Führerscheine sollen laut Regierung günstiger werden. Wann es so weit ist: unklar. Trotzdem verschieben Fahrschüler nun massenweise ihre Ausbildung – in der Hoffnung auf sinkende Preise. Die Fahrschulen schlagen Alarm.
Fahrlehrer Sven Laven begleitet seinen Schüler Kerols Attia bei seiner letzten Fahrstunde vor der Prüfung. Der Lehrer ist zuversichtlich, dass der 19-Jährige die Prüfung schafft. Vor über einem Jahr hat Kerols Attia den Unterricht begonnen, deutlich vor der Diskussion über die Führerscheinreform. Mit Schülern wie ihm, die viele Fahrstunden benötigen, ist der Terminkalender noch gefüllt. Seine sieben angestellten Fahrlehrer sind ausgelastet.
Dennoch spürt er eine deutliche Zurückhaltung bei den Anmeldungen. Wo üblicherweise zehn bis zwölf Schüler im Unterricht sitzen, sind es derzeit vielleicht zwei, sagt der Fahrlehrer, der in den Städten Olpe und Attendorn im nordrhein-westfälischen Sauerland zwei Fahrschulen betreibt. Er spüre viel Zurückhaltung bei den Anfragen, die jetzt gestellt werden, so Sven Laven. “Diejenigen, die kommen, fragen schon nach dem Preis und lassen sich dementsprechend beraten. Aber es bleiben viele zurück.”
Im Vergleich zum Vorjahr habe er bei den Anmeldungen seit der Diskussion über die Führerscheinreform einen Rückgang von 40 bis 60 Prozent.
Umfrage zeigt deutlichen Rückgang
Das entspricht auch dem Trend, der aus einer bundesweiten Umfrage unter 2.400 Fahrschulen des Interessenverbandes “Moving” hervorgeht. Danach gibt es weniger Anmeldungen in Großstädten: Dort melden 90 Prozent der befragten Fahrschulen einen Rückgang um 58 Prozent. In ländlichen Regionen geben 80 Prozent der befragten Fahrschulen Einbußen um 52 Prozent an.
Diese Entwicklung könnte Folgen haben, befürchtet nicht nur der Verband sondern auch Fahrlehrer Laven. Wenn sich der Trend jetzt fortsetzen sollte, könnte es später zu einem Stau in den Fahrschulen kommen, sobald klar sei, wie es mit der Führerscheinreform weitergehe.
Doch bisher gibt es nur die Ankündigung, dass Anfang kommenden Jahres die Führerscheinreform kommen soll. Um wie viel es günstiger werden könnte, ist unklar.
Empfehlungen des Verkehrsgerichtstags
Jedes Jahr treffen sich mehr als 1.700 Fachleute aus dem Bereich Verkehrssicherheit und Verkehrsrecht in Goslar zum Verkehrsgerichtstag. Sie einigen sich auf Empfehlungen für den Gesetzgeber. In diesem Jahr waren das unter anderem:
- Ein neuer Alkoholgrenzwert für Fahrradfahrer. Ab 1,1 Promille soll der Verstoß als Ordnungswidrigkeit gelten, die mit einem Punkt im Fahreignungsregister sowie einem Bußgeld von 250 Euro bestraft wird. Bisher dürfen Radfahrer mit bis zu 1,6 Promille Alkohol im Blut unterwegs sein, sofern sie keinen Unfall bauen oder Ausfallerscheinungen haben.
- Eine flächendeckende Überwachung der Handynutzung am Steuer etwa durch sogenannte Handy-Blitzer mit bundeseinheitlicher Rechtsgrundlage. Bei Verstößen sollen Autofahrer künftig statt bisher einen zwei Punkte in Flensburg bekommen und Radler ebenfalls künftig einen Punkt. Das Bußgeld soll bei Kraftfahrzeugen auf mindestens 250 Euro hochgesetzt werden.
Führerscheinkosten sind individuell
Aktuell kostet der Führerschein im Schnitt zwischen 3.200 und 3.400 Euro. Aber je nach Bedarf der Fahrschüler können Kosten höher oder niedriger ausfallen. In der Fahrschule in Olpe benötigen die Schüler in der Regel ca. 30 Fahrstunden, um die Prüfung zu bestehen. Vorgeschrieben sind allerdings nur zwölf Sonderfahrten und zwei Übungsstunden.
Unfallforscher Siegfried Brockmann von der Björn-Steiger-Stiftung sieht auf jeden Fall Reformbedarf – vor allem in der theoretischen Ausbildung. “In den vergangenen Jahren haben wir nach dem Motto ‘viel hilft viel’ immer mehr in diese Ausbildung reingepackt. Ich bin aber nicht sicher, ob das alles wirklich erforderlich ist,” so Brockmann.
Grundsätzlich seien die Fahranfänger auf der Straße in den vergangenen Jahren sicherer geworden. Aber das führt er vor allem auf den Führerschein mit 17 zurück. Denn der beinhalte das begleitete Fahren etwa mit Eltern oder Großeltern. “Das hat richtig viel gebracht,” sagt der Unfallforscher, “weil man dabei Fehler mit einem anderen besprechen kann oder vielleicht sie gar nicht erst macht.”
Frühzeitig mit dem Fahren befassen
Fahrlehrer Laven macht eine ähnliche Beobachtung. Sobald Fahranfänger Vorerfahrungen haben und von ihren Eltern bereits an das Fahren herangeführt wurden, reduzieren sich automatisch die Führerscheinkosten. “Manche Fahranfänger wissen gar nicht, wie man ein Lenkrad halten oder drehen soll. So etwas kann man vorher lernen.” Auch das Raumgefühl für ein Auto oder eine Parklücke könne man durch das reine Zusehen beim Fahren schon trainieren.
Kerols Attia musste sich durch seine Führerscheinausbildung durchbeißen, der Ägypter kam vor 13 Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland. Er benötigte rund 70 Fahrstunden. Aber er ist darauf angewiesen, da er sich gerade auf Ausbildungsstellen bewirbt. “Wenn ich einen Ausbildungsplatz bekommen will, ist der Führerschein für mich notwendig, da viele Firmen das verlangen.”
Es geht aber auch schneller und günstiger, sagt Laven. Eine Fahrschülerin hat gerade eine Prüfung mit 23 Fahrstunden gemacht – deutlich unterm Schnitt. Das kostete sie am Ende 2.500 Euro.

