Brutal hat das iranische Regime die Proteste Anfang Januar niedergeschlagen. Tausende wurden getötet. Inzwischen kehrt der Alltag zurück, doch die Menschen leben in Schockstarre – ohne große Hoffnung auf Veränderung.
“Ein Albtraum – schlimmer als ein Albtraum” – so beschreibt eine Frau aus dem Süden des Landes die Tage der tödlichen Niederschlagung der Proteste im Iran Anfang Januar. Sie möchte sichergehen, dass sie nicht erkannt wird. “Es war wie in einem Endzeitfilm”, sagt sie.
Auch einige Wochen später haben sich der Schmerz und die Depression bei vielen nicht gelöst. Ahmad ist Mitte 20, groß, hat breite Schultern und trägt einen getrimmten Vollbart. Er hat Informationstechnik studiert, aber er findet keinen Job. Daher arbeitet er nun in einem Café – von acht Uhr morgens bis elf Uhr abends.
Ein normales Leben gebe es im Iran nicht mehr. “Wegen der wirtschaftlichen Lage stehen wir unter finanziellem Druck”, sagt Ahmed. “Dazu kommt der psychische Druck, unter dem wir derzeit ständig stehen. Egal, wie sehr wir versuchen, in unser normales Alltagsleben zurückzukehren: Es ist unmöglich, seit 2019.”
Keine Hoffnung auf Normalität
2019 – damals wurden ebenfalls Proteste niedergeschlagen und Hunderte Menschen getötet. Ende 2022 wiederholt sich das mit der “Frau-Leben-Freiheit”-Bewegung. Sie überrasche nichts mehr, sagt die 27-jährige Maryam – und fügt hinzu: “in dieser Diktatur”. Seit Jahren schon sei ihr Leben nicht mehr normal.
Und das kann es auch nicht mehr werden – nicht unter den bestehenden Verhältnissen, findet Farshad. Früher war er mal Journalist, saß im Gefängnis, jetzt ist er Bauarbeiter. “Wissen Sie, so viel, was im Iran passiert und die enttäuschenden Nachrichten – da ist es unmöglich, zu den Verhältnissen von vor zwei oder drei Monaten zurückzukehren.”
Und doch müssen die Menschen irgendwie klarkommen, ihren Alltag bestreiten, weiterleben. In den Straßen sieht es nach Normalität aus, aber das ist Fassade. Dahinter kommt bei vielen nur noch eines: Hoffnungslosigkeit. So wie bei Maryam: “Im Moment wünsche ich nur eines: In meinem Land in Frieden zu sterben.”
“Will keine Mullahs mehr auf der Straße sehen”
Farshads Wünsche gehen etwas weiter, aber auch er ist bescheiden, fast schon dem Regime – trotz allem – entgegenkommend: “Ich wünsche mir wirklich, dass das Regime zur Vernunft kommt, seine Sturheit und Boshaftigkeit aufgibt und versucht, die Menschen zufrieden zu stellen, Kompromisse einzugehen und sich mit ihnen zu versöhnen.”
Er wolle, dass die Menschen wieder hinter dem Regime stehen könnten. Die Frau aus dem Süden des Landes ist entschiedener. Für sie ist es für eine Versöhnung mit dem Regime zu spät: “Ich benutze das Wort Hoffnung nicht, aber ich weiß, dass das islamische Regime am Ende ist und verschwinden muss!”
Darauf setzt auch Ahmad, der Informatiker, der in einem Café jobbt. Wie er sich dieses “Verschwinden” des Regimes vorstellt, beschreibt er so: “Mein Wunsch ist es, eines Morgens aufzuwachen und keine Mullahs mehr auf den Straßen zu sehen.”

