Mit Zolldrohungen und militärischem Vorgehen versuchen die USA, ihren Einfluss in Südamerika auszubauen – auch mit Blick auf die wirtschaftliche Konkurrenz aus China. Doch nicht überall geht die Strategie auf.
US-Präsident Donald Trump hat das Jahr 2026 mit einem mutmaßlich völkerrechtswidrigen Militärschlag gegen Venezuela begonnen – und mit Drohungen gegen Mexiko und Kolumbien. Nun hat er erneut die Militärpräsenz in der Karibik ausgebaut.
Die Dominanz der USA in der westlichen Hemisphäre solle nie wieder in Frage gestellt werden, verkündete Trump. Lateinamerika erlebt eine Neuauflage der sogenannten Hinterhofpolitik. Trump übernahm den Ausdruck der “Donroe-Doktrin”, angelehnt an die Monroe-Doktrin von vor 200 Jahren, mit der US-Interventionen in Lateinamerika legitimiert wurden.
Argentinien stellt sich klar hinter Unterstützer USA
“Die Welt beginnt zu erwachen. Der beste Beweis dafür ist das, was in Amerika mit dem Wiederaufleben der Freiheitsidee geschieht. Daher wird Amerika das Leuchtfeuer sein, das die gesamte westliche Welt neu entfacht.” So äußerte sich Argentiniens libertärer Präsident Javier Milei auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Er ist, neben Nayib Bukele in El Salvador, sicher der lautstärkste Unterstützer Trumps in Lateinamerika.
Als Argentinien kurz vor den entschiedenen Zwischenwahlen im vergangenen Jahr in finanzielle Schwierigkeiten geriet, gab es ein 20-Milliarden-Dollar-Hilfspaket aus dem Weißen Haus – das Milei die Wahlen gerettet haben dürfte.
“Tsunami der extremen Rechten” in Südamerika
Trump mischt sich offen ein – mit Strafzöllen, militärischem Druck, um in der Region gefügige Regierungen in einem politisch gespaltenen Kontinent zu haben. Das fällt zusammen mit einem Rechtsruck in Lateinamerika, von dem Trump zusätzlich profitiere, sagt Juan Gabriel Tokatlian, Prorektor der Fakultät für Politikwissenschaft und Internationale Studien an der Universidad Torcuato Di Tella in Buenos Aires.
Dazu stünden weitere wichtige Wahlen an: in Peru, Kolumbien und in Brasilien. “Wir erleben in Lateinamerika gerade einen Tsunami der extremen Rechten. Das begann schon vor Trump. Er hat das nicht initiiert, aber er profitiert davon, dass es ideologisch ähnliche Positionen gibt, etwa beim Thema Migration und Sicherheit”, sagt Tokatlian. Und Lateinamerikas neue Rechte finde in Trump einen Gesprächspartner, einen Freund, einen Verbündeten, wie sie die Linke nie hatte, weder mit Ex-US-Präsident Bill Clinton noch mit den Ex-Staatschefs Barack Obama oder Joe Biden.
Handeln der USA laut Experte innenpolitisch motiviert
Die ideologische Nähe dürfe man dennoch nicht überschätzen, glaubt Feliciano Guimaraes, Direktor des brasilianischen Zentrums für internationale Beziehungen CEBRI. Wirklich strategische Allianzen mit den USA hätten sich weder für Argentinien noch für das rechtsregierte Ecuador oder Paraguay ergeben. Das neue Interesse Washingtons an den südlichen Nachbarn habe in erster Linie innenpolitische Gründe.
“Etwas gegen irreguläre Einwanderung und das Drogenproblem in den USA zu tun, waren zentrale innenpolitische Versprechen Trumps. Beide sind eng mit Lateinamerika verbunden”, so Guimaraes. Hinzu komme ein dritter Faktor, der geopolitischer und struktureller Natur sei: “Lateinamerika ist interessant als Quelle für Energie und kritische Mineralien. Und die USA versuchen, China und in geringerem Maße Russland, vor allem aber China, aus Lateinamerika zu verdrängen.”
China wichtigster Handelspartner für Südamerika
China ist inzwischen wichtigster Handelspartner Südamerikas. Chinesische Unternehmen bauen Elektroautos in Brasilien, investieren in Kraftwerke und erneuerbare Energien in Chile oder betreiben in Peru den Megahafen Chancay, durch den eine direkte Handelsroute zwischen Südamerika und Asien entstand. Längst begreift sich die Volksrepublik als Führungsmacht des Globalen Südens. Parallel zur neuen Sicherheitsstrategie der USA legte Peking eine neue Lateinamerika-Strategie vor. Bei der geht es nicht nur um Rohstoffe wie Soja, Lithium, Kupfer und Mineralien. Es geht auch um Global Governance und den Ausbau von digitaler Infrastruktur und künstlicher Intelligenz in Südamerika.
“Heute besteht das Paradox darin, dass China Ressourcen, Investitionen und Hilfe in die Region bringt, während die USA unter Trump Ideologie, Rhetorik, Drohungen und das Projekt der ultrakonservativen MAGA-Bewegung über den Kontinent verbreiten. Es ist das Gegenteil dessen, was wir während des Kalten Krieges erlebt haben”, sagt dazu Tokatlian von der Universidad Torcuato Di Tella.
Die Strategie des Drucks hat seine Grenzen
Zwar sei Trump mit seiner Agenda teils sehr erfolgreich – etwa indem die USA Druck auf Panama ausgeübt hätten, Verträge eines Konzerns aus Hongkong für den Betrieb zweier Häfen am Panamakanal zu annullieren. Und in Mexiko, das rund 80 Prozent seiner Waren in die USA exportiert, verhängte die linke Regierung von Claudia Sheinbaum auf Washingtons Drängen Zölle von bis zu 50 Prozent auf chinesische Importe.
Doch in Südamerika, das weit enger mit China verbunden ist, hat der Druck der USA weniger Erfolg. Bestes Beispiel ist Brasilien. Als das Weiße Haus Wucherzölle gegen das Land verhängte – um ein Strafverfahren gegen den Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, einen Verbündeten Trumps, zu stoppen – bot ihm Brasiliens Präsident Lula da Silva die Stirn, was seine Popularitätswerte im Land in die Höhe schnellen ließ. Bolsonaro sitzt heute im Gefängnis und die meisten Zölle haben die USA inzwischen wieder aufgehoben.
Politikwissenschaftler Guillermo Casaroes, der derzeit in Miami forscht, erklärt das so: “Der Zollkonflikt mit Brasilien ist nicht deswegen beigelegt, weil Lula und Trump ideologisch übereinstimmen. Sondern weil Brasilien für die USA wichtig ist.” Trump musste einsehen, dass es besser ist, mit einem pragmatischen, linksgerichteten Präsidenten zusammenzuarbeiten, als das Land politisch zu destabilisieren, was Brasilien sogar noch näher an China heranführen könnte.
Auch Argentinien kappt nicht alle Verbindungen zu China
Und in Argentinien stiegen die Exporte nach China selbst unter der Regierung von Trumps MAGA-Bruder im Geiste, Javier Milei, rasant. Das Land ersetzte die Sojalieferungen an die Volksrepublik, die US-Landwirte wegen dem Handelsstreit nicht mehr liefern konnten. “Wir wollen mit allen Handel treiben”, erklärte Milei auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gegenüber Bloomberg.
Da war er sich ausnahmsweise mal einig mit Brasiliens Präsidenten Lula da Silva. Der betonte auf einem Wirtschaftsforum in Panama Ende Januar: “Die Aufteilung der Welt in Einflusszonen, die im Sinne des Neokolonialismus strategische Ressourcen sichern wollen, stellt ein anachronistisches Vorgehen und einen historischen Rückschlag dar.”
Lula versucht auch, Brasiliens Position in der polarisierten Region wieder zu stärken. Dabei traf er sich demonstrativ mit rechtsgerichteten Politikern der Region, darunter Chiles zukünftigen Präsidenten José Antonio Kast oder Boliviens konservativen Staatschef Rodrigo Paz. Lula warb für mehr regionale Integration und den Ausbau des Handels. Das Zeichen sollte auch sein: Unabhängig ihrer ideologischen Nähe oder Distanz zu Trump – für die meisten Länder in Südamerika wiegen Investitionen und wachsende Märkte – zumindest aktuell noch – schwerer als Drohungen und Druck.

