Deutsche Stahlindustrie zwischen Krise und Börsenboom

Deutsche Stahlindustrie zwischen Krise und Börsenboom

Stahlarbeiter im Schutzanzug im Stahlwerk von Thyssenkrupp.

Stand: 21.01.2026 14:28 Uhr

Die Stahlkrise hat einen neuen Tiefpunkt erreicht: 2025 wurde in Deutschland so wenig Rohstahl erzeugt wie seit 2009 nicht mehr. Doch an der Börse boomen Stahl-Aktien – wie passt das zusammen?

Angela Göpfert

Die Krise der deutschen Stahlindustrie hat sich im vergangenen Jahr erneut verschärft. Nach jüngsten Zahlen der Wirtschaftsvereinigung Stahl fiel die Produktion von Rohstahl auf nur noch 34,1 Millionen Tonnen – der niedrigste Stand seit der Finanzkrise 2009.

Damit blieb die Produktion abermals unter der kritischen Marke von 40 Millionen Tonnen, die in der Branche als Schwelle für eine auskömmliche Kapazitätsauslastung gelten. Diese Grenze wurde nun bereits zum vierten Mal in Folge unterschritten.

Industriestrompreis mit Fragezeichen

Die Stahlbranche leidet unter einer historisch schwachen Nachfrage, globalen Überkapazitäten, Billig-Importen vor allem aus China – und nicht zuletzt unter den hohen Energiepreisen in Deutschland.

Zwar plant die Bundesregierung Entlastungen für energieintensive Industrien, primär durch einen staatlich subventionierten Industriestrompreis von fünf Cent pro Kilowattstunde (kWh). Dieser gilt jedoch nur für maximal 50 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs und ist auf die Dauer von drei Jahren befristet. Es bleibt daher fraglich, ob solch eine kurzfristige Entlastung ausreicht, um langfristige Konkurrenzfähigkeit zu sichern.

Höhere EU-Zölle auf Billigimporte aus China?

Trotz der großen strukturellen Herausforderungen für die Branche sind Stahl-Aktien bei den Anlegerinnen und Anlegern so gefragt wie seit Jahren nicht mehr. Sie profitieren von den Hoffnungen auf eine Belebung der deutschen Wirtschaft. Aber auch die Aussicht auf weitere Maßnahmen der EU-Kommission gegen die Billigimporte aus China gibt den Papieren von Thyssenkrupp, Salzgitter und Klöckner & Co. Rückenwind.

So will die EU-Kommission die zollfreien Importmengen für Stahl auf 18,3 Millionen Tonnen reduzieren – im Vergleich zu 2024 wären das 47 Prozent weniger. Gleichzeitig soll der Zollsatz für darüber hinaus gehende Stahlmengen von 25 auf 50 Prozent steigen. Zudem plant die EU-Kommission die Einführung einer Schmelz- und Gießvorschrift, um Marktumgehungen zu verhindern. Ziel ist es, der EU-Stahlindustrie einen “starken und dauerhaften Schutz” zu bieten.

Thyssenkrupp profitiert von TKMS-Abspaltung

Neben Konjunktur- und Protektionismushoffnungen gibt es aber auch unternehmensspezifische Gründe für die jüngsten Kurssteigerungen bei Stahlaktien. So sorgte die Abspaltung des Marineschiffbauers und TKMS Thyssenkrupp Marine Systems beim Mutterkonzern Thyssenkrupp für Jubelstimmung.

Die Thyssenkrupp-Aktie war mit einem Kursanstieg von fast 215 Prozent im vergangenen Jahr der größte Gewinner im MDAX der mittelgroßen Börsenwerte. Auch im neuen Jahr bleibt das Papier gefragt.

Übernahmeangebot treibt Klöckner & Co.

Besonders groß fiel der Kurszuwachs zuletzt aber bei Klöckner & Co. aus. Die Aktie des Stahlhändlers machte in der vergangenen Woche einen gewaltigen Satz nach oben und liegt nun so hoch wie seit fast drei Jahren nicht mehr – mit gutem Grund. Der US-Konkurrent Worthington Steel bietet elf Euro pro Aktie für das deutsche Unternehmen.

Rüstungsboom beflügelt Salzgitter

Auch die Salzgitter-Aktie hatte zuletzt einen guten Lauf, legte allein 2025 um 153 Prozent zu und notiert aktuell auf einem Siebenjahreshoch. Der Konzern profitiert dabei auch vom Rüstungsboom.

2025 hat Salzgitter von der Bundeswehr die Zulassung für seinen Spezialstahl SECURE 500 erhalten – und damit das europäische Monopol des schwedischen Konkurrenten SSAB gebrochen. SECURE 500 darf somit in Panzern, Kriegsschiffen und Bunkeranlagen verbaut werden.

Rosigere Zukunft für die deutsche Stahlindustrie?

Auch wenn der Blick in den Rückspiegel für die hiesigen Stahlkonzerne mehr als düster ausfällt: Der anhaltende Rüstungsboom, verbesserte Konjunkturperspektiven und die Aussicht auf einen besseren Schutz vor chinesischen Billigimporten schüren Hoffnungen auf eine etwas rosigere Zukunft der deutschen Stahlindustrie.

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