Klagen gegen Tipico: Wo ist das Geld?

Klagen gegen Tipico: Wo ist das Geld?

Das Logo von Tipico, einem Anbieter von Sportwetten, ist über dem Eingang zu einer Filiale des Wettbüros angebracht.


exklusiv

Stand: 27.01.2026 12:39 Uhr

Mehrere Tausend Spieler haben Deutschlands größten Sportwettenanbieter Tipico verklagt und teils auch Urteile erwirkt. Sie fordern ihre Verluste zurück. Doch nach Monitor-Recherchen könnte Tipico das Geld längst in Sicherheit gebracht haben.

Von Herbert Kordes und Georg Wellmann, WDR

Michael Keller hatte Oliver Kahn vertraut. Seit seiner Kindheit ist der 48-jährige kaufmännische Angestellte Fan des FC Bayern München. Die deutsche Torwart-Ikone warb jahrelang für den Sportwettenanbieter Tipico. “Ihre Wette in sicheren Händen”, versprach Kahn – und so begann Keller 2015 mit Sportwetten. Am Ende hatte er mit Sportwetten und Glücksspiel rund 80.000 Euro verloren.

Jetzt will Keller (Name geändert) sein Geld vom größten deutschen Sportwettenanbieter zurück – und nicht nur er: “6.000 Klagen – eher mehr” gebe es, schätzt Rechtsanwalt Achim Görg aus Ludwigsburg. Er und andere Anwälte der Klagenden schätzen den Gesamtumfang der Klagen auf bis zu 150 Millionen Euro.

Vertrag ist “nichtig”

Vor Gericht hat Michael Keller Recht bekommen. Der Vertrag sei “nichtig”, denn als er wettete, hatte Tipico in Deutschland gar keine Lizenz für Sportwetten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Doch es gibt viele solcher Urteile, nicht nur gegen Tipico – denn zwischen 2012 und 2020 hatten die Anbieter von Online-Sportwetten und Online-Glücksspiel in Deutschland keine Lizenzen und es gab keinen umfassenden Spielerschutz.

Tipico bestreitet, sich rechtswidrig verhalten zu haben- diese Frage werde durch den Europäischen Gerichtshof (EuGH) geklärt und man sehe dieser Klärung zuversichtlich entgegen, heißt es auf Anfrage des ARD-Magazins Monitor. Die Höhe des möglichen Schadens von 150 Millionen Euro kommentiert Tipico nicht – man habe dafür aber nach internationalen Standards Rückstellungen von “unter 10 Millionen Euro” gebildet.

Also nicht einmal zehn Prozent der geschätzten Schadenssumme. Und viel mehr Geld ist in der beklagten Tipico-Gesellschaft offenbar auch gar nicht mehr vorhanden.

Das maltesische Schutzgesetz

Tipico sitzt im EU-Staat Malta und ist dort zurzeit noch sicher vor den Rückforderungen, denn Malta hat 2023 ein Gesetz erlassen, das zum Schutz der dortigen Glücksspielbranche maßgeschneidert ist: die so genannte “Bill 55”. Danach werden Urteile ausländischer Gerichte gegen Glücksspielunternehmen und Sportwettenanbieter nicht vollstreckt.

Für Anwalt Görg “klar europarechtswidrig”. Die EU-Kommission hat ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Am Ende entscheidet der EuGH – und nach Einschätzung der Kläger stehen die Chancen nicht schlecht, dass er die “Bill 55″kippt. Zusammengefasst laufen also gerade zwei Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof, deren Ausgang für Tipico und andere Glücksspielanbieter sehr teuer werden könnten.

Zweifelhafte Milliardenausschüttung

Versucht Tipico deshalb, das Geld vor den Klägern in Sicherheit zu bringen? Genau diesen Verdacht hat etwa der Branchen-Insider Michael Schmitt von der Online-Plattform “Malta Media”, der mit einer Kollegin die Bilanzen verschiedener Tipico-Gesellschaften analysierte. Er hat dabei einen Milliardenabfluss aus eben jener Tipico-Tochtergesellschaft entdeckt, die die deutsche Lizenz für Sportwetten hält – und gegen die sich die Klagen der Spielenden aus Deutschland richtet.

“Uns ist ganz einfach aufgefallen, dass im Geschäftsbericht von 2024 sehr große Bewegungen waren”, so Schmitt. Konkret geht es um die “Tipico Co. Ltd.”, jenes Unternehmen der Tipico-Gruppe, das seit 2020 die deutsche Lizenz für Sportwetten hat. In deren Geschäftsbericht 2024 findet sich eine Dividendenausschüttung von 1,087 Milliarden Euro an die “Tipico Group” – also an die Muttergesellschaft.

Das sei nicht illegal, betont Schmitt, aber: “Das deutet darauf hin, dass man hier versucht, eine leere Hülle zu hinterlassen, um zukünftigen Spielerverbindlichkeiten aus bestehenden Urteilen aus dem Weg zu gehen”.

Monitor hat den Weg der Milliardenausschüttung innerhalb des Firmengeflechts der Tipico-Gruppe nachvollzogen: Von der Muttergesellschaft – der “Tipico Group Ltd.” in Malta wurde es offenbar an verschiedene Tipico-Gesellschaften in Luxemburg weitergereicht. Ein Großteil der Millionensumme wurde anschließend an die oberste Konzernmutter “CVC Capital Partners VII” auf Jersey weitergereicht. Die Mehrheitsanteile wurden jetzt auch noch weiterverkauft.

Für Regine Buchheim – Professorin für internationale Rechnungslegung an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin – ist der aufgekommene Verdacht nicht von der Hand zu weisen, auch wenn man die Gründe der “Umstrukturierung” von außen nicht beurteilen könne: “Der Abschluss belegt, dass das Tafelsilber – nämlich die Rechte des Internetauftritts, ein Teil des Kundenstammes, die Software und die Marke – an die Mutter übertragen worden sind. Und das kann ich ja nur einmal im Leben eines Unternehmens machen”, so die Expertin gegenüber Monitor.

Geld wurde immer weitergereicht

Ist die “Tipico Co. Ltd.” mit der massiven Gewinnausschüttung – knapp 450 Prozent höher als im Vorjahr – also gezielt arm gemacht worden, um den Klageforderungen zu entgehen?

Tipico-Chef Axel Hefer – gleichzeitig Aufsichtsratschef von Schalke 04 – hat ein Interview dazu abgelehnt. Schriftlich weist das Unternehmen den Verdacht, sein Geld vor den Klägern in Sicherheit bringen zu wollen, allerdings nicht ausdrücklich zurück.

Tipico schreibt von “unlauteren Spekulationen”, die man prinzipiell nicht kommentiere:Die Ausschüttung von Dividenden unterschiedlicher Höhe, Umstrukturierungen sowie Rechtsgeschäfte zwischen unterschiedlichen Gesellschaften innerhalb einer Unternehmensgruppe sind gewöhnliche Vorgänge, die (…) in allen Wirtschaftssparten üblich sind. Sämtliche Transaktionen innerhalb der Tipico Gruppe werden extern überprüft und geschehen auf Basis geltenden Rechts.”

Also alles legal. Aber warum gerade jetzt so viel Geld aus der in Deutschland beklagten Tipico-Tochter ausgeschüttet wurde – dazu macht Tipico keine Angaben.

Der deutschen Aufsichtsbehörde – der Glücksspielbehörde der Länder (GGL) – sind diese Vorgänge bekannt. Wird sie die Tipico-Lizenz jetzt überprüfen? Auf Monitor-Anfrage heißt es nur ganz allgemein: “Behauptete Verstöße (…) werden durch die GGL geprüft.” Zu konkreten Vorgängen in einzelnen Unternehmen äußere man sich grundsätzlich nicht.

Ob Michael Keller und die anderen Kläger ihr Geld zurück bekommen werden, hängt nun erstmal am EuGH. Und dann womöglich an der Frage, ob die “Tipico Co. Ltd.” auf Malta überhaupt noch genug Geld hat. “Ihre Wette in sicheren Händen” – für Michael Keller klingt die damalige Tipico-Werbung mit Oliver Kahn mittlerweile wie Hohn. Kahn reagierte nicht auf eine Anfrage von Monitor.

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *