Fanfiction – zwischen tiefer Verbeugung und kritischer Aneignung

Fanfiction – zwischen tiefer Verbeugung und kritischer Aneignung

Science-Fiction- und Fantasy-Fans auf dem Elbenwald-Festival in Cottbus (Archivbild)

Stand: 25.11.2025 12:50 Uhr

Wenn Fans ihre Lieblingsgeschichten um- oder fortschreiben, nennt man das Fanfiction. Das einstige Randphänomen der etablierten Literaturszene ist inzwischen zu deren Liebhaberprojekt und Verkaufsargument geworden.

Von Andrea Friedrich, NDR

Wer Serien schaut, ins Kino geht oder Bücher liest, erlebt mitunter, wie zäh das Warten auf die nächste Staffel sein kann, wie enttäuschend das Ende des Films, wie unglaubwürdig die Liebesgeschichte im Roman. Das alles kann Ausgangspunkt sein für Fanfiction, also für fiktive Texte, in denen Fans ihre Lieblingsromane und -Serien weiter- oder umschreiben, ihren Idolen Abenteuer andichten oder sie in parallele Universen beamen.

Apropos beamen: Als Vorreiter in Sachen Fanfiction gelten gemeinhin die “Trekkies”. In den 1970er Jahren haben sich Fans der Fernsehserie “Star Trek” eigene Geschichten über ihre Helden Spock und Kirk ausgedacht und sie mit anderen Fans in sogenannten Fanzines geteilt. Heute können die Fan-Fantasien viel einfacher und Reichweitenstärker im Internet verbreitet werden. Wichtige weltweite Plattformen sind Wattpad mit rund 90 Millionen und Archive of our own mit etwa 9,6 Millionen registrierten Nutzerinnen und Nutzern, auf dem deutschsprachigen Portal fanfiktion.de sind zirka 250.000 Menschen registriert.

Befreiungsschlag gegen gesellschaftliche Normen

Hier scheint es nichts nicht zu geben. Man kann sich durch Fanfiction über Bücher und Filme, Comics und Games klicken, nach Kategorien wie Fantasy und Poetry, New Adult und Horror filtern oder Namen von fiktiven Figuren, aber auch echten Personen des öffentlichen Lebens suchen. Besonders beliebt sind homoerotische – sogenannte “Slash”-Erzählungen. Zum Beispiel “Buddy-Slash”-Geschichten, in denen aus Freundschaft mehr wird – wie bei den bereits erwähnten Star Trek-Figuren Captain Kirk und Spock. Dieses sogenannte “Pairing” scheint ungefähr so kultig wie die Serie selbst. Zigtausende Geschichten kursieren im Netz und noch immer kommen neue dazu.

Populär ist auch der konträre “Enemy Slash”, also wenn aus Feinden Liebhaber werden. In Fanfiction entwickeln sogar US-Präsident Donald Trump und sein Vorgänger Joe Biden zärtliche Gefühle füreinander. Die Hamburger Autorin Simoné Goldschmidt-Lechner beleuchtet im Buch “Nerd Girl Magic” das Phänomen Fanfiction. Spannend daran sei, so schreibt sie, “die subversive und transformative Kraft dahinter”, Fanfiction sei “eine Art allumfassender Befreiungsschlag von gesellschaftlichen romantischen und sexuellen Normen”.

Etikett “Fanfiction” wird zum Marketinginstrument

Für immer mehr Akteure gehe es aber auch um finanziellen Profit, erklärt Simoné Goldschmidt-Lechner im Interview mit dem NDR. Als aktuelles prominentes Beispiel nennt sie “Manacled”, in der Fanfiction verlegte SenLinYu die “Harry Potter”-Welt in ein düsteres Paralleluniversum und erreichte damit über die Plattform Archive of our own ein Millionenpublikum. Die nichtbinäre schreibende Person machte hier Hermine zur Hauptprotagonistin und verkuppelte sie mit ihrem Gegenspieler Draco. SenLinYu hat die Geschichte inzwischen aus dem Netz genommen, umgearbeitet, den Figuren neue Namen verpasst und das Ergebnis im September als Roman unter dem Titel “Alchemised” veröffentlicht.

Im Vergleich zu “Fifty Shades of Grey”, wo die Autorin E.L. James anfangs nicht zugeben wollte, dass es sich um Fanfiction handelt, werde jetzt offensiv mit dem Etikett geworben, erklärt Simoné Goldschmidt-Lechner – ein Marketing-Konzept, das im Fall von “Alchemised” schon vor der Veröffentlichung aufging: Der Roman wurde zum meist vorbestellten Debüt des Penguin Verlags und auch die Filmrechte wurden schon vorab verkauft – für mehr als drei Millionen Dollar. Verlage haben das Potenzial von Fanfiction erkannt. Sie würden inzwischen vermehrt an populäre Autorinnen herantreten, erklärt Goldschmidt-Lechner – mit dem expliziten Ziel, deren Texte klassisch zu publizieren.

Andere Wahrnehmung durch “Analogisierung”

Auch die Macher des DANKE Magazins bringen Fanfiction auf Papier. Ums große Geld geht es hier nicht, eher darum, dem Genre eine Bühne zu bieten. Das Herausgeber-Team, zu dem auch Buchpreisträgerin Dorothee Elmiger gehört, veröffentlicht im November Ausgabe 3 des Magazins im Berliner März Verlag – nur gedruckt, nicht digital – sozusagen eine “Analogisierung”.

DANKE wolle so der Fanfiction eine andere Wahrnehmung verschaffen, erklärt Mitherausgeber Richard Stoiber. Neben einem Open Call seien deshalb immer Texte etablierter Autorinnen im Heft, “um eine literarische Anerkennung dieses Genres anzubieten”. Bestseller-Autorin Mithu Sanyal lässt Agatha Christies Figuren Miss Marple und Hercule Poirot auf Gestalten der britischen Mythologie treffen. Der Beitrag der Berliner Autorin Charlotte Krafft ist eine Fortschreibung von Werken der feministischen Science-Fiction-Autorin Joanna Russ. Dazu gibt es die Gewinnertexte des Open Calls – in der aktuellen Ausgabe Fanfiction zum weltweit erfolgreichen Rollenspiel “Dungeons and Dragons”.

Fanfiction pendelt zwischen Kommerz und Gegenkultur

Zur Redaktion gehört Lucien Haug. Für den Schweizer verbindet Fanfiction zwei Gesten miteinander: die Begeisterung für den Text einer anderen Person, gepaart mit dem Mut und der Lust, ihn zu verändern. Ohne einen Text zu lieben, könne man keine Fanfiction schreiben, meint der Autor aus Basel. Aberman könne auch keine Fanfiction schreiben ohne das Bedürfnis, “in diesen Text hineinzugehen, darin zu wohnen und ihn zu verändern”.

Auch hier bildet “Harry Potter” ein prominentes Beispiel. Dessen Erfinderin Joanne K. Rowling steht immer wieder in der Kritik für ihre transfeindlichen Aussagen. Die Fanfiction-Gemeinde kommentiert das, indem sie ihren Romanhelden einer Transition zu unterzieht, Harry wird da etwa zu dem Trans-Mädchen Sarah Potter. Fanfiction bewegt sich also irgendwo zwischen tiefer Verbeugung und lustvoller, kritischer Aneignung – pendelt zwischen Kommerz und Konterkultur. So divers wie die Intention dahinter ist auch die literarische Qualität der Texte. Die komplette Freiheit der digitalen Fanfiction-Räume ist wertvoll, sorgt aber für Unübersichtlichkeit. Eine Art Gatekeeper wie das DANKE-Magazin kann hier Orientierung geben.

Autoren haben schon immer Geschichten fortentwickelt

Dass Fanfiction in der etablierten Literaturszene – trotz ihrer Popularität – mitunter als Randphänomen dargestellt werde, hält Lucien Haug für unangebracht. “Literaturgeschichtlich gesehen ist längst klar, dass Autorinnen und Autoren keine Quellen-befreiten Einzelköpfe sind, die dieses noch Nicht-Da-Gewesene aus sich herauspressen müssen.” Schon Vergil hat Homers Geschichte von Aeneas fortgesetzt und Shakespeare hat weder Romeo und Julia noch Hamlet selbst erfunden, sondern die Geschichten anderer fortentwickelt.

Fanfiction schaffe transparente Verbindungen zwischen Schreibenden, “die sich dann nicht aussaugen müssen wie die Vampire, sondern miteinander arbeiten.” Und das kann sich lohnen, glaubt Lucien Haug. “Ich bin überzeugt davon, dass Fanfiction die sogenannten Ausgangstexte nicht kleiner oder schwächer macht, sondern im Gegenteil sie größer, reicher und intelligenter werden lässt, als sie es schon sind.”

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