Libanon: Über Krieg oder Frieden entscheiden andere

Libanon: Über Krieg oder Frieden entscheiden andere

Sicherheitskräfte stehen neben einem beschädigten Auto in Beirut

Stand: 24.11.2025 13:07 Uhr

Israels Militär hat bei einem Angriff in Beirut einen Anführer der Hisbollah getötet. Dem Libanon führt der Schlag die eigene Schwäche vor Augen – und zeigt, wie sehr die seit fast einem Jahr geltende Waffenruhe in Gefahr ist.

Moritz Behrendt

Es sind ereignisreiche Tage im Libanon: Erst feiert das Land seinen Unabhängigkeitstag, in wenigen Tagen jährt sich der Waffenstillstand mit Israel zum ersten Mal, und am Ende der Woche wird der Papst erwartet.

Am Unabhängigkeitstag spricht Staatspräsident Joseph Aoun in der südlibanesischen Stadt Tyros davon, dass gerade ein neues Kapitel der Geschichte Libanons aufgeschlagen werde: “Dieses Kapitel wird erst enden, wenn wir vollständige Souveränität erreicht haben und allen Libanesen ein würdevolles Leben möglich ist in einem Staat, der für Gerechtigkeit einsteht.”

Vorbereitung für größere militärische Operation?

Schon der folgende Tag zeigt: Aouns Aussagen sind Wünsche, keine Realität. Über Fragen von Krieg und Frieden entscheidet nicht der Staat, sondern es entscheiden andere: Das Nachbarland Israel und die Schiitenmiliz Hisbollah.

Mit drei Raketen beschießt die israelische Luftwaffe ein Wohngebäude in der Hauptstadt Beirut. Das Ziel: der Generalstabschef der Hisbollah, Haytham Ali Tabatabai. Am Abend bestätigt die Schiitenmiliz: Tabatabai wurde getötet, ebenso vier weitere Hisbollah-Mitglieder.

War dieser Angriff ein einzelner Schlag oder die Vorbereitung für eine größere militärische Operation, möglicherweise sogar den Einmarsch israelischer Bodentruppen? Darüber diskutieren in Beirut Beobachter. In den letzten Monaten hatten sich die Spannungen erneut verschärft. Die israelische Regierung machte mehrfach deutlich, dass die Hisbollah in jeder Hinsicht ein Ziel für israelische Angriffe darstelle.

Israel greift fast täglich Ziele im Libanon an

Israel wirft der Hisbollah vor, sich seit dem Waffenstillstand vor knapp einem Jahr militärisch neu zu gruppieren und mithilfe des Iran auch wieder aufzurüsten. Damit rechtfertigt Israel nicht nur den Angriff auf Beirut, sondern auch den fast täglichen Beschuss von Zielen im Süden und Osten Libanons.

Seitdem der Waffenstillstand in Kraft getreten ist, haben die im Süden des Landes stationierten UN-Soldaten mehrere tausend israelische Verstöße gegen das Abkommen registriert.

Bisher hat die Hisbollah nicht mit Angriffen auf Israel darauf reagiert. Ob das nach dem Tod ihres Generalstabschefs anders sein wird? Ein Funktionär der Schiitenmiliz sagt, Israel habe eine rote Linie überschritten, man werde über eine Antwort beraten.

Hisbollah ist offenbar zu schwach

Der politische Analyst Hanna Saleh hat Zweifel, ob die Hisbollah zu einem ernsthaften militärischen Gegenschlag in der Lage ist. Er verweist auf den Krieg im vergangenen Jahr: “Die militärischen Kapazitäten der Hisbollah haben sich im letzten September in Luft aufgelöst. Nach den Pager-Attacken war die Hisbollah unfähig zu reagieren – auch als Israel ihren Chef Hassan Nasrallah umgebracht hat, war sie nicht imstande, zu antworten.”

Für Israel, so scheint es, ist die Hisbollah zu schwach – für den eigenen Staat dagegen offenbar zu stark. Im Prinzip hat die Regierung beschlossen, die Miliz zu entwaffnen – geschehen ist aber wenig,

Denn auch politisch ist die Hisbollah im Libanon eine Macht. Gemeinsam mit Verbündeten blockiert sie Entscheidungen der Regierung. Die wirkt hilflos. Staatspräsident Aoun ruft die internationale Gemeinschaft auf, einzugreifen, um die Angriffe durch Israel zu beenden. Ansonsten hofft er, dass zumindest Papst Leo XIV. am Wochenende mit einer Botschaft des Friedens ins Land kommt.

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