Nach Angriff auf Zugbegleiter: “Mit einem anderen Gefühl im Zug”

Nach Angriff auf Zugbegleiter: “Mit einem anderen Gefühl im Zug”

Bahn-Mitarbeiter und Bundespolizisten gedenken des verstorbenen Zugbegleiters.

Stand: 13.02.2026 05:53 Uhr

Nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter ist die Diskussion über den Schutz des Bahnpersonals voll entbrannt. Ein Sicherheitsgipfel soll Lösungen bringen. Was braucht es aus Sicht der Betroffenen?

Peter Sonnenberg

In einem Seminarraum in Frankfurt stehen ein halbes Dutzend Zugbegleiter in Uniform im Halbkreis um drei kräftig gebaute Kampfsporttrainer. “Augenkontakt vermeiden und die Arme abwehrbereit in Brusthöhe”, empfiehlt einer der Trainer. Der Kurs soll den Eisenbahnern Selbstbewusstsein geben, sie stärken für den täglichen Dienst am Gast – von denen ein kleiner Teil gefährlich aggressiv unterwegs ist.

Vor der Selbstverteidigung sollte jeder Mitarbeiter schon etwas über Deeskalation gelernt haben, denn nicht immer muss es zu körperlichen Übergriffen kommen. Solche zu vermeiden, muss das Ziel sein.

Auffällig, auch in diesem Kurs berichten gleich mehrere Zugbegleiter, dass sie selbst schon Opfer körperlicher Gewalt wurden, während sie einfach nur ihre Arbeit machten. Einer wurde bespuckt und mit einem Messer bedroht, eine andere wurde geschlagen. Alle sagen übereinstimmend, es sei schlimmer geworden, vor allem nach Corona.

Mangelnder Respekt

Zugbegleiterin Lia Müller vermisst die Umgangsformen bei einigen Bahngästen: “Es ist nun mal so in unserer Gesellschaft, dass keiner mehr Respekt hat. Und das fängt bei den Kindern an. Ich weiß nicht, ob die zu Hause auch so sind, dass sie keinen Respekt haben. Also uns gegenüber, gerade als Frau merkt man es immer wieder. Man fordert jemanden nur auf, seine Fahrkarte vorzuzeigen und dann kommt: ‘Stören sie mich jetzt mal nicht’. Also das ist schon sehr respektlos”.

Das sei nur der Anfang der Auseinandersetzung, meint Christian Böttcher von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). “Dann gibt es Androhung von Gewalt. Dann gibt es tatsächlich auch Ausübung von Gewalt. Angefangen bei Spucken über Wegschubsen oder Schlagen. Da gab es in den vergangenen Jahren leider sehr viele Vorfälle. Körperlich, beim blauen Auge angefangen, über Prellungen oder noch Schlimmeres”.

Rumeysa Büyüksoy nimmt auch an dem Kurs in Frankfurt teil. “Wir lernen hier, uns verbal zu verteidigen und auch körperlich – sollen wir jetzt die Diskussion eingehen oder lieber aus der Situation flüchten.” Für sie ist es allein schon bezeichnend, dass man sich bei seiner Arbeit solche Gedanken machen muss, aber sie ist froh, dass ihr heute einige Techniken an die Hand gegeben werden. “Es fängt hier oben an”, sagt sie und tippt sich gegen die Stirn, “dass wir dieses Selbstbewusstsein haben und uns verteidigen können und dass die Körpersprache dann auch dementsprechend passt.”

Trauer um verstorbenen Kollegen

Marlen Wolf ist skeptisch, ob ihr so ein Kurs helfen würde. Die Zugbegleiterin aus Ludwigshafen steht gemeinsam mit Andreas Zimmer von der Lokführergewerkschaft GdL am Bahnsteig am Bahnhof Ludwigshafen. “Dieser Bahnhof ist so ein Beispiel: Wenn ich hier spätabends umsteigen und durch die Unterführung gehen muss, dann habe ich Angst. Dann bin ich froh, wenn der Anschlusszug schon da ist und ich zum Lokführer in den Führerstand gehen kann.”

Marlen Wolf gehört zur gleichen Dienststelle wie Serkan Çalar, ihr getöteter Kollege. Sie kannte ihn gut, hatte ihn wenige Tage vor seinem Tod noch getroffen. “Er kam aus dem Reisezentrum, wollte Tickets nach Paris kaufen. Er wollte bald heiraten und war so glücklich. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass er nicht mehr da ist.” Serkan Çalar war alleinerziehender Vater, er hinterlässt zwei Kinder. Marlen Wolf beschreibt ihn als Kollegen, mit dem sie gerne zusammengearbeitet hat. Er sei immer ruhig geblieben, nie laut geworden, er habe immer alles mit großer Ruhe getan.

Schädel-Hirn-Trauma nach Attacke von Fahrgast

Einem aggressiven Fahrgast wie dem, der ihren Kollegen umgebracht hat, gegenüberzustehen, sei etwas völlig anderes als alles, was man in einem Selbstbehauptungskurs lernen könne, sagt sie. “Für mich persönlich bringen solche Kurse nicht viel, weil die Situationen gestellt sind und man die Lehrer kennt. Ich finde es schwierig, den Unterricht zu machen und dann rauszugehen auf den Zug und es dort umzusetzen. Das ist ganz anders.”

Sie selbst wurde einmal von einem Fahrgast, den sie beim Schwarzfahren erwischt hatte, in eine Unterführung verfolgt. Damals flüchtete sie sich zu einem Lokführer, der ihr half. Ein anderes Mal hatte sie weniger Glück. Da wollte sie einen Schwarzfahrer zum Aussteigen bewegen – der habe völlig unvermittelt zugeschlagen. “Ich hatte ein blaues Ohr und ein Schädel-Hirn-Trauma und konnte eine Woche nicht arbeiten gehen.”

Forderung: Zwei Zugbegleiter pro Zug

Nach so einem Zwischenfall gehe man mit einem anderen Gefühl auf den Zug, sagt sie. Und jetzt, nach dem Tod ihres Kollegen, noch mehr. “Ich würde mir wünschen, dass wir in Zukunft die Doppelbesetzung kriegen, für alle Züge”. In den meisten Regionalbahnen sind die Zugbegleiter allein unterwegs. Manchmal sind Kollegen von DB-Sicherheit mit an Bord.

Auch für Gewerkschafter Andreas Zimmer ist das der wichtigste Punkt. “Diese Forderung muss schon seit sechs oder sieben Jahren bestehen. Da haben wir eine Umfrage gemacht zum Thema Sicherheit im Zug. Daran konnte man deutlich erkennen, dass Übergriffe keine Einzelfälle sind. Die Verantwortlichen haben die Ergebnisse ignoriert, das muss man genau so sagen.” All das sei nicht urplötzlich passiert, sondern ein schleichender Prozess.

Marlen Wolf muss am Tag nach dem Interview wieder zur Schicht, auf der gleichen Strecke, auf der ihr Kollege zu Tode geprügelt wurde. Sie sagt, sie gehe jetzt noch ängstlicher zur Arbeit. Sie will die Fahrgäste noch genauer beobachten: “Kontrolliere ich den oder lieber nicht?” Ihre Hoffnung und die der meisten anderen Bahn-Mitarbeiter ruht jetzt auf dem Berliner Sicherheitsgipfel.

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