13 Monate nach dem Sturz von Diktator Assad wird in Syriens zweitgrößter Stadt Aleppo wieder geschossen. Was hinter den Kämpfen zwischen Armee und Kurden steckt – und welche Rolle die Türkei spielt.
Sultana Ibrahim ist verzweifelt: “Wir haben kein Wasser, keinen Strom, gar nichts mehr”, sagte die 41-jährige Kurdin einem ARD-Team. “Die Kinder haben Hunger und es gibt keine Milch für sie.” Ibrahim harrt mit ihrer Familie im Viertel Scheich Maksoud aus.
Die syrischen Behörden hatten die Bewohner von Scheich Maksoud und Aschrafija, zwei Vierteln im Norden der Großstadt Aleppo, zur Flucht aufgefordert: zu ihrer eigenen Sicherheit. Doch dafür blieb den Bewohnern nur wenige Stunden Zeit, dann griffen die von Islamisten dominierten Regierungstruppen und mit ihnen verbündete Milizen die Stadtteile erneut an.
Aleppo unter Artilleriefeuer
Aufnahmen zeigten am Donnerstag heftigen Artilleriebeschuss und Explosionen. Ibrahim verfolgt die Nachrichten auf ihrem Smartphone, hört gleichzeitig mit eigenen Ohren den Artilleriebeschuss.
Schon vor der Aufforderung der Behörden waren zehntausende Bewohner aus den betroffenen Stadtteilen geflüchtet. Die 41-Jährige ist mit ihrem Mann und ihren Kindern trotz allem geblieben: “Ich weiß nicht, wohin wir gehen sollen”, sagt sie. Außerdem arbeite ihr Mann in einer Bäckerei: Diese sei eine der letzten, die noch Brot backen für die verbliebenen Bewohner des Viertels, erzählt sie.
Seit Dienstag toben in den überwiegend von Kurden bewohnten Stadtteilen im Norden der Millionenstadt Aleppo Kämpfe. Dabei wurden mehrere Menschen getötet, darunter auch Frauen und Kinder: Angaben zu den Opfern variieren, in Medien ist von sieben bis 22 Toten die Rede. Laut kurdischen Angaben sind mehr als 140.000 Menschen vertrieben worden. Am Freitag war die Lage zunächst ruhiger als an den Tagen zuvor.
Konflikt um Eingliederung in die Armee
Die syrische Übergangsregierung wirft kurdisch dominierten Kräften vor, sie würden die Viertel als Rückzugsort für ihre Kämpfer nutzen und dort Geschütze stationieren. Beim Beschuss durch die Armee handle es sich um eine gezielte Operation gegen diese Stellungen.
Die Regierung wirft den kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) außerdem vor, sich nicht wie vereinbart in die reguläre syrische Armee einzugliedern. In einem Abkommen hatten beide Seiten im März vereinbart, dass die zivilen und militärischen Institutionen der Kurden bis Ende 2025 in die syrische Zentralregierung und Armee integriert werden sollten – doch das ist bislang nicht passiert.
Kurdische SDF weist Vorwürfe zurück
Die kurdische Seite bestreitet vehement, für die aktuelle Eskalation verantwortlich zu sein. Sie wirft den Regierungstruppen und mit ihnen verbündeten Einheiten vor, auf unbewaffnete Zivilisten zu schießen und diese zu vertreiben.
Das untergrabe die Chancen einer Einigung, sagt Masloum Abdi, der Oberbefehlshaber der SDF. Ihnen zufolge hat die syrische Regierung die Voraussetzungen für eine Eingliederung der kurdischen Kräfte bislang nicht erfüllt.
Diese Rolle spielt die Türkei
Die türkische Regierung ist einer der engsten Verbündeten der syrischen Übergangsregierung. In den kurdisch dominierten SDF hingegen sieht Präsident Recep Tayyip Erdogan einen Verbündeten der kurdischen PKK, die nicht nur in der Türkei als Terrororganisation eingestuft ist.
Die Türkei betrachtet den Autonomiestatus, den die Kurden sich gegen Assad und gegen Islamisten wie die Terrororganisation “Islamischer Staat” im Nordosten Syriens erkämpft haben, mit Sorge. Sie hat daher in den vergangenen zehn Jahren immer mehr Gebiete im Norden Syriens besetzt. Die durch türkische Truppen besetzten Gebiete sieht sie als”Pufferzone”, weil sie nach eigener Aussage einen “Terrorkorridor” an ihrer südlichen Grenze verhindern will.
Durch die türkische Besatzung wurden Menschen verschiedener Bevölkerungsgruppen vertrieben. Einige Kurden kamen danach unter anderem in den kurdisch dominierten Vierteln in Aleppo unter. Nun müssen sie erneut fliehen.
Die türkische Regierung bot der syrischen Übergangsregierung bei ihrem Kampf gegen die kurdischen Einheiten in Aleppo sofort ihre Unterstützung an. “Dass die SDF darauf beharren, ihre Besitztümer mit allen Mitteln zu verteidigen, ist das größte Hindernis für den Frieden in Syrien”, sagte der türkische Außenminister Hakan Fidan.
Deshalb haben die Kurden Angst
Trotz des Abkommens vom vergangenen März ist das Misstrauen zwischen Kurden und der aus islamistischen Milizen hervorgegangenen syrischen Übergangsregierung um Präsident Ahmed al-Scharaa groß. Jahrelang verband sie nur die gemeinsame Feindschaft zu Langzeitherrscher Assad, oft kämpften sie auch gegeneinander.
Al-Scharaa war es, dem mit seiner von der Türkei unterstützten HTS-Miliz gelang, den Diktator Assad Ende 2024 zu stürzen. Al-Scharaa versprach danach, die Minderheiten in Syrien – neben den Kurden sind das unter anderem Alawiten und Drusen – an der Regierung und dem Aufbau eines neuen Syrien zu beteiligen. Doch 2025 gab es schwere Massaker an Alawiten und Drusen, verübt durch Milizen, die der neuen Regierung nahestehen.
Auch die Kurden fürchten um ihren Status im neuen Syrien. Ihre Gebiete im Nordosten des Landes wollen sie nicht aufgeben. Ob sie sich nach den Angriffen auf die Viertel Scheich Maksoud und Aschrafija aus Aleppo zurückziehen, werden die kommenden Tage zeigen.

