Nach Beratungen in Washington: Vier Szenarien für Grönland

Nach Beratungen in Washington: Vier Szenarien für Grönland

Eine Luftaufnahme zeigt eine polare Schneelandschaft.


analyse

Stand: 15.01.2026 16:22 Uhr

Nach dem Krisengipfel in Washington spricht Dänemark von grundlegenden Meinungsverschiedenheiten mit den USA. Nun soll es eine gemeinsame Arbeitsgruppe geben. Welche Szenarien im Streit um Grönland sind denkbar?

Es wurde mit dem Schlimmsten gerechnet: Über dem Treffen der Vertreter Grönlands und Dänemarks mit Repräsentanten der US-Regierung schwebte die Drohung einer erzwungenen Annexion durch die USA und die Erinnerung an die Demütigung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor Jahresfrist im Weißen Haus.

So schlimm kam es nun in Washington nicht. Beide Seiten kamen zwar vor allem überein, dass man uneinig sei. Aber man beschloss die Einrichtung eines Arbeitskreises, um weiter über die Zukunft Grönlands zu sprechen. Welche Szenarien sind jetzt denkbar?

Szenario 1: Die militärische Übernahme

Trump bringt diese Variante immer ins Spiel. An der Fähigkeit der US-Armee, die Insel schnell einzunehmen, besteht kein Zweifel. Schon jetzt sind die USA militärisch auf der Insel präsent, allerdings mit nur wenigen Soldaten auf der “Pituffik Space Base” an der Nordwestküste der Insel. Nach Angaben des dänischen Außenministers sind dort 200 US-Soldaten stationiert.

Das dürfte für eine schnelle Operation nicht ausreichen – ein Überfall müsste also vor allem mit Truppen geschehen, die von außen kommen. Eine wichtige Rolle dürfe dabei die Zweite Flotte der US-Marine spielen, deren Einsatzgebiet der nordöstliche Atlantik ist. Neue Pläne dafür sind bei der US-Armee in Arbeit – einen entsprechenden Auftrag erteilte Trump direkt nach dem Einsatz zur Ergreifung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro.

Allerdings: Wenn die USA Grönland überfielen, würde es sich um einen Angriff auf ein NATO-Land handeln, was den Beistandsmechanismus des NATO-Vertrages auslösen würde. Dieser kann eine militärische Reaktion der anderen Staaten beinhalten, dies ist allerdings nicht zwingend. Das würde auch bedeuten, dass ein US-Admiral einen NATO-Einsatz gegen die USA leiten müsste. Denn die Zuständigkeit für die Verteidigung der nordischen Länder Finnland, Schweden und Dänemark liegt derzeit bei den USA. Ein solcher Vorgang wäre, wie Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen betont, das Ende der NATO.

Das Szenario einer militärischen Intervention wirft für Trump etliche politische Fragen auf. Entscheidet er ohne Rücksicht auch auf seine Republikanische Partei, in der es viele Anhänger der NATO gibt? Würde er riskieren, dass die USA ihre Stützpunkte in Europa verlieren? Oder sieht er gerade im Konflikt um Grönland eine Chance, die NATO zu sprengen? Für wie hoch schätzt er die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung mit NATO-Staaten ein? Über diese Fragen aber wird mutmaßlich vor allem im Weißen Haus entschieden – und nicht in der gemeinsamen Arbeitsgruppe mit Dänemark.

Szenario 2: Ein Kauf der Insel

Trump hat immer wieder deutlich gemacht, dass er Grönland besitzen will, dabei sprach er auch von “Erwerb”. Washington hat in der Vergangenheit regelmäßig ein Auge auf die Insel geworfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg etwa bot die US-Regierung Dänemark Gold im Wert von 100 Millionen Dollar an. Zu einem Kauf kam es damals nicht.

Trump griff die Idee bereits in seiner ersten Amtszeit auf, allerdings nicht mit der aktuellen Vehemenz. Nach dem Gewinn der Wahl 2024 kam er auf die Übernahme der Insel zurück, rückte aber vor allem die militärische Option in den Vordergrund. Die Kaufoption konkretisierte dann laut US-Medien US-Außenminister Marco Rubio. Demnach sollten die jüngsten Drohungen keine militärische Invasion zum Ziel haben, sondern einen Kauf. Unter Berufung auf Beamte berichtete die New York Times, dass Trump um einen aktualisierten Plan zum Kauf der Insel gebeten habe.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete jüngst, dass Summen zwischen 10.000 und 100.000 Dollar pro Einwohner im Gespräch seien, um sie von einer Zugehörigkeit zur USA zu überzeugen. Kopenhagen und Nuuk wiesen die Avancen schnell zurück.

Dänemarks letzter Grönlandminister Tom Hoyen erklärte im Interview mit NDR Info: “Wer glaubt, dass sich die Grönländer kaufen ließen, der kennt die grönländische Seele nicht.” Die Verbindungen zu Dänemark seien über die Jahrhunderte eng, teils auch familiär verbunden. Das präge die eigene kulturelle Identität – Geldangebote beleidigten die Menschen und lösten Verachtung aus.

Szenario 3: Referendum über einen Anschluss

Grönland ist ein selbstverwalteter Bestandteil des Königreichs Dänemark, hat aber das Recht, sich im Zuge eines Referendums für unabhängig zu erklären. Das könnte ein Schritt auf dem Weg hin zu einem freiwilligen Beitritt der Insel zu den USA sein. Zuletzt spekulierte der republikanische US-Senator John Kennedy über die Möglichkeit eines solchen Schrittes.

Dabei scheinen die USA zu versuchen, einen Keil zwischen Grönland und Dänemark zu treiben und anti-dänische Ressentiments zu schüren. Ende August berichtete der Fernsehsender DR, die dänische Regierung gehe davon aus, dass US-Bürger an verdeckten Einflussaktionen in Grönland beteiligt gewesen seien. Zudem ernannte Trump einen Sondergesandten für Grönland, der wenig später verlautbarte, man wolle direkt mit den Grönländern über einen US-Beitritt sprechen.

Doch auch wenn viele Grönländer in den vergangenen Jahren zunehmend Gefallen an einer Unabhängigkeit von Dänemark fanden: Umfragen ergaben im vergangenen Frühjahr, dass rund 85 Prozent der Grönländer gegen einen US-Beitritt sind. Nach der Parlamentswahl im vergangenen Jahr kam es zur Bildung einer breiten Koalition, die sich selbst als ein Zeichen der Absage an eine Einverleibung in die USA versteht.

Die Forderungen aus den USA haben Grönland stattdessen näher an Dänemark heranrücken lassen. So sagte Grönlands Regierungschef Jens Frederik Nielsen: “Wenn wir uns hier und jetzt entscheiden müssen: Dann wählen wir Dänemark, das dänische Königreich, die NATO und die EU.” Ein Referendum dürfte deshalb für die USA eine wenig attraktive Perspektive sein.

Szenario 4: Militärische Stärkung Grönlands und der Arktis

Seit 1951 erlaubt ein Abkommen den US-Streitkräften, Grönland militärisch zu nutzen, wenn es dessen Verteidigung übernimmt. Seitdem bauten die USA etliche Basen auf der Insel, die aber mittlerweile fast alle wieder geschlossen wurden. Der Vertrag erlaubt es den USA jedoch jederzeit, ihre Militärpräsenz praktisch nach Belieben wieder zu aufzustocken. Doch das scheint Trump nicht zu reichen, der seine Begehrlichkeiten stets mit der Gefahr durch China und Russland begründet.

Um diesen Sicherheitsbedenken die Grundlage zu nehmen, haben sich zuletzt mehrere NATO-Staaten für eine stärkere Präsenz des Bündnisses in der Region ausgesprochen. Noch diese Woche soll eine gemeinsame Erkundungsmission mehrerer NATO-Staaten starten, an der sich auch die Bundeswehr beteiligt. Ziel des Einsatzes sei es, “die Rahmenbedingungen für mögliche militärische Beiträge zur Unterstützung Dänemarks bei der Gewährleistung der Sicherheit in der Region zu erkunden”, teilte das Verteidigungsministerium mit. Die Mission gilt vorerst vor allem als symbolisch – als Angebot an die USA, aber auch als Ausdruck der Solidarität innerhalb der NATO.

Dänemark will zudem seine militärische Präsenz auf der Insel ausbauen – auch in Kooperation mit NATO-Partnern. Bislang ist auf der Insel eine Einheit des Arktisk Kommandos der dänischen Streitkräfte stationiert, ihre Stärke wird 2015 mit 60 Mann angegeben. Weiterhin gibt es im Nordosten der Insel die Patrouillestation Daneborg, in der unter anderem eine Fernspäh-Hundeschlitten-Einheit stationiert ist.

Insgesamt hat die NATO seit dem vollumfänglichen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine die strategische Bedeutung des arktischen Raumes wiederentdeckt und unternimmt verstärkte Anstrengungen, dieser Bedeutung gerecht zu werden. Ob das am Ende das eigentliche Ziel der USA ist oder ihnen gerade nicht reicht? Auch das hängt am Ende womöglich nicht nur von militärischen Erwägungen ab.

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