Hybride Bedrohung: BKA zählt mehr als 320 Sabotage-Verdachtsfälle  

Hybride Bedrohung: BKA zählt mehr als 320 Sabotage-Verdachtsfälle  

Die Korvette F 266 "Emden" liegt zwischen den Korvetten F 265 "Köln" und F 267 "Karlsruhe" am Kai einer Hamburger Werft.


exklusiv

Stand: 05.02.2026 14:00 Uhr

Hunderte Male sollen im vergangenen Jahr Saboteure in Deutschland zugeschlagen haben – besonders oft in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Das zeigt eine vertrauliche Analyse des Bundeskriminalamts, die NDR, WDR und SZ vorliegt.

Von Manuel Bewarder, NDR/WDR, Jörg Diehl, NDR/WDR und Florian Flade, WDR

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland insgesamt 321 Sabotage-Verdachtsfälle registriert – das geht aus einem eingestuften Lagebild des Bundeskriminalamts (BKA) hervor, das NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung (SZ) vorliegt. Schon in den ersten Wochen des neuen Jahres registrierte das BKA erneut mehrere mutmaßliche Sabotageakte.

Am 7. Januar verschafften sich demnach Unbekannte Zutritt zu einem Umspannwerk in Wuppertal. Eine Eingangstür wurde aufgebrochen, später eine Tasche mit Werkzeug entdeckt. Einen Tag später erfasste die Polizei im bayerischen Starnberg einen versuchten Einbruch in eine Windenergieanlage. In Oberhausen verschwanden am 9. Januar zwei Funkgeräte der Deutschen Bahn, mit denen der Rangierfunk des Güterverkehrs mitgehört werden könnte.

Wiederum einige Tage später entgleiste in Essen die Lok eines Güterzuges, der beladen war mit Chlor, Formaldehyd und Nitrobenzol. Am Gleis waren Metallklammern angebracht worden. Auf der Strecke sollte an jenem Abend eigentlich ein Transport mit Munition und Ausrüstung für das US-Militär fahren – dieser war jedoch umgeleitet worden.

Die meisten Vorfälle in NRW und Niedersachsen

Im Oktober vergangenen Jahres wurde die Informationssammelstelle “Zeitenwende” eingerichtet. Dort erfasst das BKA seitdem systematisch mögliche Sabotageakte und Ausspähversuche. NDR, WDR und SZ liegt ein “Zeitenwende”-Lagebild vor. Aus dem vertraulichen Papier geht hervor, dass die Polizei 2025 bundesweit insgesamt 321 Sabotage-Verdachtsfälle registrierte. Auch eine Auflistung nach Bundesländern findet sich darin.

In Nordrhein-Westfalen (88) und Niedersachsen (51) gab es demnach die meisten Vorfälle, gefolgt von Bayern (30), Sachsen (30), Hessen (21), Baden-Württemberg (19), Rheinland-Pfalz (18), Berlin (14), Brandenburg (11), Bremen (8), Sachsen-Anhalt (7), Hamburg (6), Mecklenburg-Vorpommern (6), Saarland (4), Schleswig-Holstein (4) und Thüringen (3).

Das BKA registriert die Ereignisse in den Kategorien “Bahnanlagen/-schienen”, “Bundeswehr”, “Kraftwerk/Firma Öl/Gas/Kohle”, “Polizei”, “Funkmast/Relaisstation”, “Umspannwerk/Strommast/-leitung”, “Wasserwerk/-versorgung”, “Flughafen/-verkehr”, “Sonstige Behörde/Verwaltung” und “Sonstige Infrastruktur”.

Mutmaßliche Drohnenüberflüge

Ebenfalls zählt das BKA mutmaßliche Drohnenüberflüge, teilweise soll es sich um Ausspähungen handeln. Dem Dokument zufolge wurden den Behörden im vergangenen Jahr 1.289 solcher sogenannter Sachverhalte gemeldet mit insgesamt 2.310 Drohnenüberflügen – in einigen Fällen seien nämlich gleich mehrere Flugobjekte gesehen worden, heißt es.

Dem Dokument zufolge beobachtete die Besatzung des Bundespolizeischiffs “Bayreuth” in der Nacht auf den 11. Januar mehrere rot-grün blinkende Objekte am Nachthimmel über der Ostsee. Zwei der mutmaßlichen Drohnen sollen eine Zeit lang über der Insel Fehmarn geflogen sein. Zu jener Zeit befand sich ein Öltanker in der Nähe, der aus Russland kommend gen Westen fuhr.

Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass russische Geheimdienste hinter einigen dieser Vorfälle stecken könnten. Die Dienste hätten es, so etwa die Einschätzung des Verfassungsschutzes, vor allem auf militärische Einrichtungen und kritische Infrastruktur wie Energieversorgung oder Verkehrssysteme abgesehen.

“Wegwerf-Agenten” angeworben

Dazu würden russische Geheimdienste seit einiger Zeit sogenannte “Wegwerf-Agenten” anwerben. Damit gemeint sind keine professionellen Spione, sondern Personen, die meist über das Internet kontaktiert werden. Sie sollen gegen Bezahlung beispielsweise Militärtransporte ausspähen und Sabotageakte verüben. In mehreren europäischen Ländern, auch in Deutschland, nahmen die Behörden entsprechende Personen in den vergangenen Jahren fest. Russland hat die Beteiligung an solchen Aktionen in der Vergangenheit stets bestritten.

Um sich besser gegen solche verdeckt ausgeführten Aktionen zu rüsten, will das Bundesinnenministerium demnächst im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) ein Abwehrzentrum gegen sogenannte hybride Bedrohungen einrichten. Ähnlich dem Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) in Berlin, das sich seit Jahrzehnten mit islamistischem Terrorismus befasst.

Künftig will man mögliche Spionage und Sabotage zügiger erfassen, analysieren und schneller auf die Ereignisse reagieren können. Seit Oktober 2025 tritt im BfV in Köln bereits jeden Mittwochnachmittag eine Runde von Vertretern der Sicherheitsbehörden aus Bund und Ländern zusammen, um sich zu Sabotage-Verdachtsfällen auszutauschen.

Viele Fälle seit Kriegsbeginn

Vor allem seit Beginn des russischen Angriffskrieges hat sich die Frequenz mutmaßlicher Sabotageakte in Deutschland stark erhöht. Mittlerweile verzeichnen die Ermittler auch einige Erfolge: In Polen klagten die Behörden jüngst mehrere Personen an, weil sie im Auftrag Russlands Brandsätze in Luftfracht versteckt haben sollen – in Leipzig kam es dadurch fast zur Katastrophe. In München wurden drei Männer verurteilt, weil sie für einen russischen Nachrichtendienst Bahnstrecken für mögliche Anschläge auf Militärtransporte ausgespäht hatten.

Erst in dieser Woche ließ die Hamburger Generalstaatsanwaltschaft einen Rumänen und einen Griechen festnehmen. Sie stehen im Verdacht, im vergangenen Jahr versucht zu haben, auf einer Werft im Hamburger Hafen mehrere Kriegsschiffe zu beschädigen. Unter anderem wird ihnen vorgeworfen, wichtige Systeme blockiert zu haben. Auch soll kiloweise Strahlkies in den Motorblock der Korvette “Emden” geschüttet worden sein. Es gilt die Unschuldsvermutung.

In einigen der spektakulärsten Fälle, in denen die Ermittler weiterhin von Sabotage ausgehen, konnten jedoch keine Täter ausgemacht werden. So hatte jemand auf einem Kriegsschiff der Marine Kabelbäume durchtrennt, in einem anderen Fall wurde offenbar absichtlich Altöl in das Trinkwassersystem eines Schiffs geleitet. In beiden Fällen stellten die Staatsanwaltschaften ihre Verfahren ein.

Nicht jeder Alarm zutreffend

In anderen Fällen deutet sich inzwischen an, dass nicht jeder Alarm zutreffend gewesen sein muss. Für Aufsehen sorgten etwa Drohnensichtungen über einem Industriepark im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel – die Ermittlungen konnten jedoch nicht klären, was sich genau ereignet hatte. Unklar blieb bis heute, ob tatsächlich ungewöhnlich große, möglicherweise sogar militärische Aufklärungsdrohnen über dem Gelände gekreist waren. Mitunter entpuppen sich derartige Meldungen als Fehlwahrnehmungen.

Womöglich war das auch in Köln der Fall. Erstmals im Sommer 2024 hatten Löcher im Zaun einer Bundeswehr-Kaserne für Schlagzeilen gesorgt. Die Rede war davon, die dortige Wasserversorgung könnte angegriffen worden sein. Laut Staatsanwaltschaft gibt es jedoch bislang keine “erfolgversprechenden Ermittlungsansätze”. Man könne auch einen weniger brisanten Hintergrund nicht ausschließen: zum Beispiel, dass die Löcher im Zaun bei gewöhnlichen Grünpflegearbeiten verursacht wurden.

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