Seit Jahren schon belastet der ehemalige Prinz Andrew das britische Königshaus – mit seiner Festnahme spitzt sich die öffentliche Stimmung abermals zu. Viele Briten erwarten nun klare Worte aus dem Buckingham Palast.
Die Touristen, die Schnappschüsse vor dem Londoner Buckingham Palast machen, hat die Nachricht von Andrew Mountbatten-Windsors Festnahme überrascht. Damit hätte sie nicht gerechnet, sagte eine Frau. Sie habe eher gedacht, dass sich Andrew absetzen und davonkommen würde. Hoffentlich bekomme der frühere Prinz die Strafe, die er verdiene – lebenslange Haft, sagte ein junger Mann.
Noch ist Andrew nicht angeklagt und schuldig gesprochen. Doch die Polizei hätte ihn wohl nicht abgeholt, meint Wendy Joseph, ehemalige Richterin beim Zentralen Strafgerichtshof in London, wenn sie sich ihrer Sache nicht sicher genug gewesen wäre. “Um jemanden festzunehmen, müssen die Ermittler davon überzeugt sein, dass sie einen Fall haben. Bei einem Verdächtigen dieser Art wäre es außergewöhnlich, wenn sie nicht viel Arbeit investiert hätten, um sicherzustellen, dass sie einen Fall aufbauen können.”
“Straftat größter Schwere”
Amtsmissbrauch lautet der Vorwurf gegen den ehemaligen Prinzen. Nach jüngsten Enthüllungen aus den Epstein Akten soll Andrew in seiner Zeit als Handelsattaché zwischen 2001 und 2011 Berichte über seine offiziellen Besuche in Vietnam, Singapur, Hongkong und China an Epstein geschickt haben. Besonders brisant soll auch die Weitergabe eines als “vertraulich” eingestuften Berichts aus Afghanistan sein, der Details zu lukrativen Rohstoffvorkommen enthalten haben soll.
Als ungewöhnliche Straftat bezeichnete Jurist Sean Caulfield die Vorwürfe im Interview mit dem Sender ITV. “Je nach Wert der weitergegebenen Informationen könnte es sich um eine äußerst schwerwiegende Straftat handeln, die durchaus zu einer Freiheitsstrafe führen könnte.” Das hänge vom Wert der Informationen und den Umständen ab, unter denen sie weitergegeben wurden. “Es handelt sich jedoch um eine Straftat von größter Schwere”, so der Jurist.
Forderung nach einer Entschuldigung
Nicht nur für Andrew, auch für die Königsfamilie, sei das nun ein besonders ernster Moment meint Königshauskennerin und Historikerin Tessa Dunlop. Es gebe eine Art kognitiven Widerspruch zwischen vielem, was die Königsfamilie derzeit sage, und der Art und Weise, wie sie Andrew seit 2011 konsequent geschützt habe. “Und darin liegt der Widerspruch: Sie haben eine Person geschützt, der sehr, sehr schwerwiegende Vorwürfe gemacht wurden.”
Viele Briten dürften jetzt auf eine Entschuldigung der Königsfamilie hoffen, auf ein Versprechen, dass sie zu Reformen bereit ist, einen Fall wie Andrew nicht noch einmal zulassen wird. Doch von König Charles kam bislang nur ein schriftliches Statement: dass er mit großer Besorgnis die Nachrichten über Andrew zur Kenntnis genommen habe und das Gesetz seinen Lauf nehmen müsse. Er könne sich aber wegen laufender Ermittlungen nicht weiter äußern.
Anstoß durch Veröffentlichung von Akten zu Epstein
Tessa Dunlop denkt auch an die Opfer von Epsteins Missbrauchsring: “Das traurige für mich auf vielen Ebenen ist, dass Andrews Festnahme nicht aufgrund der außergewöhnlichen Überlebenden, der Opfer Epsteins, zustande gekommen ist.”
Dabei hätte die Öffentlichkeit wohl nie erfahren, dass der Ex-Prinz womöglich vertrauliche Informationen weitergegeben hat, ohne die Frauen, die sich für die Veröffentlichung der Epstein-Akten eingesetzt haben.


