Deutschlands größte Airline will ehrlicher mit ihrer Geschichte umgehen. Die Lufthansa war vor 1945 ein großer Profiteur des Nationalsozialismus und beutete Zwangsarbeiter aus.
Die Lufthansa plant eine neue Erforschung ihrer Geschichte während der Nazi-Zeit. Insbesondere Beschäftigung Tausender Zwangsarbeiter soll untersucht werden. Das kündigte Vorstandsvorsitzender Carsten Spohr an.
Stand der Forschung ist, dass Lufthansa den Aufstieg der Nazis gefördert hat, sie profitierte stark vom Regime und sie war wesentlich an der Kriegsführung und Ausbeutung von Zwangsarbeitern beteiligt. “Es war ein Unternehmen des Nationalsozialismus”, sagte Manfred Grieger, Honorarprofessor an der Universität Göttingen. Ergebnisse des neuen Forschungsprojekts sollen kommendes Jahr vorliegen.
Gutachten zum 75. Jubiläum wurde gestoppt
Grieger ist Mitautor eines reich bebilderten Buches mit wissenschaftlichem Anspruch: “Lufthansa – die ersten 100 Jahre”. Anlässlich des diesjährigen hundertsten Gründungsjubiläums kommt es in zwei Monaten in den Handel. Die Geschäftsführerin der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte Andrea Schneider-Braunberger lobte, Lufthansa habe sich “früh, lange und jetzt nochmal dem Thema gestellt”.
Vor 25 Jahren feierte Lufthansa das 75. Jubiläum mit einer Modenschau historischer Stewardessen-Uniformen. Zunächst sollte auch ein Gutachten zu Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg vorgelegt werden. Als der Bochumer Unternehmenshistoriker Lutz Budrass fertig war, wurde die Veröffentlichung gestrichen. Das Gutachten erschien erst 2016. Es wurde kommentarlos einem technikbegeisternden Bildband mit kargen Texten beigelegt. Dort hieß es, Mitarbeit am Nazi-Regime sei der Lufthansa aufgezwungen gewesen.
Unternehmensarchiv blieb verschlossen
Im Jahr 2016 legte der Autor des Zwangsarbeiter-Gutachtens Budrass eine umfassende wissenschaftliche Studie vor: “Adler und Kranich, die Lufthansa und ihre Geschichte 1926 – 1955”. Die Deutsche Lufthansa AG hatte diese Arbeit nicht unterstützt und ihr Unternehmensarchiv verschlossen.
Carsten Spohr, der seit 2011 dem Lufthansa-Vorstand angehört und seit 2014 Vorstandsvorsitzender ist, bezeichnete sich als “Nachfolger derer, die das verantwortet haben”. Lufthansa-Historiker Grieger sagte, seine neue Forschung habe gegenüber Budrass nicht “so schrecklich viel Neues” hervorgebracht. Grieger legte aber großen Wert auf die Feststellung, dass es zwischen der nach dem Krieg untergegangenen “Luft Hansa” und der 1955 neu entstandenen “Lufthansa” keine eindimensionale Kontinuität gebe.
Gegründet als Staatsunternehmen
Die Geschichte der Lufthansa ist im Lichte der Forschung kein Musterbeispiel für ein seriöses kaufmännisches Unternehmen. 1926 gegründet, sollte das Unternehmen verdeckt die nach dem Ersten Weltkrieg verbotene deutsche Luftwaffe ersetzen.
Die damalige “Luft Hansa” gehörte größtenteils dem Staat und wurde reich subventioniert. Der britische Historiker Harold James schrieb bereits vor 30 Jahren, das Unternehmen habe Abgeordnete, die in ihrem Sinne agierten, bezahlt – unter anderem den Nationalsozialisten Hermann Göring.
Eingebettet im Nazi-Staat
Vorstandsmitglieder der Lufthansa engagierten sich früh für die Nazis. Die öffentlichkeitswirksamen Wahlkampfflüge Adolf Hitlers 1932 wurden – gegen Entgelt – von der Lufthansa veranstaltet. Als das Militär unter dem späteren Diktator Francisco Franco in Spanien putschte, sorgte die Lufthansa mit einer Luftbrücke für Truppenverlegungen der Putschisten.
Auch die “Legion Condor”, mit der Nazi-Deutschland Franco aus der Luft unterstützte, wurde mit Lufthansa-Beteiligung organisiert. An Aufrüstung der Nazis verdiente das Unternehmen ebenso wie am Krieg, in dem es Reparaturen für die Luftwaffe übernahm und dafür Tausende Zwangsarbeiter beschäftigte – darunter auch zwölfjährige Kinder. Bei Neugründung der Lufthansa in den 1950er-Jahren spielten alte Manager tragende Rollen.

