Im Zentrum eines neuen Korruptionsskandals in der Ukraine steht ein Wegbegleiter von Präsident Selenskyj. Auch Regierungsbeamte geraten in Bedrängnis. Kritiker vermuten weitere Verstrickungen.
Es sind Ermittlungen, die die Ukraine erschüttern. Die unabhängigen Antikorruptionsbehörden des Landes erheben schwere Vorwürfe gegen eine ganze Reihe hochrangiger Beamter und auch einen Vertrauten von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Am Morgen wurde Justizminister Herman Haluschtschenko suspendiert. Er soll in seiner vorherigen Funktion als Energieminister an illegaler Bereicherung beteiligt gewesen sein.
Selenskyj forderte Haluschtschenko und Energieministerin Switlana Hryntschuk zum Rücktritt auf. Er bitte die Abgeordneten des ukrainischen Parlaments, dies zu unterstützen, sagte er Staatschef in einer Videobotschaft.
Der oppositionelle Abgeordnete Jaroslaw Schelesnjak vermutet gegenüber dem Nachrichtenportal Ukrainska Prawda, dass bisher nur ein Bruchteil des Skandals bekannt sei. “Ich bin überzeugt davon, dass dies der größte Korruptionsskandal in der Geschichte des Landes ist. Es wurden Gelder für den Schutz der Energieversorgung, sogar während der Zeit der Blackouts, gestohlen”, sagt Schelesnjak.
Ein “neuer Oligarch” als zentraler Drahtzieher?
Die Ermittlungsbehörden sprechen von der Gründung einer kriminellen Vereinigung. Im Zentrum der Vorwürfe steht der Unternehmer Tymur Minditsch – ein ehemaliger Geschäftspartner des ukrainischen Präsidenten. Minditsch gilt als Freund von Selenskyj, sein Name tauchte schon in der Vergangenheit im Kontext möglicher Bestechungs- und Bereichungsvorwürfe auf. Der Investigativjournalist Mychajlo Tkatsch bezeichnet Minditsch in einem Artikel als “neuen Oligarchen” der Ukraine.
Er soll illegal Einfluss auf den nun suspendierten Minister Haluschtschenko genommen haben, gibt Serhiy Sawitsky von der Staatsanwaltschaft zur Korruptionsbekämpfung an: “Minditsch hat die Situation unter Kriegsrecht, seine freundschaftlichen Beziehungen zum derzeitigen Präsidenten und seine Verbindungen zu aktuellen und ehemaligen hochrangigen Regierungsbeamten ausgenutzt, um sich illegal zu bereichern.”
Auch Ex-Verteidigungsminister unter Verdacht
Es seien kriminelle Aktivitäten im Energiesektor festgestellt worden, so Sawitsky, durch Einflussnahme auf den damaligen Energieminister Haluschtschenko sowie im Verteidigungssektor durch Einflussnahme auf den damaligen Verteidigungsminister Rustem Umjerow.
Konkret soll es unter anderem um den Bau von Schutzanlagen für die immer wieder von Russland mit Drohnen und Raketen angegriffene Energieinfrastruktur gehen.
Energieexpertin erhebt schwere Vorwürfe
Dass Haluschtschenko in den Fall verwickelt sein soll, kommt für viele Beobachter nicht überraschend. Im Interview mit dem ARD-Studio Kiew wurde die Atomenergieexpertin Olga Koscharna schon Anfang Oktober deutlich: “Ich habe schon neun Energieminister erlebt, aber noch keinen wie Haluschtschenko. Der Mangel an Kompetenz und das Ausmaß der Korruption sind enorm. Da geht es um sehr viel Geld, umgerechnet etwa vier Milliarden Euro jährlich beim Einkauf.”
Vertreter von Lieferanten hätten Koscharna erzählt: “Wenn man früher zehn Prozent der Auftragssumme als Schmiergeld zurückzahlen musste, dann sind es jetzt 50 Prozent. Das gilt für den Einkauf von Kabeln, Sensoren, Röhren, einfach von allem.”
Regierung wollte Behörden einschränken
Präsident Selenskyj gab an, wirksame Maßnahmen gegen Korruption seien dringend erforderlich. Regierungsbeamte müssten mit dem Nationalen Antikorruptionsbüro und den Strafverfolgungsbehörden kooperieren, betonte er.
Noch im Sommer protestierten Tausende Ukrainerinnen und Ukrainer tagelang gegen den Versuch der Regierung, den Ermittlungsbehörden ihre Unabhängigkeit zu entziehen. Beobachter und Aktivisten vermuten einen Zusammenhang zwischen dem damaligen Vorgehen gegen die Behörden und den jetzt bekannt gewordenen Ermittlungen gegen Selenskyjs Vertrauten und hochrangige Regierungsbeamte.
Rebecca Barth, ARD Kiew, tagesschau, 12.11.2025 12:32 Uhr

