interview
Auch nach dem Tod von Ajatollah Chamenei bricht das Regime in Iran nicht zusammen. Die Armee müsste die Seiten wechseln, sagt Politikberater Adebahr im tagesthemen-Interview. Das sei aber im Moment nicht absehbar.
tagesthemen: Donald Trump spricht von vier Wochen dauernden Angriffen. Der US-Verteidigungsminister will sich nicht festlegen. Wie lange kann der Iran Israel und den USA eigene Militärstärke entgegensetzen? Und wie könnte die Strategie konkret aussehen?
Cornelius Adebahr: Die große Frage ist, was Iran tatsächlich mit den ihm verbleibenden Mitteln erreichen kann. Es ist ja vieles bereits getroffen worden: Raketenabschussbasen, Drohnen, Fabriken, die Luftabwehr und natürlich die militärische Führungsriege.
Das heißt, was wir im Moment sehen, ist vermutlich so etwas wie dezentrale Aktivitäten einzelner Einheiten, ob von der Armee oder von den Revolutionsgarden, die auf selbst gewählte Ziele versuchen zu schießen. Aber es scheint im Moment keine interne Kontrolle, keine Führung zu geben. Und das ist das, was die Iraner natürlich am meisten behindert: dass sie sich nicht koordinieren können und dass die Vorräte, die sie an Raketen beispielsweise seit dem Krieg im letzten Sommer wieder aufgebaut haben, zu Ende gehen.
tagesthemen: Was heißt das konkret?
Adebahr: Das heißt, dass wir tatsächlich nicht abschätzen können, wie lange Iran das durchhalten wird. Das Kalkül der iranischen Führung scheint zu sein, möglichst viele Nachbarstaaten in Mitleidenschaft zu ziehen. Die Angriffe auf sämtliche Nachbarstaaten im Persischen Golf sind ja bereits erfolgt.
Saudi-Arabien wird vermutlich versuchen, selber einzusteigen. Das heißt, wenn erst mal der Krieg geweitet ist, das Chaos größer geworden ist, dann rechnet das iranische Regime vielleicht mit einer Überlebenschance.
Cornelius Adebahr
Cornelius Adebahr ist Politologe bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und unabhängiger politischer Analyst und Berater. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört Iran, von 2011 bis 2016 lebte er in Teheran.
Huthis könnten noch eingreifen
tagesthemen: Der Krieg weitet sich auch auf den Libanon aus. Wie wahrscheinlich ist denn eine weitere Eskalation in der Region?
Adebahr: Das hängt tatsächlich davon ab, ob die Amerikaner und die Israelis mit den über 1.000 Schlägen, die sie gemacht haben, Erfolge mittelfristiger Art erzielen, so dass die Iraner keine Raketen mehr verschießen können. Das ist im Moment nicht abzusehen.
Die Hisbollah, die ja mit Iran alliiert ist, hat ihre Angriffe jetzt begonnen. Das war etwas, was im vergangenen Sommer ausgeblieben ist. Natürlich stehen auch die mit dem Rücken an der Wand, weil ihr Verbündeter, ihr Sponsor in Teheran, selber geschwächt ist. Die Hamas-Miliz ist bereits dezimiert. Die Huthis könnten noch eingreifen auf der Seite Irans, in dem sie im Roten Meer für Unruhe sorgen. Aber das sind Szenarien, die man in der Vergangenheit bisher ausgemalt hat, aber die sich bis jetzt noch nicht materialisiert haben.
Keine Ein-Mann-Diktatur
tagesthemen: Der oberste Führer des Iran ist tot. Aber der Iran ist keine Ein-Mann-Diktatur. Das sehen wir jetzt. Es rücken andauernd Leute nach. Das Regime bricht nicht einfach so zusammen. Was muss denn passieren, damit die innere Stabilität des Machtapparats zerstört wird? Oder können sie einfach so weitermachen wie gehabt?
Adebahr: Ein Teil des Sicherheitsapparates müsste die Seiten wechseln. Da wird immer die Armee ins Auge gefasst. Neben der regulären Armee gibt es ja die Revolutionsgarden, die ideologisch geprägt sind und die die Islamische Republik als solche verteidigen.
Die Armee fühlt sich dem Land Iran stärker verbunden und die Armee war es auch, die 1979 bei der Islamischen Revolution die Seiten gewechselt hat. Das wäre natürlich ein Signal. Das ist im Moment aber noch nicht erkennbar.
Das Regime hat erst im Januar mit der brutalen Niederschlagung der Proteste und mutmaßlich Zehntausenden toten Protestierenden bewiesen, dass es gewillt ist, hier sprichwörtlich über Leichen zu gehen und dass es nach innen mit harter Brutalität versucht, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Das ist für eine Bevölkerung, die gerade unter Beschuss steht, doppelt schlimm.
tagesthemen: Sie haben es schon angesprochen: Es ist nicht ganz einfach zu durchschauen. Es handelt sich im Iran um eine Parallelstruktur, auch beim Militär. Neben den Streitkräften gibt es die Revolutionsgarde, die Hunderttausende aktive Soldaten und Reservisten umfasst. Wie viel Macht übt die Revolutionsgarde noch aus?
Szenario wie in Venezuela
Adebahr: Die Revolutionsgarden sind wahrscheinlich diejenigen, die – wenn überhaupt – im Moment noch Macht ausüben und das Sagen haben. Die sind auch diejenigen, die immer wieder gehandelt werden als eine mögliche Alternative. Nicht im Sinne eines demokratischen Wandels, sondern als diejenigen, die sagen könnten: Wir setzen jetzt die religiöse Führung ab. Der Oberste Führer ist bereits ermordet. Jetzt wäre die Frage, wer ihm nachfolgt.
Und diese Transition könnte man nutzen und sagen, wir installieren ein anderes Führungsregime, das eben auf der der Stärke der Revolutionsgarden aufbaut und das sich dann beispielsweise den Amerikanern für neue Beziehungen anbietet. Das ist dieses Szenario wie in Venezuela. Man tauscht nur die Spitze aus und am Ende ändert sich weitaus weniger, als die Menschen ursprünglich gehofft haben.
tagesthemen: Und wenn US-Präsident Trump und Israels Premier Benjamin Netanjahu das iranische Volk aufrufen, jetzt den Moment zu nutzen: Welche Möglichkeiten hat das iranische Volk?
Adebahr: Realistischerweise wird es gerade von Krieg und dem eigenen Regime bedroht. Die Menschen sind aufgefordert, beispielsweise Teheran zu verlassen. Man macht sich Sorgen um seine Angehörigen. Man versucht mit Freunden und Verwandten überhaupt wieder in Kontakt zu treten.
Das ist alles nicht der Moment, um sich gegen das Regime aufzulehnen. Diesen Moment gab es im Januar. Damals hatte Trump schon Hilfe versprochen. Die kommt jetzt deutlich später. Und es kann sein, dass der Moment, um diesem Wandel, der sich in Iran breitgemacht hatte, mehr Raum zu geben, verstrichen ist.
Das Gespräch führte Jessy Wellmer für die tagesthemen. Es wurde für die schriftliche Fassung redigiert.
