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Der BND soll mehr und schneller Informationen sammeln. Dafür baut Behördenchef Jäger den Dienst nach Recherchen von WDR, NDR und SZ um. Unter anderem sollen bald mehr menschliche Quellen geführt werden.
Eines der großen Gemälde, die in der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Berlin-Mitte hängen, zeigt eine einfache, ockergelbe Fläche. “Victor” heißt das Werk. So lautete der Deckname einer BND-Quelle, die zu den wohl größten Erfolgen des deutschen Auslandsnachrichtendiensts zählt: Leonid Kutergin. Der Oberst im sowjetischen Geheimdienst KGB, zuständig für Spionage gegen die Bundesrepublik, bot sich 1970 im westdeutschen Konsulat in Salzburg als Informant an. 15 Jahre lang lieferte er schließlich wertvolle Interna aus Moskau. Das Bild, das an die einstige Top-Quelle erinnern soll, ist moderne Kunst, wirkt jedoch wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten – in denen der BND offensiver und erfolgreicher unterwegs war.
Geht es nach BND-Präsident Martin Jäger, dann soll sich der Dienst möglichst schnell wieder an solch brisante Operationen wagen. “Wir werden gezielt und konsequent höhere Risiken eingehen”, kündigte Jäger im Bundestag an. Mittlerweile ist klar: Der neue Chef der deutschen Auslandsspionage meint es ernst.
Nach Recherchen von WDR, NDR und SZ in Sicherheitskreisen hat Jäger schon jetzt eine Neuausrichtung des BND in die Wege geleitet. Der Dienst soll mehr Informationen beschaffen und wird dafür aktuell in einem rasanten Tempo umstrukturiert – und zwar noch bevor der Dienst ein neues Gesetz mit womöglich weitreichenden Befugnissen bekommt, woran die Bundesregierung gerade arbeitet. Die bislang sechs großen Bereiche des BND werden auf fünf reduziert, aufgelöst wird derzeit der Bereich F (“Nachrichtendienstliche Fähigkeiten”) – zum Erstaunen einiger Mitarbeiter, war er doch bislang unter anderem für die Kontakte zu anderen Behörden im In- und Ausland zuständig.
Spionage neu aufstellen
Die BND-Leitung aber möchte die Spionage gegen bestimmte Länder neu aufstellen, in “Mission Centern” organisieren und die Residenturen, also die BND-Einheiten in den deutschen Botschaften weltweit, stärker in die Informationsbeschaffung einbinden. So sollen mehr und schneller Informationen generiert werden. Das Motto: beschaffen, beschaffen, beschaffen!
Aber nicht nur für die deutschen Spione in aller Welt, sondern auch in der BND-Zentrale in Berlin soll sich einiges ändern: Die großen Lagebesprechungen sollen sich zukünftig nicht länger an der wöchentlichen Nachrichtendienstlichen Lage (ND-Lage) im Kanzleramt orientieren, sondern im Tagesrhythmus stattfinden. Das sei, so heißt es aus dem BND, aufgrund der hochdynamischen weltpolitischen Situation dringend notwendig. Der BND soll künftig auch häufiger die Öffentlichkeit mit seinen Erkenntnissen informieren, etwa in den sozialen Medien. Erste derartige Kurzberichte zur Rüstungsindustrie und der wirtschaftlichen Lage in Russland gab es bereits.
Auf Anfrage möchte sich der BND nicht zu den aktuellen Veränderungen äußern. “Der Bundesnachrichtendienst nimmt zu Angelegenheiten, die etwaige nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder Tätigkeiten betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung”, so eine Sprecherin. Der Bundesnachrichtendienst berichte “zu entsprechenden Themen insbesondere der Bundesregierung und den zuständigen, geheim tagenden Gremien des Deutschen Bundestages”.
Die nächste Strukturreform
Die Umstrukturierung der Behörde mit ihren rund 6.500 Mitarbeitern kommt überraschend: Erst im Jahr 2021 Jahren wurde der BND im Zuge einer “Neu-Organisation” strukturell umgebaut. Eine Unternehmensberatung hatte das Konzept für viele Millionen Euro erarbeitet. Der BND sollte effektiver werden. Tatsächlich aber sorgten die neue Struktur und die personellen Veränderungen stellenweise für Unmut. Die Stimmung in der Behörde war zuletzt alles andere als gut. Nun also die nächste Strukturreform.
Über viele Jahre, so berichten frühere BND-Angehörige, habe der Dienst das traditionelle Kerngeschäft der Spionage vernachlässigt: das Anwerben und Führen menschlicher Quellen. Vor allem im besonders heiklen Feld der Gegenspionage, wenn es also darum geht, gegnerische Spione umzudrehen.
Andere Dienste gehen dabei kreative Wege: Die US-amerikanische CIA und der britische MI6 rufen mit aufwendig produzierten Werbevideos und verschlüsselten Kontaktformularen chinesische und russische Regierungsbeamte, Geheimdienstler und Militär dazu auf, sich als Quellen anzubieten.
Hohes Risiko
Die Anwerbung von Informanten gilt insbesondere in autoritären Staaten wie Russland oder China als äußerst riskant. Wenn Spitzel dort enttarnt werden, droht ihnen mitunter jahrelange Haft oder sogar die Todesstrafe. BND-Mitarbeiter wiederum, die bei solchen Anbahnungsversuchen erwischt werden, gelten als “verbrannt” und müssen meist abgezogen werden. Ein hohes Risiko – auch für unangenehme Schlagzeilen.
So konzentrierte sich der BND zuletzt zunehmend auf die technische Aufklärung. Man habe geglaubt, mit Technik, mit dem Überwachen von Internet und Telefonen, mit dem Hacken von Computern, könne man vieles kompensieren, so der frühere BND-Präsident Gerhard Schindler. Mitunter aber könne eine angeworbene und langfristig geführte Quelle, etwa in einem ausländischen Regierungs- oder Geheimdienstapparat, wesentlich relevantere Informationen liefern.
Wie einst Leonid Kutergin alias “Victor”. Mehr als ein Jahrzehnt lang spionierte er für den BND den sowjetischen Geheimdienst KGB aus. Als in den 1980er Jahren eine Enttarnung drohte, wurde er aus Moskau evakuiert. Kutergin bekam ein Leben unter neuer Identität und starb später im Exil.

