Westliche Staaten sind überzeugt, dass Kreml-Kritiker Nawalny mit einem Gift aus ecuadorianischen Fröschen getötet wurde. Das hätten Laboruntersuchungen ergeben. Nur Russland hätte das Gift einsetzen können.
“Es ist schwer für mich, die richtigen Worte zu finden”, sagt Julia Nawalnaja mit schwerer Stimme. Die Witwe des bekannten Kreml-Kritikers Alexej Nawalny sitzt in einem sterilen Raum am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz mit fünf Stühlen, neben ihr mehrere Außenminister.
“Vor zwei Jahren hatte ich hier den schrecklichsten Tag in meinem Leben”, sagt Nawalnaja. Damals erfuhr sie auf der Sicherheitskonferenz vom Tod ihres Mannes. Jetzt ist für mehrere westliche Staaten klar, woran Alexej Nawalny in russischer Gefangenschaft starb.
Nervengift gefunden
“Seine sterblichen Reste enthielten ein besonders starkes Nervengift, Epibatidin, dessen Wirkung 200-mal so stark ist wie Morphium”, sagt Bundesaußenminister Johann Wadephul in München. “Es lähmt den Atem, die Muskulatur, die Opfer ersticken qualvoll.” Nur die russischen Behörden hätten die Möglichkeiten gehabt, die Mittel und das Motiv, die Vergiftung durchzuführen.
“Wir zeigen unsere Entschlossenheit, den Kreml und die russische Regierung zur Rechenschaft zu ziehen”, sagte die britische Außenministerin Yvette Cooper. “Wir müssen das tun, was sie fürchten: die Wahrheit zu berichten und zu verbreiten,” forderte Cooper in Anlehnung an einen Leitspruch Nawalnys.
Bereits 2020 vergiftet
Nawalny, ein russischer Rechtsanwalt und Politiker, war einer der größten Kremlkritiker und galt als Anführer der Putin-kritischen russischen Opposition. Mit seiner Antikorruptionsstiftung setzte er die Reichen und Mächtigen in Russland öffentlich unter Druck.
Im August 2020 brach er an Bord eines Flugzeugs in Russland zusammen. Bereits damals war er vergiftet worden – mit dem Nervengift Nowitschok. Er wurde in der Berliner Charité behandelt und kehrte nach wenigen Monaten nach Russland zurück – aus Überzeugung, nur dort seine politische Arbeit fortsetzen zu können.
Tod im Straflager
Bei seiner Ankunft wurde er verhaftet, kurze Zeit später wurde ihm der Prozess gemacht. In einer russischen Strafkolonie starb er schließlich am 16. Februar 2024, während der Münchner Sicherheitskonferenz 2024 vor zwei Jahren. “Sein Tod bleibt ein herber Schlag für alle Menschen, vor allem in Russland, die die Hoffnung auf ein freies Land nicht aufgegeben haben,” sagt Wadephul heute. “Die Vergiftung Nawalnys muss Folgen haben.”
Die neuen Erkenntnisse leiten Deutschland, Schweden, die Niederlande, Frankreich und Großbritannien weiter an die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW). Experten aus diesen Ländern hätten das Gift identifiziert – es sind Belege für eine Vermutung, die schon lange kursierte. Über diese Erkenntnisse habe man den OPCW-Generaldirektor informiert, sagt Wadephul. Die OPCW werde weitere Schritte unternehmen, erläutert der niederländische Außenminister David van Weel.
Keine Details zu Ermittlungen
“Ich weiß jetzt, das sind nicht mehr nur Worte. Es sind wissenschaftliche Beweise”, sagt Julia Nawalnaja heute in München. “Wladimir Putin hat meinen Mann getötet mit Hilfe einer chemischen Waffe”, sagt Nawalnaja entschlossen auf russisch. Das sei keine Neuigkeit, dass Putin dazu in der Lage sei, aber jetzt habe man noch einmal Beweise. Wie genau die ermittelt wurden, haben die Außenminister nicht publik gemacht.
Nawalny wurde 2024 auf dem Borissowskoje-Friedhof in Moskau beigesetzt. Doch seine Unterstützer verfügen nach wie vor über ein Netzwerk in Russland, auch wenn die wichtigsten Unterstützer das Land verlassen haben. Es ist gelungen, Teile seiner sterblichen Überreste zu Untersuchungen ins Ausland zu schaffen.
“Putin sollte im Gefängnis sein”, sagte die schwedische Außenministerin Maria Malmer Stenergard der ARD. “Wir müssen den Druck auf Russland erhöhen und ich würde sehr gern weitere Sanktionen gegen die Verantwortlichen wegen des Bruchs von Menschenrechten sehen.”

