Die syrische Armee dringt weiter in die von Kurden kontrollierten Gebiete vor. Dabei kam es auch zu neuen Gefechten. Die USA forderten die syrische Armee auf, die “Offensivhandlungen” in den Gebieten einzustellen.
Südöstlich der syrischen Millionenstadt Aleppo ist es erneut zu Gefechten zwischen kurdischen Milizen und Regierungstruppen gekommen. Die kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) meldeten, dass es bei Dibsi Afnan zu Zusammenstößen gekommen sei. Sie warfen der Übergangsregierung einen “hinterhältigen Angriff” vor. Die syrische Armee ihrerseits erklärte, ihre Truppen in Dibsi Afnan seien angegriffen worden.
Die syrische Armee meldete ihren Einmarsch in die Stadt Tabka in der Provinz Raka. “Die Truppen der syrischen Armee haben begonnen, aus mehreren Richtungen in die Stadt Tabka einzudringen, parallel zur Einkreisung der terroristischen PKK-Milizen innerhalb des Militärflughafens von Tabka”, erklärte die Armee der staatlichen Nachrichtenagentur Sana. Zuvor hatte die Armee mitgeteilt, die Kontrolle über zwei von den Kurden gehaltene Ölfelder nahe Tabka übernommen zu haben.
Wegen des Vorrückens der syrischen Armee hatten die kurdischen Behörden für die Region Raka “bis auf Weiteres” eine Ausgangssperre verhängt. Die Provinz Raka war lang Zeit eine Hochburg des IS.
US-Militär fordert Stopp der Offensive
Das regionale US-Militärkommando Centcom hatte die syrischen Regierungstruppen zuvor aufgefordert, Angriffe im Gebiet zwischen Aleppo und Tabka zu unterlassen. Dort müssten “jegliche Offensivhandlungen” eingestellt werden, erklärte Centcom im Onlinedienst X. “Das entschlossene Vorgehen gegen den IS und das unerbittliche Ausüben militärischen Drucks erfordern Teamarbeit unter den syrischen Partnern”, schrieb Centcom zum Vorgehen gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS).
SDF-Chef Maslum Abdi wurde unterdessen am Nachmittag gemeinsam mit dem US-Gesandten Tom Barrack vom irakischen Kurdenführer Massud Barsani in Erbil im Irak empfangen. Bei den Gesprächen stand einer Erklärung von Barsanis Büro zufolge die Lage in Syrien im Fokus. Barrack soll am Abend auch den Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, Nechirvan Barsani, treffen.
Gegenseitige Vorwürfe
Vorausgegangen war den erneuten Auseinandersetzungen eine Ankündigung der SDF, sich nach Tagen der Gefechte aus dem Gebiet um Dibsi Afnan zurückzuziehen. Die Vereinbarung dazu sah nach kurdischen Angaben eine Feuerpause von 48 Stunden vor. Die Übergangsregierung sei jedoch vor dem vollständigen Abzug mit Militärkonvois, schweren Waffen und Panzern angerückt. Die Regierungstruppen hätten SDF-Kämpfer angegriffen. Dabei sollen mehrere von ihnen getötet worden sein.
Die syrische Armee erklärte hingegen, Kämpfer der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) hätten das Militär angegriffen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Sana berichtete. Dabei wurden nach Armeeangaben zwei Soldaten getötet. Die Übergangsregierung wirft den SDF vor, Anhänger der gestürzten Assad-Regierung sowie PKK-Mitglieder zu dulden. Das Militär erklärte das Gebiet westlich des Flusses Euphrat zur militärischen Sperrzone. Zuvor hatte es bereits verkündet, die Kontrolle über wichtige Orte in der Gegend übernommen zu haben.
Größerer Konflikt befürchtet
Die Kurden sind die größte Minderheit in Syrien. Unter der jahrzehntelangen, Ende 2024 gestürzten Assad-Herrschaft waren sie weitläufigen Diskriminierungen ausgesetzt. Während des Bürgerkrieges haben sie sich im Nordosten des Landes eine Selbstverwaltung aufgebaut. Eigentlich sollten die zivilen und militärischen Institutionen nach einem im März geschlossenen Abkommen in die staatliche Ordnung eingegliedert werden. Dies ist aber bis heute nicht umgesetzt worden. Beobachter befürchten, die anhaltenden Spannungen zwischen den kurdischen Kräften und der Regierung könnten zu einem größeren Konflikt führen.
