Immer mehr Menschen verzichten im Januar auf Alkohol. Trotzdem gelten mindestens 2,2 Millionen Deutsche als alkoholabhängig. Woran erkennt man problematischen Konsum und was führt langfristig aus einer Abhängigkeit?
Viele Menschen verzichten zurzeit in Deutschland auf Alkohol, möchten ihrem Körper etwas Gutes tun. Denn jeder Tropfen Alkohol bedeutet laut Weltgesundheitsorganisation ein gesundheitliches Risiko. Egal, ob ein Glas Wein oder das Feierabendbier – eine unbedenkliche Menge Alkohol gibt es nicht. Aber woran erkennt man, ob man einen problematischen Alkoholkonsum hat, vielleicht sogar süchtig ist? Eine Abhängigkeit entwickelt sich oft schleichend.
So war es auch bei Alexandra. Die 48-jährige Hamburgerin begann während der Corona-Pandemie langsam immer mehr zu trinken. Aus dem einen Glas Wein zur Belohnung am Feierabend wurden zwei, drei – dann die ganze Flasche. Unbemerkt, denn für viele gehört Alkohol ganz selbstverständlich zum Alltag: Ob zum Treffen mit Freunden oder zum Entspannen am Abend. Wo die Grenze zum problematischen Konsum verläuft, lässt sich nur individuell bestimmen. Für Alexandra kam die Erkenntnis, dass sie ein Problem hat, erst, als sie sich durch ihren Alkoholkonsum immer wieder krankmelden musste und wiederholt ihren Job verlor.
Alkoholabhängigkeit zieht sich durch alle Gesellschaftsgruppen
8,6 Millionen Deutsche zwischen 18 und 64 Jahren trinken, laut dem Epidemiologischen Suchtsurvey (ESA) riskante Mengen Alkohol. 2,2 Millionen Deutsche erfüllen die medizinischen Kriterien einer Abhängigkeit. Suchtmediziner Gernot Rücker aus Rostock beobachtet als Notfallarzt kritische Folgen des Rauschtrinkens sowohl bei Jugendlichen als auch bei vielen Menschen im hohen Alter oder in der Pflegebedürftigkei. “Tatsächlich zieht sich die Alkoholabhängigkeit durch alle Altersgruppen, ab Beginn von zwölf Jahren mittlerweile. Man sieht es denjenigen in der Regel nicht an, dass sie abhängig sind”, so Rücker im Interview mit ARD gesund.
Ab wann beginnt die Alkoholsucht? Medizinische Kriterien
Ärzte und Ärztinnen fragen sechs Kriterien ab. Wenn drei davon zutreffen, wird eine Alkoholabhängigkeit diagnostiziert.
Die Kriterien sind:
· Es besteht ein starker Wunsch oder Zwang Alkohol zu konsumieren.
· Wann, wie viel oder wo Alkohol getrunken wird, kann nicht mehr bewusst kontrolliert werden, es wird zum Automatismus.
· Obwohl es bereits in der Beziehung, in Freundschaften oder am Arbeitsplatz zu Problemen und Konflikten gekommen ist, wird weiter getrunken.
· Andere Aktivitäten oder Verpflichtungen werden zugunsten des Alkoholkonsums vernachlässigt.
· Die Alkoholmenge muss immer weiter gesteigert werden, um eine Wirkung zu erzielen.
· Ohne Alkohol kommt es zu körperlichen Entzugserscheinungen (Zittern, Stimmungsschwankungen, Ängste)
Sucht ist eine Krankheit
Bei der Droge Alkohol fällt es besonders schwer, den Konsum zu stoppen, denn Alkohol wirkt an den Belohnungszentren im Gehirn. Mit zunehmender Abhängigkeit dreht sich alles darum, diesen Belohnungseffekt immer wieder herzustellen zu müssen. Dann neigen Betroffene dazu, andere, auch grundlegende, Bedürfnisse wie Schlafen oder Essen zu vernachlässigen. Ein Warnzeichen für eine Abhängigkeit: wenn die Gedanken ständig darum kreisen, wann sich die nächste Möglichkeit zum Trinken bietet.
30 Sekunden Selbsttest zum Alkoholkonsum
Um sich über den eigenen Konsum bewusst zu werden, empfiehlt der Alkoholforscher und Gastroentrologe Helmut Seitz einen Selbsttest anhand von vier Fragen. Dieser Test wird auch CAGE-Test genannt und dauert nur 30 Sekunden:
1. Haben Sie jemals versucht, weniger zu trinken?”
2. Haben Sie sich schon mal über Kritik an Ihrem Trinkverhalten geärgert?
3. Haben Sie sich jemals wegen Ihres Trinkens schuldig gefühlt?
4. Haben Sie jemals morgens als Erstes getrunken, um sich nervlich zu stabilisieren oder sich den Start in den Tag zu erleichtern?
Wenn mehrere Fragen mit “Ja” beantwortet werden, ist eine Alkoholsucht wahrscheinlich.
Depressionen verdoppeln das Risiko einer Alkoholabhängigkeit
Ob man eine Sucht entwickelt, ist von vielen Faktoren abhängig. Genetik, Verfügbarkeit von Alkohol und soziales Umfeld spielen eine Rolle – genau wie psychische Probleme. Menschen mit einer Depression haben ein doppelt so hohes Risiko, alkoholabhängig zu werden, sagt Jens Reimer vom Zentrum für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf dem Gesundheitsmagazin Visite. Andersherum könne Alkoholkonsum auf Dauer auch depressiv machen – die Verbindung verlaufe in beide Richtungen.
Keine feste Grenze für problematischen Konsum
Eine feste Grenze, wo problematischer Konsum beginnt, gibt es nicht. Alkohol wird von jedem Menschen unterschiedlich aufgenommen und abgebaut – abhängig vom Lebensstil, der Ernährung, aber auch körperlichen und psychischen Grundbedingungen. Daher ist die Schädlichkeit von Alkohol nur individuell messbar. Ein gesundheitliches Risiko bedeutet er aber ab dem ersten Tropfen.
Warum ist Alkohol auch in geringen Mengen schädlich?
Alkohol lässt den Körper schneller altern: Als potentes Zellgift schädigt er das Gehirn und zerstört Nervenzellen. Er erhöht das Risiko für viele Krebserkrankungen, wie etwa Brust- oder Darmkrebs. Auch äußerlich beschleunigt Alkohol den Alterungsprozess: Er entzieht dem Körper – und damit auch der Haut – Wasser. Sie kann sich dadurch schlechter regenerieren, es entstehen zunehmend Falten. Durch die Erweiterung der kleinen Blutgefäße im Gesicht entwickelt sich die typische “Schnapsnase”. Denn Alkohol erweitert die Blutgefäße und fördert Entzündungen. Auch die Handinnenflächen und die Augen können verstärkt gerötet sein.
Da Alkohol viele Kalorien hat und den Fettabbau bremst, entwickeln einige Betroffene den typischen Bierbauch, das heißt, der Körper lagert zunehmend Fett ein. Alkohol schädigt auch den Zahnschmelz. Abhängige entwickeln oft Probleme wie fleckige, verfärbte Zähne, Karies, Entzündungen im Mundraum und in der Folge Mundgeruch.
Abstinenzphasen wie der Dry January lohnen sich schnell
Schon ein Monat Verzicht auf Alkohol hat viele positive Effekte – sowohl körperlich als auch psychisch, sagt ARD gesund Medizinerin Julia Fischer. Die Leber regeneriert sich, der Fettstoffwechsel, Blutdruck und der Schlaf werden besser, und Entzündungsmarker im Blut, also Substanzen, die auf eine Entzündung im Körper hinweisen können, sinken. Viele Abstinente berichten von mehr Energie, einem klareren Kopf und reinerer Haut – bereits nach einem Monat Alkoholverzicht.
Andere ansprechen – ohne Vorwürfe
Um ein problematisches Trinkverhalten zu ändern, braucht es den eigenen Willen und viel Kraft. Fast überall gibt es kostenlose Beratungen und Suchthilfezentren – sie helfen auch schon, bevor der Alkohol zum sichtbaren Problem wird. Außerdem gibt es Hilfe für Angehörige, oder Menschen, die sich um jemand anderen sorgen und nicht wissen, wie sie es ansprechen sollen. Hier rät die Suchtberaterin Bianca Kunze Bianca Kunze von KODROBS Hamburg, ruhige Momente zu suchen und aus der Sorge heraus zu sprechen, statt jemanden mit Vorwürfen oder Belehrungen zu konfrontieren.
Langfristig bewusst und weniger trinken
Entscheidend ist laut Suchtberaterin Bianca Kunze, zu verstehen, welche Gefühle das Trinken auslösen. Warum und in welchen Situationen trinke ich? Eine Suchtberatung und ein Konsum-Tagebuch können erste Schritte sein. Dann geht es darum, langfristige Alternativen zum Alkoholkonsum zu finden, wie zum Beispiel Entspannungstechniken oder auch Sport. Sich und seine Bedürfnisse früh zu spüren und die negativen Gefühle, die zum Trinken führen, erkennen zu lernen – all das hilft, um gut ohne Alkohol leben zu können.
