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Beschimpft, bedroht, beleidigt: In Großbritannien beklagen Anwälte und Richter, die sich um die Belange von Flüchtlingen kümmern, eine zunehmende Verrohung. Diese spiegelt sich auch in Medien und Politik wider.
Harjap Bhangal betreibt eine Anwaltskanzlei im Westen von London. Der Brite vertritt seit mehr als 20 Jahren unter anderem Migranten, sein Spezialgebiet ist Asylrecht.
In den vergangenen Jahren wurde er immer öfter beschimpft und bedroht. “Es gab Tweets, da nannten sie mich versifft, Abschaum, ich solle zurückgehen, wo ich herkomme. Dabei bin ich in Romford (bei London, Anm. d. Redaktion) geboren”, sagt er. In einer Mail drohte ihm jemand und schrieb, er hoffe, dass ihm in den Kopf geschossen werde.
Angriff auf den Rechtsstaat
Bhangals Name stand auf einer Liste, die Rechtsradikale verschickt hatten – darauf waren zahlreiche Anwälte für Asylrecht erwähnt. Solche Attacken haben System. Sie sollen einschüchtern, Geflüchtete gar nicht mehr zu vertreten. Doch sie sind auch ein Angriff auf den Rechtsstaat.
“Wir werden ernannt für einen Klienten”, sagt Bhangal. Sie würden sicherstellen, dass die Regierung ihre Macht nicht ausnutze, sie würden Klienten die Gesetzeslage erklären und dafür sorgen, dass alles im rechtlichen Rahmen abläuft.
Die Anwaltskammern im Vereinigten Königreich sind alarmiert. Sie registrieren immer mehr Fälle, in denen Anwälte, aber auch Richter angegangen werden. Die Vorsitzende des Bar Council in London, Kirsty Brimelow, sprach das Thema sogar beim Neujahrstreffen der Vereinigung an.
Immer polarisiertere Debatten
Die Gründe für die Zunahme der Attacken liegen auf der Hand. Das Thema Migration und Asyl wird immer polarisierter diskutiert. In vielen Medien wird gehetzt gegen Geflüchtete und auch Anwälte und Richter – beispielsweise im Sender Talk TV, in dem der Moderator in einer Sendung jüngst von diesen “verfluchten linken Anwälten” sprach. Im Sender GB News benutzt der ehemalige Politiker der Konservativen, Jacob Rees-Mogg, ein ähnliches Vokabular.
Genau da liegt das Problem, dass selbst konservative Politiker in diesen Chor einstimmen – obwohl sie ja mal in Regierungsverantwortung waren, also durchaus Gesetze hätten verschärfen können. Jemand, der das auf die Spitze trieb, ist Robert Jenrick. Er war justizpolitischer Sprecher der Konservativen und unter Premier Rishi Sunak sogar Staatssekretär für Migration.
Robert Jenrick hat auf dem Parteitag der Tories im Oktober 2025 die Arbeit von Richtern massiv attackiert – symbolisch hielt er eine Richterperücke hoch.
Richter werden lächerlich gemacht
Auf dem Parteitag der Konservativen im Oktober 2025 sprach er vor den Parteimitgliedern, hielt eine Richterperücke hoch, das Symbol für die Justiz. Er habe aufgedeckt, dass Dutzende Richter Verbindungen hätten zu Hilfsorganisationen, die sich für offene Grenzen einsetzten. “Die ihre ganze Karriere damit verbringen, dass illegale Migranten in unserem Land bleiben können.”
Belege lieferte Jenrick nicht für diese Anschuldigungen. Mittlerweile ist er bei den Konservativen rausgeflogen und bei der Partei von Nigel Farage, Reform UK, eingestiegen.
Kirsty Brimelow macht auch Politiker wie Jenrick verantwortlich für die Zunahme der Attacken. “Wenn Politiker, die daraus Kapital schlagen wollen, auf die Bühne gehen und eine Perücke hochhalten, Anwälte und Richter angehen, dann sagt das viel aus über den Zustand unserer Gesellschaft.” Sie befürchtet: hier werde die Rechtsstaatlichkeit “zerhackt”.
Brexit als Wendepunkt
Ganz ähnlich sieht das Jane Coker. Sie war jahrelang Richterin, ist jetzt im Ruhestand. Erst jetzt darf sie sich öffentlich äußern. Sie kennt mehrere Richter, die massiv bedroht wurden. Sie berichtet auch von einer Spezialeinheit der Polizei, die gegründet wurde, um Richter zu schützen. In einem Fall wurde einem Richter geschrieben, sein Gesicht solle zerschmettert werden.
Coker hat einen Wendepunkt ausgemacht, ab dem es eigentlich immer schlimmer wurde mit den Bedrohungen und Beleidigungen. Das war 2016, nach dem Brexit-Referendum, als diskutiert wurde, ob die Regierung den Austritt aus der EU in Brüssel auslösen darf oder ob vorher ein Parlamentsbeschluss herbeigeführt werden muss. Damals entschieden die Obersten Richter genau so – und weil es die Befürchtung gab, jetzt könnte der Brexit gestoppt werden, hetzten rechte Blätter gegen die Richter.
Fotos von ihnen wurden auf die Titelseite gepackt, bei der Zeitung Daily Mail stand darüber in großen Lettern: “Die Feinde des Volkes”. Jane Coker argumentiert, die Richter hätten schlicht die gesetzliche Situation bewertet, ihre Arbeit getan. Der Zeitungstitel sei völlig inakzeptabel gewesen. Vor allem war der Titel der Daily Mail, das öffentliche Bloßstellen der Richter, ein Dammbruch – zum Schaden des Rechtsstaates.
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