Lebensmittelampel “Nutri-Score” neu berechnet | tagesschau.de

Lebensmittelampel “Nutri-Score” neu berechnet | tagesschau.de

Eine Nutri-Score-Kennzeichung

Stand: 01.02.2026 08:31 Uhr

Der Nutri-Score wurde überarbeitet: Zucker und Salz führen zu einem höheren Abzug, Ballaststoffe und Proteine zu mehr Pluspunkten. Fachleute loben die Neubewertung, sehen aber auch Grenzen.

Vom grünen “A” bis zum roten “E”: Der “Nutri-Score” auf einem Lebensmittel soll es Verbrauchern im Supermarkt einfacher machen, Produkte zu vergleichen und das gesündere auszuwählen. 2020 wurde die Lebensmittelampel eingeführt. Doch die hatte einige Schwachpunkte, daher wurde die Berechnungsformel hinter der Kennzeichnung nachgebessert: Seit 2026 werden beispielsweise Zucker und Salz strenger bewertet, mehr Eiweiß und Ballaststoffe bringen Pluspunkte.

Zucker gibt Minuspunkte, Ballaststoffe und Eiweiß werten auf

Unter anderem der Salz- und Zuckergehalt von Lebensmitteln schlägt jetzt stärker negativ zu Buche als zuvor. Damit sollen wissenschaftliche Erkenntnisse besser abgebildet werden: So steht Zucker in Zusammenhang mit der Entwicklung von Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und sogar Erkrankungsprozessen im Gehirn. Auch viel Salz gibt mehr Punktabzug als bisher. Übermäßiger Salzkonsum gilt als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Mehr Pluspunkte im Nutri-Score gibt es hingegen bei hohem Eiweiß- oder Ballaststoffgehalt. Bei den Ballaststoffen wurde gleichzeitig der Schwellenwert für eine gute Bewertung strenger: Ballaststoffe wirken sich jetzt erst ab 3 g pro 100 g positiv auf den Nutri-Score eines Lebensmittels aus, vorher waren es 0,9 g.

Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht sei das “ein richtiger Schritt”, findet Tim Hollstein, Stoffwechselforscher und Arzt am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. “Allerdings bin ich dafür, dass man ballaststoffreiche Lebensmittel noch prominenter und besser deklarieren sollte, denn das sind die gesunden Lebensmittel, die wir essen sollten. In unserer Gesellschaft gibt es einen starken Ballaststoffmangel: Wir empfehlen idealerweise 30 g pro Tag, die meisten Menschen erreichen das nicht.”

Neuer Nutri-Score: Sichtbare Folgen im Supermarkt

Die neue Bewertung hat für viele Produktgruppen sichtbare Konsequenzen, so Anja Schwengel-Exner von der Verbraucherzentrale Bayern: “Bei einigen Cornflakes-Produkten und Instant Kakaopulver ist die Bewertung von B auf D gerutscht wegen des hohen Zuckergehalts. Ein Produkt, was es besonders stark getroffen hat, ist eine Trinkmahlzeit. Die ist tatsächlich abgewertet worden von einem grünen A auf ein rotes E.” Wegen des hohen Salzgehalts wurden außerdem Salami-Pizzen und Salzbrezeln abgewertet, die strengere Ballaststoff-Regel verschlechtert den Nutri-Score von Sandwich-Toast und Aufbackbrötchen.

“Als vertane Chance würde ich den Süßstoff sehen”, kritisiert Ökotrophologin Susanne Schmidt-Tesch von der TU München. Süßstoffe geben bei Getränken jetzt Minuspunkte und lässt Light-Limonaden oft von B auf C sinken. “Aber das gibt es natürlich nicht nur bei flüssigen Lebensmitteln, sondern auch zum Beispiel bei Protein-Puddings oder Riegeln. Ich werde oft von Klienten und Klientinnen gefragt, warum das so ist. Das ist unverständlich.”

Wo der Nutri-Score an Grenzen stößt

Trotz der strengeren Kriterien bleiben grundlegende Probleme: Ein häufiges Missverständnis sei die Annahme, eine gute Nutri-Score-Bewertung bedeute automatisch “gesund”, erklärt Stoffwechselforscher Hollstein. Tatsächlich vergleicht der Nutri-Score aber nur Produkte innerhalb einer Kategorie.

Ein günstiger Score sage deshalb nicht aus, dass dieses Lebensmittel grundsätzlich gesund sei – sondern nur, dass es im Vergleich zu ähnlichen Produkten in dieser Kategorie besser abschneide. “Aber wenn man zum Beispiel Cornflakes vergleicht – bei vielen steht ja da der Nutri-Score wirklich drauf – da macht es Sinn, die Cornflakes zu nehmen mit dem besseren Nutri-Score”, rät er.

Problem Freiwilligkeit

Ein weiteres Problem sei die Freiwilligkeit der Kennzeichnung, meint Verbraucherschützerin Schwengel-Exner: “Wenn ich den Nutri-Score nicht auf jedem Produkt finde, kann ich auch nicht die Produkte einer Produktgruppe alle miteinander vergleichen”.

Einzelne Unternehmen wie Danone hätten sogar angekündigt, den Nutri-Score bei bestimmten Produkten nicht mehr zu nutzen. “Deshalb fordern die Verbraucherzentralen eine verpflichtende Kennzeichnung auf allen verpackten Lebensmitteln. Wenn man sich überlegt, dass 2022 nur rund 40 Prozent aller Produkte überhaupt gelabelt wurden mit dem Nutri-Score – da besteht noch Luft nach oben.”

Des Weiteren fließt in die neuen Bewertungsmaßstäbe auch nicht der Verarbeitungsgrad des Lebensmittels ein. Eine internationale Expertengruppe warnte im November 2025 in einer Forschungsübersicht vor den Gesundheitsgefahren durch hochverarbeitete Lebensmittel und mahnte sofortiges, weltweites Handeln an.

Einige Kennzeichnungsmethoden wie die NOVA-Klassifikation berücksichtigen bereits den Verarbeitungsgrad von Lebensmitteln, stoßen aber dabei an andere Grenzen: “Da steckt die Tücke im Detail”, erklärt Ökotrophologin Schmidt-Tesch, “nämlich, wie man das genau einteilt. Da tun auch wir uns bei vergleichenden Studien immer wieder schwer, weil jeder diese Lebensmittel ein bisschen anders einordnet”.

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