Die Vereinigten Arabischen Emirate sind ein junger Staat, bekannt für ihren Ölreichtum und bewohnt vor allem von Ausländern. Doch weder Öl noch Migranten sind wirklich Thema im neuen Nationalmuseum.
Die riesigen Flügel aus Stahl sind von Weitem zu sehen – als Symbol für die Schwingen eines Falken ragen sie hoch hinaus aus dem neuen Nationalmuseum der Vereinigten Arabischen Emirate in der Hauptstadt Abu Dhabi. Der britische Stararchitekt Norman Forster habe den Falken bewusst gewählt, erklärt Moaza Matar, eine der Kuratorinnen.
Der Raubvogel gilt als Lieblingstier der Herrscher der Emirate und soll für Weitsicht und Stärke stehen, für das kulturelle Erbe – und den kometenhaften Aufschwung der Golfregion. Nicht weniger soll das gerade eröffnete Prestigeprojekt repräsentieren.
Die junge emiratische Kuratorin beschreibt das Zayed-Nationalmuseum als wichtige kulturelle Institution: “Damit wir unsere Geschichte verstehen und gleichzeitig unser kulturelles Erbe der ganzen Welt zeigen.”
Zwei Themen kommen im Museum kaum vor: Erdöl, das die Emirate reich machte – und die Arbeitsmigranten, die den Großteil der Bevölkerung stellen.
Aufstieg der VAE multimedial in Szene gesetzt
Beim Eintritt in die kühlen, luftigen Innenräume mit sandfarbenem Sichtbeton wird schnell klar, wem das Museum gewidmet ist: Sheikh Zayed bin Sultan Al Nahyan, dem Gründungsvater der Nation. Die erste Galerie mit dem Namen “Unser Ursprung” zeigt ihn mit der originalgetreuen Nachformung seiner Pferde, seinem Koran, seinen Schwertern sowie seiner Chrysler-Limousine.
Multimedial in Szene gesetzt erzählen die Exponate in den verschiedenen Räumen den Aufstieg der Vereinigten Arabische Emirate (VAE): Das Leben der Beduinen, die vor wenigen Jahrzehnten noch als Händler in der Wüste, als Fischer und Perlentaucher an der Küste lebten; und das, was nach der Gründung der Emirate in den 1970er-Jahren kam: Oasenkrankenhäuser, Schulen, moderne Bewässerungssysteme, um die Wüste fruchtbar zu machen.
Der Erdölfund in den 1960er-Jahren, der die Emirate reich machte, ist nur eine Randnotiz. Als wolle man trotzig zeigen: Wir sind mehr als nur Erdöl.
Schnell wird klar, wem das neue Nationalmuseum der Emirate gewidmet ist: Gleich die erste Galerie zeigt etwa die Limousine des Staatsgründers Sheikh Zayed bin Sultan Al Nahyan.
Arbeitsmigration kein Thema
Das Museum kommt gut an. Suad Alawi ist begeistert. In eine schwarze Abaja – den traditionellen bodenlangen Umhang emiratischer Frauen gehüllt – besucht sie mit Freundinnen das Museum zum ersten Mal.
Alawi freut sich besonders über die vielen jungen Museumsführer. “Es erfüllt mich mit Stolz, junge Emiratis zu sehen, wie sie den Emiratis, Ausländern und sogar anderen Bürgern die Geschichte der VAE erklären.”
Mit “anderen Bürgern” meint Alawi den Großteil der Menschen in den VAE: Arbeitsmigranten und -migrantinnen, die das Land am Laufen halten. Die meisten kommen aus Indien, Pakistan, Nepal oder aus arabischen Ländern. Sie arbeiten im Baugewerbe, als Taxifahrer oder als Putzkraft. Besonders in den Städten Abu Dhabi und Dubai würde ohne sie nichts laufen.
Immer wieder kritisieren Menschenrechtsorganisation ihre Lage, sprechen von Ausbeutung in der Glitzer-Metropole Dubai, beim Bau der Skyline von Abu Dhabi. Im Land selbst hört man öffentliche Kritik an den Herrschenden nicht. Auffällig ist: Im Zayed-Museum sind diese Arbeitsmigranten, die das Land mit aufgebaut haben, kein Thema.
Die Skyline von Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate.
Geschichte und Zukunftsvision
Trotzdem sei das Museum nicht nur für Emiratis von Bedeutung, meint der emiratische Journalist Mohammed El Hamadi: “In einem Staat wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, der mehr als 200 Nationalitäten beherbergt, wird die nationale Identität zu etwas, das gefestigt werden muss. Das Museum erfüllt diese Rolle durch die Darstellung der nationalen Geschichte, der nationalen Errungenschaften und auch der Zukunftsvision.”
Entsprechend zeigt das Museum auch die ältere Geschichte der Gegend. Im zweiten Stock geht es um archäologische Funde wie eine winzige, jahrtausendealte Perle. Für Suad Alawi ist das ein Grund, stolz zu sein: “Wir können jetzt über eine mehr als 7.000 Jahre alte Zivilisation sprechen. Es ist nicht nur ein neues Land, das mit der Vereinigung der Emirate entstand; es begann schon lange davor.”
Das Museum soll zeigen, dass die Emirate mehr Geschichte zu bieten haben als die letzten knapp 55 Jahre seit ihrer Gründung – und mehr sind als eine große Shoppingmall und Sehnsuchtsort für Expats.
Am neuen Nationalmuseum zeigt sich auch die Zukunftsvision der Regierung: Dabei setzt man auf Nachhaltigkeit, so die Botschaft. Die Falkenflügel aus Stahl sind derart konstruiert, dass sie neben ihrer Symbolik auch einen praktischen Zweck erfüllen. Sie sollen Schatten spenden und dabei helfen, das hochmoderne Gebäude auf natürliche Weise zu klimatisieren. Bei bis zu 50 Grad im Sommer soll das erheblich Energie einsparen.
Vor dem Museum spenden Wasserfontänen Kühle, und ein aufwändig mit Bäumen und Pflanzen gestalteter Garten verbindet das Museum mit dem wenige hundert Meter entfernten Louvre Abu Dhabi. In der Wüstenregion am Golf bedeutet viel Grün Luxus. Und auch das Guggenheim Abu Dhabi soll hier in Kürze eröffnet werden.

