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Die EU und Indien haben ein Handelsabkommen unterzeichnet. Viele Unternehmen setzen große Hoffnungen darauf. Ein Mittelständler aus Stuttgart erlebt seit Langem, dass sich Geschäfte mit dem Land auszahlen.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (IHK) greift zu Superlativen, wenn es um das Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien geht: Als größtes Abkommen weltweit bezeichnet die IHK den Deal etwa – und als “Game-Changer” für die deutsche Wirtschaft. Das Abkommen ist jetzt unterzeichnet worden.
Der Kabelhersteller Lapp aus Stuttgart schon seit fast 30 Jahren auf Indien – für den Mittelständler ist das Land Handelspartner, aber auch als Produktionsstandort. Das erste von drei Lapp-Werken in Indien wurde 1998 in Bangalore eingeweiht, das neueste im vergangenen Jahr in Dharuhera. Dort werden Kabel hergestellt, aber auch Zubehör für die Branchen Erneuerbare Energien und Schienenverkehr – vor allem für den indischen Markt.
Strategie zahlt sich aus
Während sich viele Unternehmen in Deutschland und der EU in den vergangenen Jahrzehnten eher auf China fokussierten, entschied sich Lapp für Indien. Eine Strategie, die sich für das Unternehmen auszahlt: Denn nach Deutschland ist Indien der größte Markt für die Lapp-Gruppe.
Und dennoch erhofft sich auch Lapp von dem Handelsabkommen, weitere Potenziale des indischen Marktes zu erschließen. Firmenchef Matthias Lapp bewertet das Handelsabkommen als “historischen Schritt” – insbesondere für Deutschland. Indien und die EU haben laut Lapp bereits heute ein großes Handelsvolumen, Tendenz steigend. Deutschland habe daran “den mit Abstand größten Anteil”.
Lapp hofft auf “neue Dynamik bei Kunden”
Lapp verfolgt laut dem Firmenchef zwar die “local for local”-Strategie; sie produziert also in Indien hauptsächlich für den indischen Markt. “Doch natürlich profitieren auch wir von wegfallenden Handelsbarrieren”, erklärt Lapp – etwa, weil Spezialkabel des Unternehmens aus anderen EU-Ländern nach Indien exportiert werden.
Ein Katalysator für intensivere Handelsbeziehungen mit Indien sind laut Lapp die geopolitischen Entwicklungen der vergangenen zwölf Monate. So erklärt Lapp: “Für Indien und die EU waren die geopolitischen Entwicklungen der letzten zwölf Monate sicherlich ein deutlicher Anreiz, ihre wirtschaftliche Partnerschaft zu vertiefen und sich unabhängiger von externen Marktverwerfungen zu machen.” Das Handelsabkommen schaffe einen stabilen, verlässlichen und für beide Seiten offenen Wirtschaftsraum. Der biete strategische Planungssicherheit, so Lapp. “Branchen wie Technologie, Pharma, Textil, Automobil und elektrische Maschinen profitieren unmittelbar.”
Profiteure vor allem deutsche Mittelständler
Lob für das Abkommen kommt auch von Jan Nöther, dem Direktor der deutsch-indischen Handelskammer. Er geht davon aus, dass es den Marktzugang deutscher Produkte und Dienstleistungen zum indischen Markt deutlich erleichtern wird. Profiteure sind laut Nöther vor allem exportierende deutsche Mittelständler – vor allem für solche, die “qualitativ hochwertige deutsche Technologielösungen” anbieten. “Darüber hinaus werden verbesserte Investitionsbedingungen zu einem stärkeren Engagement der deutschen Industrie vor Ort führen”, erklärt Nöther.
Auch was das Thema Fachkräftemangel und Fachkräfte aus dem Ausland angeht, könnte das Abkommen laut Nöther etwas bewegen. Er glaubt, das Abkommen könne die Zuwanderung indischer Fachkräfte nach Deutschland erleichtern. Konkret könnten Rahmenvereinbarungen für digitale Lösungen etwa für die Anerkennung von Bildungsabschlüssen und der Visavergabe ansetzen. Davon würden insbesondere Branchen mit Fachkräftemangel wie IT, Ingenieurwesen und Gesundheitswirtschaft profitieren.
Riesiger Wachstumsmarkt
Vorteile sieht auch Eike Wenzel. Er ist Zukunftsforscher und Innovationsökonom beim Institut für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) in Heidelberg. Er schaut sich an, wie sich Märkte und Lebensstile verändern und leitet daraus Prognosen und sogenannte Megatrends ab. Wenzel erklärt: “Der EU-Indien-Deal ist so wichtig, weil er mit rund 1,4 Milliarden Menschen einen riesigen Wachstumsmarkt erschließt, die Abhängigkeit von China verringert, die Lieferketten diversifiziert, die europäische Industrie stärkt und geopolitische Partnerschaften in einer multipolaren Welt festigt.”
China diene mitunter als Blaupause. Indien sei dagegen gerade für zukunftsorientierte Branchen in Deutschland wie Maschinenbau oder Energie ein vielversprechender Partner für Exporte und Technologietransfer. Indiens Regierung tue dafür auch einiges, so Wenzel. “Sie fördert den Energiesektor stark, macht Indien zu einem attraktiven Investitionsmarkt und strebt 2040 weitgehend Energieautarkie an.” Inmitten geopolitischer Wirren habe Indien verstanden, dass Energiefragen Fragen der eigenen Souveränität und der geostrategischen Absicherung sind, so Wenzel weiter.
Indien muss noch an Infrastruktur arbeiten
Schwachstellen sieht Wenzel vor allem bei der indischen Infrastruktur – von den Stromnetzen bis zu einer resilienten Krankenhaus-Infrastruktur. “Nirgendwo ist der Strom für Unternehmen teurer als in Indien. Das hängt zusammen mit dem Strom, den indische Energieversorger bislang zum Selbstkostenpreis an die Bauern weitergeben.”
Hier müsse Indien ansetzen, so Wenzel. Bis 2030 wird Indien nach Angaben des Zukunftsforschers so viel Strom benötigen wie die EU. Und auch, ob die größte Demokratie der Welt eine Demokratie bleibt, müsse sich klären. Denn Indien beziehe rund ein Drittel seines Öls aus Russland.
Planungssicherheit als kritischer Punkt
Und auch Nöther sieht auch nach Unterschrift des Abkommens nicht alle Handelshemmnisse beseitigt. “Trotz eines Freihandelsabkommens wird Indien bestimmte arbeitsplatzintensive, traditionelle Branchen wie Landwirtschaft, Stahlbau und Automobilindustrie weiterhin schützen.” Dadurch bleiben laut Nöther teilweise hohe bürokratische Anforderungen, nicht-tarifäre Handelshemmnisse sowie aufwendige Zertifizierungsverfahren bestehen.
Unabhängig davon gilt die indische Regulierungspraxis als komplex, etwa was administrativen Aufwand betrifft. So kommt es laut Nöther auch vor, dass Regelungen mit kurzen Vorlaufzeiten erlassen werden. Das erschwere die Planungssicherheit. Also: eine Verbesserung für den Handel mit Indien – aber noch Luft nach oben.

