbank-Chef war sich der Gefahren durch Blasenbildung an der Börse bewusst, sagt Buchautor Sebastian Mallaby. Aber anders als in seinem entschlossenen Kampf gegen Inflationsgefahren wollte Greenspan nichts tun, um frühzeitig etwas Luft aus der Blase zu lassen.

“Hätte er die Blase zum Platzen gebracht, hätte er sich gegen die öffentliche Meinung stellen müssen. Er hätte sagen müssen: Eure Aktienfonds zur Altersvorsorge sind überbewertet. Aber er galt als Maestro. Und dieses Image wollte er nicht riskieren”, so der Autor.

Der “Maestro” war plötzlich der Sündenbock

Zwei Jahre nach Greenspans Rücktritt als Notenbank-Chef brach das Kartenhaus zusammen. Es kam zur weltweiten Finanzkrise. Der “Maestro” Greenspan war plötzlich der Sündenbock. Fortan trat Greenspan bescheidener auf. In einem Fernsehinterview gestand er 2013, Wirtschaftswissenschaft sei eigentlich eine ungenaue Wissenschaft:

Wir können nur schwer Vorhersagen treffen. Wir tun so als könnten wir es. Aber in Wirklichkeit können wir es nicht.

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