Spaniens Gesundheitssystem ist deutlich günstiger als das deutsche und trotzdem sind die Spanierinnen und Spanier gesünder. Doch auch hier knirscht es – die Proteste gegen Privatisierungen mehren sich.
Sie sprechen von Ausverkauf und Versteigerung, beklagen Wartezeiten selbst für den Hausarzt von zwei Wochen und mehr, bei einer Ultraschalluntersuchung sogar von einem Jahr: Seit Wochen demonstrieren in Spanien immer wieder Tausende Menschen gegen die Zustände in Spaniens staatlichem Gesundheitssystem, mal in Madrid, mal in Barcelona, mal in Valencia.
In ihrem staatlichen Stadtteilkrankenhaus würden immer mehr Gesundheitsleistungen privatisiert, kritisiert Rosa Pérez – “erst das Labor, jetzt die Magen- und Darmspiegelungen oder die Computertomographie.” Die 57-Jährige gehört einem Arbeitskreis im Madrider Stadtteil Vallecas an, der die Proteste mitorganisiert. Die Befürchtung hier: Auf diese Weise werde das ganze Krankenhaus schleichend an private Träger überführt.
Staatliches System ohne Krankenkassen
Um die Diskussion zu verstehen, muss man wissen: Wer in Spanien krank wird, geht fast immer zum Hausarzt in einem Gesundheitszentrum, der auch die Überweisungen zu Fachärzten ausstellt. Diese Zentren gehören wie die Krankenhäuser dem nationalen Gesundheitsdienst an und werden von den Regionen verwaltet.
Alle, die im Land gemeldet sind – auch Einwanderer ohne Papiere – haben Anspruch auf eine Behandlung. Das gesamte System finanziert sich aus Steuermitteln, nicht aus Krankenkassenbeiträgen, und Ärztinnen und Ärzte oder Pflegerinnen und Pfleger sind öffentlich Beschäftigte.
Inzwischen beauftragen die Regionen aber immer mehr private Träger. Das sorgt bei vielen Menschen für Misstrauen. Private Unternehmen würden mehr auf ihre Gewinne als auf Patientinnen und Patienten achten, befürchtet Rosa Pérez in Vallecas.
Völlig unberechtigt sei die Sorge nicht, meint Gesundheitsökonomin Rosa Urbanos von der Complutense-Universität in Madrid: “Bezahlst Du die Unternehmen für jede Behandlung, schaffst Du den Anreiz, dass möglichst viele Untersuchungen durchgeführt werden”, sagt die Ökonomin. Alternativ sei auch möglich, einen Träger pauschal nach dem Teil der Bevölkerung zu bezahlen, für den ein Krankenhaus zuständig ist. Das schaffe aber den Anreiz, Ausgaben pro Patient zu reduzieren.
Privater Träger wollte kostspielige Eingriffe reduzieren
Ein Beispiel dafür wurde Ende vergangenen Jahres publik. Da gab der Manager eines Krankenhauskonzerns Ärzten in Madrid den Auftrag, auf kostspielige Eingriffe zu verzichten und wirtschaftlich rentablere Maßnahmen vorzuziehen. Die Empörung war so groß, dass das Gesundheitsministerium einen Gesetzentwurf vorgelegt hat, der Privatisierungen einschränken soll.
Doch trotz der landesweiten Debatte sind bislang nur wenige öffentliche Krankenhäuser in Händen privater Träger. In Madrid, wo die Privatisierungstendenzen deutlicher sind, sind es fünf von 35 öffentlichen Kliniken, vier davon betreibt das zum deutschen Fresenius-Konzern gehörende Unternehmen Quirónsalud.
Im europäischen Vergleich ist das Modell sehr günstig. Die rein öffentlichen Gesundheitsausgaben pro Kopf in Spanien liegen bei rund 2.000 Euro, in Deutschland sind es 3.000 Euro mehr, so eine Statistik aus dem spanischen Gesundheitsministerium. Viele Indikatoren wie Lebenserwartung oder Herz-Kreislauferkrankungen zeigen zudem: Die Spanierinnen und Spanier sind gesünder als die meisten übrigen Menschen in Europa, so Rosa Urbanos.
20 Tage Wartezeit für den Hausarzt in Madrid
Dennoch knirscht es auch hier. Eine der Aktivistinnen um Rosa Pérez öffnet die staatliche Gesundheits-App auf ihrem Handy. Der nächste freie Termin bei ihrem Hausarzt wird in 20 Tagen angezeigt. “Wir wollen, dass das Hausarztsystem wieder so funktioniert wie einst”, sagt Pérez. Ein öffentliches Fachärztezentrum in ihrem Stadtteil gehöre ebenfalls zu ihren Forderungen. Vor allem: “Wir wollen ein System, an dem niemand privatwirtschaftliche Interessen hat.”
Expertin Urbanos findet, in der Debatte um die Beteiligung privater Träger am Gesundheitssystem werde zu viel vereinfacht. Dass sich aber so viele Menschen an der Debatte beteiligen, ist für sie ein gutes Zeichen: “Das Gesundheitssystem gehört für die Leute zu den Kronjuwelen unseres Wohlfahrtsstaats.”
