Ob frisches Obst, Shampoo oder Katzenfutter: Produkte des täglichen Bedarfs landen zunehmend per Mausklick im Warenkorb. Immer mehr Menschen lassen sich Lebensmittel und andere Alltagsprodukte nach Hause liefern.
Jochen Kapp aus Düren öffnet die Tür, nimmt die Tasche entgegen. Nach etwa 30 Sekunden ist sein Einkauf erledigt. Er hat im Online-Supermarkt bestellt. Seine Frau und er sind körperlich eingeschränkt, deshalb schätzen sie den Bringservice sehr. “Wir sind beide behindert, haben kein Auto, und wenn es dann einfach nicht passt, vom Dienst her oder bei meiner Frau, dann bestellen wir schon ganz gerne eben die Dinge, die uns zu schwer sind zu tragen, wie Wasser oder so.”
Jochen Kapp hat bei Picnic bestellt, einem Supermarkt auf Rädern. Das Sortiment, das hier im Lager in Düren für die Auslieferung vorbereitet wird, ist vergleichbar mit dem Angebot klassischer Supermärkte wie Rewe oder Edeka. “Momentan bieten wir knapp über 12.000 Produkte. Darunter Schreibwaren, Deko-Artikel, Drogerie, verschiedene Lebensmittel”, sagt Merve Tas, die den Standort in Düren leitet. Die Besteller seien meist Familien, die gerne mehr Zeit miteinander verbringen möchten. “Ansonsten haben wir auch sehr viele von der älteren Generation, die nicht mehr dazu in der Lage sind, alleine einkaufen zu gehen”, so Merve Tas.
Starkes Wachstum von niedrigem Niveau
Das Bestellen von Lebensmitteln im Internet wird immer beliebter. Wie das Handelsforschungsinstitut IFH Köln berichtet, legte das Bestellvolumen 2025 um mehr als zehn Prozent zu. Damit wächst die Branche mehr als doppelt so schnell wie der gesamte Onlinehandel. Das starke Wachstum erklärt sich auch dadurch, dass Online-Umsätze und der Online-Marktanteil bislang vergleichsweise gering sind. Während Elektronik und Mode als gesättigte Onlinemärkte gelten, steckt der digitale Lebensmittelhandel noch in den Anfängen.
“Der Lebensmittelhandel ist im E-Commerce eine klassische Nachzüglerbranche. Der Onlineanteil liegt mit knapp drei Prozent deutlich niedriger als in allen anderen Kategorien; im Nonfood-Bereich liegt er durchschnittlich bei knapp 20 Prozent. Zwar wächst der Onlinehandel mit Lebensmitteln dynamischer als in vielen anderen Kategorien, allerdings von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau aus”, sagt IFH-Geschäftsführer, Kai Hudetz.
Picnic und Rewe haben beim Onlinehandel mit Lebensmitteln die Nase vorn. Immer mehr Menschen nutzen die bequeme Form des Einkaufens vor dem Rechner.
Letzte Bastion des stationären Handels
Auch der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e.V. (bevh) sieht Bewegung in einem bislang stabilen Markt. “Deutschland hat ein sehr leistungsfähiges Netz von Lebensmittelmärkten. Es ist schwer, die Menschen da herauszubekommen”, sagt Verbandssprecher Frank Düssler. Lebensmittel seien die letzte Bastion des stationären Handels, die noch wachse. “Die Online-Konkurrenz ist auf dem Weg, auch diese Branche ins Internet zu verlagern.”
Frühere Versuche von Online-Supermärkten wie Amazon Fresh seien gescheitert. Neue Anbieter wie Knuspr und Picnic verfügten jedoch über Kapital und Ausdauer, um bestehende Marktstrukturen anzugreifen. Der Nettoumsatz mit Lebensmitteln lag 2025 erstmals deutlich über sechs Milliarden Euro.
Rewe und Picnic führen den Markt an
Laut dem Marktforscher NIQ liegt Rewe 2025 vor dem reinen Online-Supermarkt Picnic auf dem ersten Platz. In den Zahlen der Supermarktkette sind allerdings auch Umsätze aus Click & Collect enthalten. Kunden bestellen online und holen die Ware in der Filiale ab. Berücksichtigt man ausschließlich Lieferungen nach Hause, ist Picnic inzwischen Spitzenreiter. Das Unternehmen, an dem Edeka beteiligt ist, konnte 2025 nach eigenen Angaben um mehr als 30 Prozent zulegen. Im Vorjahr lag der Umsatz bei 605 Millionen Euro. Beliefert werden mehr als eine Million Kundinnen und Kunden in mehr als 250 Städten. Rewe liefert in 91 Städten samt Umland, nennt jedoch keine Zahlen zu Kunden und Umsatz.
Zu den großen Anbietern zählen außerdem Flaschenpost, Flink und Knuspr, das in Partnerschaft mit Amazon liefert. Hauptargumente für den digitalen Einkauf sind Bequemlichkeit, Zeitersparnis und die Lieferung bis vor die Wohnungstür.
Stadt-Land-Gefälle beim Online-Einkauf
“Onlinehandel ist inzwischen für nahezu alle Bevölkerungsgruppen Normalität. Im Lebensmittelbereich wird die Bereitschaft, online einzukaufen zumeist über das Angebot bestimmt. Kein Lebensmittellieferdienst ist in allen Regionen verfügbar, viele sind stark regional fokussiert. Anbieter fokussieren sich häufig auf Großstädte, daher ist dort auch der Onlineanteil höher”, sagt IFH-Geschäftsführer, Kai Hudetz.
Picnic hat einen Mindestbestellwert von 45 Euro und liefert dann kostenlos. Bei Rewe gibt es einen Tag mit kostenfreier Lieferung pro Woche. An den übrigen Tagen kostet die Zustellung bis zu 4,90 Euro, ab einem Bestellwert von 120 Euro ist sie kostenlos. Lieferzeiten werden – je nach Nachfrage – meist für die kommenden Tage angeboten, bei Rewe teilweise noch für denselben Tag. Die Tragetaschen nehmen die Fahrer beim nächsten Liefertermin wieder mit.
Preise ähnlich wie im Supermarkt
Beide Anbieter betonen, dass die Preise denen im Supermarkt entsprechen. Die WDR-Servicezeit hat das im vergangenen Jahr getestet: Die Tester stellten einen Warenkorb zusammen und kauften im normalen Supermarkt Artikel für insgesamt 32,17 Euro. Dieselben Produkte kosteten online bestellt bei Picnic und auch bei Rewe 32,27 Euro – also nur zehn Cent mehr. Bei Flaschenpost war der Einkauf etwas teurer. Hinzu kommen bei allen Anbietern Liefergebühren von bis zu sechs Euro, abhängig vom Mindestbestellwert.
Mit frischem Gemüse, Obst und Getränken lässt sich Jochen Kapp einmal pro Woche beliefern. Für ihn lohnt sich das, sagt er. Das schwere Schleppen entfällt – und ein Auto brauche er seitdem auch nicht mehr.

