Wie an den Holocaust erinnern, wenn Zeitzeugen nicht mehr davon erzählen können? Die Plattform “Shoah Stories” und das Projekt “In Echt” gehen digitale Wege und wollen so gezielt jüngere Generationen ansprechen.
Der Diplomwirtschaftler Kurt Hillmann war 90 Jahre alt, als er an dem Projekt “In Echt?” teilgenommen hat. “Die jungen Leute haben keine Verantwortung dafür, was geschehen ist”, sagte er. “Aber sie haben eine Riesen-Verantwortung auf andere Art: nämlich zu verhüten, dass es sich wiederholt. Das ist eine große Aufgabe, besonders, wenn ich das heute betrachte.” Anfang 2025 ist der Holocaust-Überlebende verstorben, sein Appell gilt weiterhin.
Zeitzeugen halten Erinnerung lebendig
Die persönliche Begegnung mit Zeitzeugen ist sehr wichtig für junge Menschen, ist aber in naher Zukunft kaum noch möglich. 2040 werden 90 Prozent der Holocaust-Überlebenden nicht mehr am Leben sein, so die Jewish Claims Conference.
Deshalb wird zunehmend auf digitale Erinnerungskultur gesetzt. 2021 begann ein Team der Konrad-Wolf-Filmuniversität in Brandenburg unter der Leitung von Professor Björn Stockleben, 3D-Videos mit Zeitzeuginnen und -zeugen aufzunehmen und so ein Archiv mit persönlichen Erinnerungen und Geschichten aufzubauen. In dem aufwendigen volumetrischen Verfahren werden die Menschen gleichzeitig von 36 Kameras gefilmt. 2022 stieg das Brandenburg Museum mit ein, um mit dem Projekt “In Echt?” vor allem jungen Menschen die Erfahrung zu ermöglichen, Zeitzeugen zu begegnen.
Erinnerung zu den Menschen bringen: 2025 ist das Projekt “In Echt” bundesweit auf Tour gegangen.
Begegnung in einem virtuellen Raum
Und das funktioniert so: Der Besucher setzt sich eine VR-Brille auf. Mit fünf Menschen kann er in eine Art Dialog treten: Ruth Winkelmann, Inge Auerbacher, Kurt Hillmann, Leon Weintraub und Charlotte Knobloch. Mit dem Blick steuert er eine Frage an, nach wenigen Sekunden baut sich der Mensch in vermeintlicher Lebensgröße vor einem auf und beginnt zu reden. Leon Weintraub berichtet von dem kaum vorstellbaren, unerträglichen Hunger, dem er als Jugendlicher über fünf Jahre lang in verschiedenen Konzentrationslagern ausgesetzt war. Mit schmerzendem Magen sei er in der Baracke abends eingeschlafen und genauso am nächsten Morgen wieder aufgewacht.
Charlotte Knobloch erzählt von der ersten Ausgrenzung, die sie als jüdisches Kind erfahren hat: Ihre Spielkameraden standen stumm auf der anderen Seite des Gartenzauns und durften keinen Kontakt zu ihr aufnehmen. Kurt Hillmann trägt einen Wollpullover und eine helle Cordhose, er beugt sich vor, schaut die Person auf der anderen Seite eindringlich an und ringt mit den Händen, während er davon spricht, dass die gesamte Familie seiner jüdischen Mutter im Holocaust ermordet wurde. Es ist eine Begegnung im virtuellen Raum, trotzdem entsteht der Eindruck, der Mensch sitze direkt vor einem.
Erinnerung von Angesicht zu Angesicht: Kurt Hillmann erzählt im 3D-Video seine bewegende Geschichte.
Kurzvideos auf Social Media
Auch das Anne Frank Zentrum in Berlin beschreitet neue Wege der Erinnerungskultur. Auf der Bildungsplattform “Shoah Stories” erzählen kurze Videos vom Menschheitsverbrechen Holocaust. Mehr als 20 internationale Museen, Gedenkstätten, Bildungseinrichtungen und Zeitzeugen haben sich an dem Projekt unter der Federführung des Anne Frank Zentrums beteiligt, darunter das Warschauer Ghetto Museum, das Holocaust Museum Los Angeles und das Johannesburg Holocaust Centre aus Südafrika. Mit Gesprächen zwischen den Generationen oder virtuellen Führungen durch Gedenkstätten können sich die User über die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, die Verfolgung durch die Nazis, jüdische Geschichte und Antisemitismus informieren.
Für Lehrerinnen und Lehrer werden zusätzliche Unterrichtsmaterialien – geordnet nach Themen, Sprachen und Altersgruppen – angeboten. Professor Tobias Ebbrecht-Hartmann von der Hebräischen Universität Jerusalem hat das Projekt wissenschaftlich begleitet. Eine betreute Bildungsplattform, die gleichzeitig in der Social-Media-Welt von TikTok und Instagram mitspielen kann, hält er für wichtig, um Falsch-Informationen und Antisemitismus im Netz entgegenzuwirken.
Die Plattform “Shoah Stories” bringt die Erinnerungskultur direkt dahin, wo jüngere Generationen sich aufhalten: zu TikTok und Instagram.
Erinnerung im TikTok-Stil
Die Videos wurden zuvor auf TikTok und Instagram veröffentlicht, so auch das Video des 90-jährigen Gidon Lev. “Denkst du, man kann über den Holocaust hinwegkommen?”, fragt er. “Ihn wie eine schmutzige Kaffeetasse abwaschen und alles ist wieder in Ordnung? No my dear.” Gidon Lev hat als Kind den Holocaust überlebt, lebt in Israel und betreibt seinen eigenen TikTok-Kanal mit dem Namen “the true adventure”.
Die Videos sind von den jeweiligen Institutionen kuratiert und enthalten gesicherte Informationen. Andererseits übernehmen sie oft Darstellungsweisen, wie sie auf TikTok üblich sind: Harte Schnitte, schnelle Sprache und eine flapsige Ausdrucksweise. So wird in einem Video über Nazi-Propaganda von einer “ultimativen Lüge” und “miesen Schlafunterkünften” in Konzentrationslagern gesprochen.
Lena Altman ist Co-CEO der Alfred Landegger Foundation, die das große internationale Projekt “Shoah Stories” finanziert hat. Sie findet, seriöse Institutionen könnten sich Zurückhaltung bei Social Media gar nicht leisten. Auf die Frage, ob man ein Video einer Überlebenden mit einer emotionalen Musik unterlegen kann, antwortet sie: “Natürlich kann man das bedenklich finden. Aber wenn wir sagen, wir haben eine moralische Haltung, die das verbietet, was wird dann aus unserer pädagogischen Verantwortung für die Kinder und Jugendlichen?
Neue Wege der Erinnerungskultur
Johanna Schüller, Projektleiterin am Museum Brandenburg von “In Echt?”, ist über zehn Wochen lang mit ihrem Team in einem Truck durch Brandenburg gefahren, hat auf Marktplätzen, Schulhöfen und Bahnhofsvorplätzen angehalten, um die Begegnung mit Zeitzeugen durch die VR-Brille anzubieten. Sie ist auf Holocaust-Leugner genauso gestoßen wie auf großes Interesse bei jungen Menschen. Viele waren aufgeregt, weil sich die Begegnung für sie so real anfühlte. Manche stellten auch Fragen wie “Ist das eine echte Zeitzeugin oder habt ihr die mit KI generiert?” In einer mobilen Variante kann die virtuelle Begegnung mit Zeitzeugen des Projekts “In Echt?” in Zukunft von Schulen oder kleinen Museen ausgeliehen werden.
Neue Formen des Zuhörens und Begegnens müssen erforscht und praktiziert werden, damit Erinnerungen wachgehalten werden. Digitale Formate ändern sich schnell, ebenso wie die junge Zielgruppe. Johanna Schüller hat gelernt, dass die Angebote stets eingebettet werden sollten in einen Kontext. “Die Technik darf nicht im Vordergrund stehen”, so ihr Resümee, “sondern immer die Inhalte.”
