Gewalt gegen Frauen: Ein Karton, der Gewaltbetroffenen helfen kann

Gewalt gegen Frauen: Ein Karton, der Gewaltbetroffenen helfen kann

Der Inhalt aus einem Paket mit der Beschriftung "Untersuchungskit - häusliche und sexualisierte Gewalt" liegt ausgebreitet auf einem Tisch.

Stand: 25.11.2025 14:29 Uhr

Mehr als 187.000 Frauen haben 2024 in Deutschland häusliche Gewalt erlebt. Viele Betroffene trauen sich nicht, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. In Rheinland-Pfalz soll ihnen ein Projekt dabei helfen.

Johannes Baumert

Es ist nur ein kleiner weißer Pappkarton, der bei Cleo Walz auf dem Schreibtisch steht, kaum größer als ein Schuhkarton. “Da ist alles drin, was man für eine solche Untersuchung benötigt”, erklärt die Oberärztin für Rechtsmedizin an der Uniklinik Mainz: Wattestäbchen, um Spuren zu sichern, eine SD-Karte, um Fotos zu speichern, Material für Urin-Tests und eine detaillierte Anleitung. “Dieses Untersuchungskit bietet den Ärztinnen und Ärzten einfach Handlungssicherheit.”

Walz leitet das Projekt “Vertrauliche Hilfe nach Gewalt”. Bereits acht Kliniken in Rheinland-Pfalz nehmen daran teil. Wer Gewalt erfahren hat, kann sich in diesen Kliniken vertraulich untersuchen lassen. Die Spuren werden gesichert und fünf Jahre in der Rechtsmedizin verwahrt. 

So können sich Betroffene auch erst Monate oder sogar Jahre nach der Tat dazu entscheiden, zur Polizei zu gehen. Denn viele Betroffene trauen sich etwa nach Missbrauch oder einer Vergewaltigung nicht in eine Klinik – oft aus Angst, dort zu einer Anzeige gedrängt zu werden. 

“Nach diesen Übergriffen sind Betroffene oft gar nicht bereit, eine Anzeige zu erstatten”, sagt Cleo Walz. “Diese Delikte passieren oft hinter verschlossenen Türen. Da bestehen teilweise große Abhängigkeiten. Man hat vielleicht gemeinsame Kinder, ist auch finanziell abhängig.” Das Projekt soll Betroffenen also auch Zeit geben, sich zu entscheiden.

Frauen besonders häufig betroffen

Auch wenn die vertrauliche Hilfe allen Geschlechtern offensteht, sind Frauen besonders häufig von häuslicher Gewalt betroffen. Erst vergangene Woche hatte das Bundeskriminalamt den Lagebericht zu Gewalt gegen Frauen vorgestellt. Demnach waren 2024 mehr als 187.000 Frauen von häuslicher Gewalt betroffen, häufig von Partnerschaftsgewalt. Das sind den Angaben zufolge 3,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Dunkelziffer dürfte dabei noch deutlich höher sein.

Karin Faber koordiniert die Frauenhäuser in Rheinland-Pfalz. Für das Projekt “Vertrauliche Hilfe nach Gewalt” hat sie eine psychosoziale Schulung für das medizinische Personal entwickelt. 

Denn auch wenn die medizinische Versorgung vor Ort wichtig sei: “Da hört es ja nicht auf”, sagt Faber. “Das hinterlässt tiefe Spuren. Und die Spuren sind nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Da ist es enorm wichtig, dass die Frauen im Hilfesystem ankommen, damit sie dort eine gute Begleitung und Unterstützung finden.”

Ziel ist es deshalb, dass die Betroffenen auch über Frauenhäuser oder Beratungsstellen einen Anlaufpunkt bekommen, an dem sie sich Hilfe holen können. Damit das gelingt, soll in dem Projekt nach und nach auch das Personal an den Kliniken im Umgang mit Gewaltbetroffenen geschult werden.

Medizinisches Personal häufig unsicher

Das sei für eine gute Versorgung entscheidend, sagt auch die Medizinerin Bettina Pfleiderer, die als Professorin an der Universität Münster zu häuslicher Gewalt forscht. Nach ihrer Einschätzung ist der medizinische Bereich auf dieses Thema bislang nicht ausreichend vorbereitet. “Wir haben noch ganz viele weiße Flecken, gerade im ländlichen Raum. Da geht es auch darum, die Ärztinnen und Ärzte zu befähigen, solche Fälle gerichtsfest zu dokumentieren.”

Pfleiderer leitet ein Projekt, bei dem sie spezielle Schulungen für medizinisches Personal entwickelt. “Viele Ärztinnen und Ärzte sind auch unsicher im Umgang mit Betroffenen von Gewalt”, sagt sie. 

Deshalb fordert sie, das Thema als festen Bestandteil in die medizinische Ausbildung aufzunehmen. Dabei gehe es nicht nur um die korrekte und gerichtstaugliche Sicherung von Beweisen, sondern vor allem darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Betroffene sensibel und respektvoll behandelt werden. “Betroffene brauchen im Schnitt sechs bis neun Anläufe, bis sie sich jemandem anvertrauen. Da brauchen wir also einen Rahmen, der ihnen die Angst nimmt.”

Praxen oft erste Anlaufstelle nach Gewalt

Dabei spielten etwa auch Hausarztpraxen eine Rolle. Dort müsse das Personal so geschult sein, dass es subtile Hinweise auf mögliche Gewalt überhaupt wahrnimmt, etwa, wenn eine Patientin versucht, Verletzungen zu verbergen. “Wenn eine Patientin bei 40 Grad Außentemperatur in die Praxis kommt und trotz der Hitze lange Ärmel oder lange Kleidung trägt, dann ist das für mich ein Warnsignal”, sagt Pfleiderer. 

Doch häusliche Gewalt werde auch in anderen Bereichen der Medizin sichtbar, erklärt Pfleiderer weiter. Selbst dort, wo man es zunächst nicht erwarte: “Zwar sagen viele Betroffene bei Verletzungen ihre Arzttermine ab, doch den Zahnarzt oder die Zahnärztin besuchen sie meist trotzdem. Deshalb begegnet auch das zahnärztliche Personal dem Thema häufiger, als man denkt.”

In Rheinland-Pfalz soll bis Ende des Jahres noch eine weitere Klinik mit dem Testkit ausgestattet werden. Seitdem das Projekt im Januar gestartet ist, sei das Angebot 41 Mal genutzt worden, so die Leiterin Cleo Walz.

Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen”

Das Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen” bietet gewaltbetroffenen Frauen, Personen aus deren sozialem Umfeld und Fachkräften unter der Nummer 116 016 rund um die Uhr kostenlose, barrierefreie und anonyme Beratung in 19 Sprachen an.

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