Mehr digitale Helfer, weniger Lawinentote? Algorithmen, Apps und neue Prognosemethoden sollen Laien im Winter in den Bergen helfen, das Lawinenrisiko besser einzuschätzen. Kann das funktionieren?
Starke Schneefälle in kurzer Zeit, Gefahrenstufe “erheblich”, mehrere Lawinenabgänge mit Toten und Verletzten in den Alpen – solche Meldungen wie am vergangenen Wochenende gibt es immer wieder. Schnell entsteht der Eindruck: Die Menschen lernen nichts dazu. Fachleute widersprechen. Statistiken zeigen, dass es heute weniger Lawinenopfer gibt als noch vor 20 Jahren.
Ein Grund: Lawinenwarnungen sind genauer und detaillierter geworden – und es gibt neue, für jeden leicht nutzbare Hilfsmittel für die Planung etwa von Skitouren. Dazu gehören amtliche Lawinenprognosen, umsetzbare Entscheidungsregeln, Apps und Online-Plattformen, die auf Daten, Computermodellen und Algorithmen basieren. Sie sollen auch weniger Erfahrenen ermöglichen, bessere Entscheidungen zu treffen – schon bei der Planung der Skitour und auch im Hang.
Computermodelle ermöglichen Lawinenvorhersage
Erste Wahl für die Planung einer risikoarmen Tour ist der kostenfreie amtliche Lawinenlagebericht. Er wird mittlerweile länderübergreifend auf einer Internetplattform bereitgestellt und ist auch unterwegs abrufbar. Der Bericht ist eine Prognose für den Folgetag und benennt das zu erwartende Lawinenrisiko. Täglich um 17 Uhr wird er veröffentlicht, so Christoph Mitterer vom Lawinenwarndienst Tirol, der die Prognose für dieses Bundesland erstellt: “So kann man schon am Vortag seine Tour planen.” Die Prognose wird mithilfe von Computermodellen erstellt, in die Analysen der Schneedecke, aber auch Wetterdaten einfließen. Und die Modelle werden immer besser, betont Mitterer. “Sei es bei den Schneedeckenmodellen oder der Prognose der Neuschneemengen. Unsere Kollegen und Kolleginnen von der Meteorologie haben da Quantensprünge in den letzten Jahren gemacht.”
“Mit Algorithmus statt Bauchgefühl Lawinen vermeiden”
Allerdings gibt die Prognose nur Auskunft über ein Gebiet von etwa 100 Quadratkilometern. Das entspricht der Größe eines Gebirgsstocks. Die Lawinengefahr eines einzelnen Hangs kann von dieser großflächigen Prognose abweichen.
In den vergangenen Jahren hat sich ein Online-Tool etabliert, das Christoph Mitterer als “komplementäres Tool zum Lawinenbericht” sieht. Auf der Webseite “Skitourenguru.com” kann man auf einer Geländekarte seine Wunschtour einzeichnen oder sich Touren vorschlagen lassen. Der kostenlose Skitourenguru berechnet dann das Lawinenrisiko der jeweiligen Route im Einzelhang. Als Datengrundlage verwendet das Tool ebenfalls die amtliche Lawinenprognose. Zusätzlich auch “Daten aus dem Gelände, wie Hanggröße, Steilheit und Hangform”, zählt Günther Schmudlach auf, der den Skitourenguru mit seinem Team entwickelt hat. Schmudlach war früher am SLF, dem Lawinenforschungsinstitut der Schweiz tätig.
Drei Zutaten für eine Schneebrettlawine
Damit sich eine Schneebrettlawine lösen kann, sind drei Zutaten nötig: Erstens ein gebundener, verfestigter Schnee, der später das Brett bildet. Diese Brettschicht liegt – zweitens – auf einer Schneeschicht, die aus ungebundenen Kristallen besteht, die eine glatte, kantige Form haben. Diese untenliegende Schicht nennt man auch “Schwachschicht”. Auf ihr rutscht das darüber liegende Schneebrett ab wie auf einem Kugellager. Damit das passiert, ist – drittens – eine Steilheit von mehr als dreißig Grad nötig, weiß Schmudlach: “Wir sehen in unseren Daten, dass die Wahrscheinlichkeit einer Auslösung oberhalb von 30 Grad ansteigt, 35 Grad ist schlimmer als 30, und 40 ist nochmal schlimmer als 35.”
Mit der Ampel auf den Gipfel
Die Steilheit des betreffenden Hanges ist somit ein wesentlicher Faktor, den der Skitourenguru einbezieht. Sollten also ein Schneebrett sowie eine Schwachschicht vorhanden sein, wird der Skitourenguru eine flache Route auf seiner Karte anzeigen. Und zwar wie bei einer Ampel mit grüner Farbe (geringes Risiko). Stellen auf der Route mit erhöhtem Risiko werden gelb markiert. Rot zeigt ein hohes Lawinenrisiko an. Aber die Beurteilung vor Ort, im Hang, “das kann der Skitourenguru nicht abnehmen. Das muss der Mensch machen”, betont Günther Schmudlach. Dafür sei eine Schulung in Lawinenkursen nötig, “aber manchmal können das nicht mal Experten beurteilen.”
Mit dem “Kleinen Blocktest” den Schnee untersuchen
Um das Risiko einer Schneebrettlawine im jeweiligen Hang beurteilen zu können, müsse man in den Schnee schauen, sagt der Lawinenforscher Georg Kronthaler. Er hat dazu den “Kleinen Blocktest” entwickelt, der auch vom Bayerischen Lawinenwarndienst genutzt wird, für den Kronthaler früher tätig war. Dazu gräbt man einen Block aus dem Schnee mit einer Kantenlänge von 40 Zentimetern und klopft anschließend seitlich mit der Schneeschaufel dagegen. Dadurch kann ein vorhandenes Schneebrett gelöst und die darunterliegende Schwachschicht freigelegt werden. Beides – Schneebrett und Schwachschicht – können dann mittels einer ebenfalls von Kronthaler entwickelten App analysiert werden: “Hier kann man das Testergebnis dann eingeben, systematisch Schritt für Schritt leitet einen die App und schlägt abschließend vor, wie man sich im Gelände verhalten sollte.”
Georg Kronthaler hat einen Blocktest für Lawinen entwickelt.
Klimawandel verändert die Situation in den Bergen
Alle drei Experten sind sich einig, dass sich der Klimawandel in den Bergen deutlich bemerkbar macht. Es gebe beispielsweise immer wieder schnelle Temperaturwechsel, so Christoph Mitterer, sogar Regen bis auf 2.500 Meter Höhe im Hochwinter, der den Schneeaufbau massiv verändert, sowie stärkere Niederschläge in kurzer Zeit. All das kann die Lawinentätigkeit verstärken und erfordert eine höhere Aufmerksamkeit.
Daher ist es für jeden, der sich im Winter in ungesichertes Gelände begibt, wichtig zu wissen, wie Lawinen entstehen und wie Lawinenprognosen richtig gedeutet werden. Und auch der Umgang mit Tools wie dem Skitourenguru oder dem Kleinen Blocktest, ergänzt Georg Kronthaler, müsse erlernt werden. Dann habe man aber sehr gute Informationsmöglichkeiten über das Lawinenrisiko. Allerdings ist selbst dann nicht immer eine gute Beurteilung der Lage möglich, schränkt Günther Schmudlach ein: “Dann gibt es nur eines: Demut und umkehren.”
