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In den sozialen Netzwerken warnen reichweitenstarke Kanäle davor, Parfüm auf den Hals aufzutragen – wegen vermeintlicher Gefahren für die Schilddrüse. Nach Ansicht von Experten ist die Sorge unbegründet.
“Hör auf damit, Parfüm auf deinen Hals zu sprühen” – in den sozialen Netzwerken erhalten Videos und Postings mit solchen Aussagen teilweise Zehntausende Likes. In den Beiträgen heißt es unter anderem: “Wusstest du, dass Duft-Chemikalien nicht nur Hautirritationen auslösen, sondern direkt an der Schilddrüse deine Hormone durcheinanderbringen können?” Langfristig steige so das Risiko für Unter- oder Überfunktionen und sogar ein Baby im Bauch werde davon belastet.
Die Behauptung, die in vielen dieser Videos aufgestellt wird: Das Auftragen von Parfüm als Hals sei gefährlich, da sich die Schilddrüse im Halsbereich befinde und chemische Inhaltsstoffe des Parfüms dadurch in den Hormonkreislauf aufgenommen werden. Doch das stimmt so nicht.
Diese Behauptung ist aus Sicht von Experten falsch.
Schilddrüse zu weit weg
“Das ist wissenschaftlich nicht plausibel”, sagt Silke Hofmann, Direktorin des Zentrums für Dermatologie, Allergologie und Dermatochirurgie, am HELIOS Universitätsklinikum Wuppertal und Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG). Die Behauptung, die Inhaltsstoffe von Parfüm könnten durch die Haut bis an die Schilddrüse gelangen, ist aus Sicht von Experten falsch.
“Vermutlich kommt es nur zur oberflächlichen Absorption durch die Haut. Problematischer ist für manche Menschen, zum Beispiel bei Asthma, die aerogene Exposition durch Einatmen mit nachfolgender Reizung der Atemwege”, sagt Hofmann. “Wo man das Parfüm aufträgt, hat keinen Einfluss auf die Aufnahme von Inhaltsstoffen.”
Auch der Schilddrüsen-Arzt Tibor Somlo sagte dem Portal “20 Minuten”, dass das Auftragen von Parfüm im Halsbereich nicht zu einer Interaktion mit der Schilddrüsenfunktion führe. “Die Schilddrüse selbst ist weit von der Hautoberfläche entfernt und liegt unter dicken geraden Muskeln des vorderen Halsbereiches.”
“Die Hautbarriere ist ein sehr wirksamer Schutz. Wird diese überwunden, wird ein Stoff also systemisch verfügbar, wird er über den Blutkreislauf im Körper verteilt. Ein direkter Übergang über die Haut in die Schilddrüse erfolgt nicht”, schreibt ein Sprecher des Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) auf Anfrage. Wo ein Parfüm aufgetragen wird, spielt somit mit Blick auf die Schilddrüsenfunktion keine Rolle.
Gefährliche Inhaltsstoffe in Parfüms?
Etwas differenzierter betrachtet werden muss die Behauptung, dass bestimmte Inhaltsstoffe in Parfüms das körpereigene Hormonsystem stören können. So gibt es eine Studie der Behörde National Institutes of Health (NIH) des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums aus dem vergangenen Jahr, die die Auswirkungen von synthetischen Chemikalien in Parfüms und Kosmetika untersucht hat.
Dort heißt es, dass viele synthetische Chemikalien mit gesundheitsschädlichen Auswirkungen in Verbindung gebracht werden. Dazu gehören Allergien, Atemwegsprobleme, Störungen des Hormonsystems, Fortpflanzungsprobleme und möglicherweise Krebs.
Allerdings schränken die Studienautoren ein, dass weitere Forschungsarbeiten erforderlich sind, um die langfristigen Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit der täglichen Verwendung von Kosmetikprodukten zu klären und sicherere Alternativen zu entwickeln.
BfR: Auf die Menge kommt es an
“Substanzen, die das Potential haben, den Hormonhaushalt zu beeinflussen, sogenannte endokrin aktive Substanzen, sind nicht generell in Kosmetika verboten”, schreibt ein Sprecher des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). “Zu diesen Substanzen ist es wichtig zu wissen, dass sie ihre Wirkung auf den Hormonhaushalt nur entfalten, sobald eine kritische Konzentration im Körper erreicht wird – ganz ähnlich der Anti-Baby-Pille, die eine gewisse Konzentration/Dosis benötigt, um wirkungsvoll vor einer ungewollten Schwangerschaft zu schützen. Die Dosis für diese Wirkschwelle sei für jeden Stoff unterschiedlich.
Unter Verdacht stehen mit Blick auf Parfüms derzeit vor allem die sogenannten Phthalate (Weichmacher), flüchtige organische Verbindungen (VOCs) und synthetische Moschusverbindungen, hormonelle oder reproduktive Effekte zu beeinflussen oder sich im Fettgewebe anzureichern, so Hofmann. “Dies ist aber noch nicht wissenschaftlich kausal bewiesen und es gibt keine anerkannten Toxizitätsgrenzwerte.” Auch gebe es keine Hinweise darauf, dass Parfüm krebserzeugend sei.
Einige Moschusverbindungen in EU bereits verboten
Die Europäische Kosmetikverordnung schreibt vor, dass für jeden einzelnen Inhaltsstoff und auch für das kosmetische Produkt eine Sicherheitsbewertung erfolgen muss, bevor das Produkt auf den Markt gebracht wird. “Diese Sicherheitsbewertung umfasst alle wichtigen toxikologischen Endpunkte, muss durch eine qualifizierte Person erfolgen, liegt in der Verantwortung des Herstellers und muss in einem Sicherheitsbericht, der von den Landeuntersuchungsämtern eingesehen werden kann, schriftlich niedergelegt werden”, so das BfR.
Für einige Stoffe, die in diesem Zusammenhang als möglicherweise bedenklich angesehen wurden, habe die Europäische Kommission zusätzlich ihr wissenschaftliches Expertengremium für Verbrauchersicherheit mandatiert, Sicherheitsbewertungen durchzuführen. “Es ist deshalb davon auszugehen, dass bei Kosmetika auf dem europäischen Markt gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht zu erwarten sind”, teilt das BfR mit.
Synthetische Moschusverbindungen, bei denen eine gesundheitsschädigende Wirkung erwiesen ist oder ein sehr konkreter Verdacht besteht, sind bereits in der EU verboten. Synthetische Moschusverbindungen werden in Parfüms als Duftstoffe verwendet.
UV-Schutz durch Parfüm nicht geschwächt
Während die gesundheitlichen Auswirkungen von Parfüm mit Blick auf das körpereigene Hormonsystem noch nicht ausreichend erforscht sind, ist das bei anderen Nebenwirkungen klarer. “Duftstoffe sind eine der häufigsten Ursachen für Ekzeme und Hautreizungen durch direkten Hautkontakt”, sagt Hofmann. Einige Stoffe könnten sowohl allergische als auch irritative Effekte auslösen.
In den sozialen Netzwerken wird zudem behauptet, dass Parfüm am Hals dafür sorgen könne, dass der UV-Schutz der Haut dadurch geschwächt werde. Das ist aus Sicht von Hofmann jedoch falsch. “Es ist aber zu empfehlen, erst Sonnencreme aufzutragen, dann Parfüm. Außerdem können einige Duftstoffe die Lichtempfindlichkeit erhöhen.” Das kann zu Pigmentflecken führen.

