Die Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina sind zu Ende. Viele hatten vorab am Gastgeber gezweifelt – und wurden eines Besseren belehrt. Kann Melonis Regierung den Erfolg für sich nutzen?
Es war ein Zittern bis zum letzten Moment: Würde Italien es wirklich schaffen, rechtzeitig mit dem Bau aller Spielstätten fertig zu werden? Denn im Vorfeld lief einiges schief bei diesen auf so viele Orte verteilten Spielen. Die Kosten wurden immer höher, die Zeit immer knapper. Ein Problemfall: der Eiskanal in Cortina, der in kürzester Zeit komplett neu aus dem Boden gestampft wurde – trotz aller Nachhaltigkeitsversprechen.
Das Internationale Olympische Komitee war eigentlich schon damit einverstanden, diese Wettbewerbe einfach im Ausland auszutragen. Aber die rechte Regierung in Rom beharrte auf dem Neubau. Matteo Salvini, der stellvertretende Ministerpräsident, machte die Frage nach dem Eiskanal damals zu einer Frage der nationalen Ehre:
Die Olympischen Spiele in Mailand/Cortina müssen italienische Spiele sein. Und die Bobpiste muss in Cortina sein. Wir müssen uns hier beeilen, denn die Spiele 2026 sind eine unglaubliche Gelegenheit für das Ansehen Italiens in der Welt.
Skifahrerin Brignone wurde zum Symbol
Am Ende hat Italien das geschafft, woran viele gezweifelt hatten: Rechtzeitig zum Beginn der Spiele war alles fertig – gut, eher benutzbar als wirklich fertig. Sogar der Eiskanal in Cortina, sogar das zweite Sorgenkind, die Eishockeyarena in Mailand. Und, fast ebenso unerwartet: Italien hat auch sportlich so richtig abgeräumt bei diesen Spielen.
Zum Symbol dafür wurde Skirennläuferin Federica Brignone, die nach einer schweren Verletzung gleich zwei Mal Gold für Italien holte, im Super-G und im Riesenslalom: “Ich bin so glücklich, das ist so verrückt mit diesen Fans”, jubelte sie. “Als ich über die Ziellinie gefahren bin, war ich nicht sicher, ob es gereicht hat, aber dann habe ich die Menge gehört und es war einfach nur Wahnsinn.”
Stimmung, zumindest manchmal
Ja, richtig gehört: Trotz der weiten Wege kam Olympia-Stimmung auf, jedenfalls an einigen Austragungsorten. In Mittel- und Süditalien, weit weg von den Alpen, ist das Olympia-Fieber dagegen nie so richtig hoch gestiegen. Zwar dürften jetzt ein paar Leute mehr den Namen Federica Brignone kennen, die Italienerinnen und Italiener sind auch stolz auf “ihre” Medaillen – aber die Olympia-TV-Quoten beispielsweise waren im Vergleich zu Deutschland im Allgemeinen deutlich niedriger; Italien wird jetzt nicht plötzlich im Ganzen zum Wintersportland.
Auch wenn das Salvini, selbst Mailänder, vermutlich freuen würde. Er nutzte bei diesen Spielen jede Gelegenheit, sein Gesicht in die Kamera zu halten und den Erfolg Italiens zu betonen – Seitenhiebe auf Olympiakritiker und politische Gegner inklusive.
Seitenhiebe auf Olympia-Kritiker
“Das ist das Italien, das der Welt das Beste von sich bietet”, sagte Salvini. “Trotz der Unruhestifter, die Sabotage an den Bahnlinien verüben und in der Nähe des Olympischen Dorfs Randale machen, trotz derjenigen, die sagen ‘wie hässlich ist das denn’. Wir vermitteln Milliarden von Menschen auf der Welt ein wunderschönes Bild.”
Und Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sagte gar: Wer gegen die Spiele protestiert, sei ein Feind Italiens. Die Römerin hat sich selbst aber nur selten bei Olympia blicken lassen. Abgesehen von der Eröffnungs- und Abschlussfeier war sie nur bei einem Shorttrack-Wettbewerb der Damen.
Meloni konzentrierte sich aufs Regieren
Politikwissenschaftler Lorenzo Castellani von der Luiss-Universität in Rom wundert die Abwesenheit nicht: Das sei nicht Melonis Stil. “Meloni hat noch nicht einmal ein Foto mit dem Tennisstar Jannik Sinner gemacht oder mit der Fußballnationalmannschaft. Wohl, weil sie sich für Sport nicht besonders interessiert und das im Allgemeinen einfach nicht so ihr Stil ist.”
Stattdessen reiste Meloni lieber zu den Betroffenen des schweren Erdrutsches nach Sizilien, zur Afrikanischen Union nach Äthiopien. Lorenzo Castellani sieht das positiv – sie habe sich lieber aufs Regieren konzentriert als auf schöne Fotos. Auch überhaupt zieht er eine positive Bilanz dieser Spiele: Es habe keine großen Skandale gegeben, organisatorisch sei vieles dann doch rund gelaufen – damit könne sich die Regierung rühmen. Und werde das auch noch in den nächsten Jahren tun.

