Kalkablagerungen aus dem Wassersystem Pompejis liefern neue Erkenntnisse zur Wasserqualität antiker Thermen. Eine Mainzer Studie zeigt: Das Badewasser war oft trüb, schwermetallbelastet und wurde nur selten gewechselt.
Im antiken Pompeji gehörten öffentliche Thermen zum festen Bestandteil des Alltags. Die Anlagen wurden von vielen Menschen regelmäßig genutzt, nicht nur zur Körperpflege, auch für soziale Begegnungen.
Neue Daten zeigen, dass die Wasserqualität in diesen frühen Bädern deutlich schlechter war als lange angenommen. “Ich glaube, im republikanischen Bad wäre ich nicht gerne gewesen”, sagt die Geochemikerin Gül Sürmelihindi von der Uni Mainz.
Mit ihrem Team hat sie erstmals Kalkablagerungen aus dem Wassersystem Pompejis chemisch analysiert. Diese Krusten sind wie ein Speicher, der ergänzt, was Architektur und Bücher bislang nicht verraten. “Was wir hinzugefügt haben, ist die Information über die Zusammensetzung des Wassers und den Wasserfluss in den Bädern und im Wassersystem – was bisher fehlte”, erklärt Mitautor Cees Passchier.
Trübes Wasser ist Alltag im antiken Pompeji
Die Daten zeigen, dass das Wasser in den republikanischen Bädern etwa eine trübe Mischung aus Badeölen und Körperflüssigkeiten war. Ein Zustand, der damals wohl in vielen Städten Alltag war. Doch nachweisen lässt sich das heute schwierig – außer dort, wo die Vulkanasche alles konserviert hat – wie in Pompeji. Selbst in dieser wohlhabenden Stadt war die Wasserversorgung 100 Jahre vor dem katastrophalen Vulkanausbruch noch mühsam.
“Wir schauen uns hier ein frühes Badeerlebnis in Pompeji an. Das war die Zeit, als sie noch Brunnen und Hebewerke benutzten, die von Sklaven angetrieben wurden – mit einer Art Tretrad, mit dem sie Eimer aus einem tiefen Brunnen nach oben beförderten”, führt Geochemiker Cees Passchier aus.
Wenig Frischwasser, kaum Verbesserungen
Laut den Forschenden konnten etwa tausend Liter frisches Grundwasser am Tag gefördert werden – also nicht einmal ein Wasserwechsel täglich. Die Betreiber versuchten gegenzusteuern.
Passchier sah etwa im Kalk, dass beim Hochpumpen später weniger Wasser verschüttet wurde. “Offenbar hatte das erste Hebewerk Eimer, die viel Wasser verloren. Dann änderten sie die Art der Eimer und vielleicht das Hebewerk selbst, und es war effektiver”, so Passchier.
Hinzu kamen wohl neue Heizkessel, die die Situation allerdings nur bedingt verbesserten. Die Legierung der Kessel hat das Wasser mit Schwermetallen, wie Blei, Zink und Kupfer belastet. Jedoch war das Wasser in Pompeji so kalkhaltig, dass sich schnell eine Schutzschicht über dem Metall bildete.
Aufgegeben, aber nicht zerstört
Die republikanischen Thermen konnten dennoch mit den größeren, neueren Bädern der Stadt irgendwann nicht mehr mithalten. Schließlich gaben sie die Anlage auf, und sie wurde zu einem Garten, so Sürmelihindi.
Genau das ist für die Mainzer Forschenden ein Glücksfall. Denn als um 20 vor Christus unter Kaiser Augustus endlich sauberes Wasser über ein Aquädukt in die Stadt floss, wurden die anderen Bäder modernisiert – und die alten Dreckschichten weggeschrubbt.
Ein Blick ins vulkanische Grundwasser
Die Forschenden hätten Glück gehabt, erklärt Sürmelihindi, denn wenn Menschen damals das Becken verändert hätten, hätten die Forschenden das abgelagerte Kalziumkarbonat-Material aus der Vergangenheit vielleicht nie gesehen und hätten es nicht rekonstruieren können.
Der Kalk birgt noch ein letztes Geheimnis aus dem vulkanischen Grundwasser: Die Forschenden fanden seltsame Schwankungen. Passchier erklärt, eine Möglichkeit sei eine zu- und abnehmende Menge an vulkanischem Kohlendioxid, das im Grundwasser gelöst ist. Diese Schwankungen würden auch bei anderen Vulkanen auf der Welt beobachtet.
Möglicherweise haben die Forschenden hier ein chemisches Grollen des Vulkans entdeckt, schon Jahrzehnte vor der Katastrophe. Wer 200 Jahre früher in Pompeji baden ging, saß also buchstäblich auf einem Pulverfass – in einer ziemlich schmutzigen Brühe.
