Er gilt als Jahrhundert-Zeitzeuge und als einer der wichtigsten Autoren der Nachkriegszeit. Gestern ist der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom im Alter von 92 Jahren auf Menorca gestorben.
Cees Nooteboom ist 17 Jahre alt, als er von der Klosterschule fliegt. Er steigt in den Zug nach Breda, um von dort aus per Anhalter weiter nach Frankreich zu fahren. Der junge Tramp saugt alles in sich auf: Landschaften, Sprachen, Gerüche. Aus den Begegnungen und Beobachtungen dieser Reise wird 1955 sein erster Roman: “Philip und die anderen”.
“Ja, und dann hatte ich ein Buch geschrieben und war von allen als Schriftsteller benannt. Dann ist man halt Schriftsteller, ja. Aber man muss noch weiterleben”, erzählte Nooteboom.
“Berliner Notizen”, später Roman “Allerseelen”
Das Geld zum Weiterleben verdiente er als reisender Journalist. Der Ungarn-Aufstand 1956, die Pariser Studentenrevolte, der Umsturz im Iran – Nooteboom war zur rechten Zeit am rechten Ort. 1989 führte ihn ein Stipendium nach Berlin. Als “unbeteiligter Beteiligter”, wie er es formulierte, erlebte Nooteboom die Wende. Er schrieb seine “Berliner Notizen”, woraus später der Roman “Allerseelen” entstand.
“Berlin ist natürlich die Stadt in Europa, wo am meisten die Geschichte sichtbar wird”, so der Schriftsteller. “Diese Stadt hat so viel erlebt und war eigentlich der Brennpunkt der Spaltung Europas, und deshalb war die Stadt mir so wichtig. Kaiserreich, Republik, Faschismus, Kommunismus – das ist ja ein unglaubliches exemplarisches Schicksal für das letzte Jahrhundert.”
Verquickung von Mythos und Realität, Ort und Zeit
Nootebooms Freundin, Nachbarin und Schriftsteller-Kollegin Connie Palmen sagte über ihn: “Er ist richtig neugierig, und er ist interessiert. Er ist interessiert in Deutschland, in andere Länder – in Südamerika – darin, wie die Welt sich bewegt, wie sie zusammenkommt, wie sie wieder auseinander gerissen wird (…) und wenn Literatur daraus gemacht wird, dann geht das mit Göttern und Mythen und mit Fabelhaften.”
Nooteboom verquickte Mythos und Realität, Ort und Zeit, Vergangenheit und Gegenwart. Es ist daher nicht immer leicht, einen Zugang zu seinen Texten zu finden – was ihn von berühmten Zeitgenossen unterscheidet. Bis heute gilt der Amsterdamer Weltenbummler als Außenseiter der niederländischen Literaturszene.
“Jeder sprach ja immer über die Großen Drei – über Gerard Reve und Hermans und Harry Mulisch”, so Palmen. “Aber für mich war Nooteboom eigentlich der Größte. (…) Er hatte etwas, was die anderen nicht haben, etwas sehr Melancholisches.”
Reich-Ranicki: Bedeutender europäischer Schriftsteller
Seinen Durchbruch in Deutschland feierte Nooteboom Anfang der 1990er Jahre mit dem Roman “Die folgende Geschichte”. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zeigte sich von dem Buch tief bewegt. Im Literarischen Quartett würdigte er den Niederländer als einen bedeutenden europäischen Schriftsteller. Fortan ließen sich dessen Werke in Deutschland besser verkaufen als in seiner Heimat.
Zu Nootebooms 75. Geburtstag brachte der deutsche Philosoph Rüdiger Safranski eine Auswahl an Passagen aus den Romanen, Erzählungen, Gedichten und Reiseessays seines langjährigen Freundes heraus. Der Titel des Buches ist ein Zitat Nootebooms: “Ich hatte tausend Leben und nahm nur eins”.
Nooteboom sagte dazu, er hatte tausend Leben und nahm nur eins. Damit sei eigentlich nur gesagt: “Man hat im Leben sehr viele Möglichkeiten. Ab und zu steht man auf einem Zweisprung, wenn nicht auf einem Dreisprung. Man muss wählen: heirate ich diese Frau oder nicht? Oder nehme ich diesen Job, oder reise ich in dieses Land oder nicht? Aber am Ende des Lebens, (…) hatte man dann die tausend Möglichkeiten. Man hat aber immer nur die eine gewählt, die dann alle zusammen dein Leben sind.”

