Brandkatastrophe in Crans-Montana – Justizbehörden in der Kritik

Brandkatastrophe in Crans-Montana – Justizbehörden in der Kritik

Die Schweizer Flagge weht vor einer Leuchtschrift in Crans-Montana.

Stand: 16.01.2026 07:52 Uhr

Nach der Feuerkatastrophe von Crans-Montana stehen die Walliser Behörden in der Kritik. Bei der Untersuchung der Brandursache könnte es Versäumnisse gegeben haben. Italien hat inzwischen eigene Ermittlungen eingeleitet.

Kathrin Hondl

“J’accuse” – “Ich klage an” steht an der Wand des Genfer Anwaltsbüros von Romain Jordan. Dort hängt die französische Zeitungsseite von 1898 mit der wütenden Anklage des Schriftstellers Émile Zola in der Dreyfus-Affäre. Ein historischer Protest gegen schwerwiegende Justizirrtümer, Verleumdungen, Falschaussagen. Das “J’accuse” von Rechtsanwalt Jordan ist ähnlich vehement wie auf der alten Zeitung an seiner Wand.

Er vertritt die Familien mehrerer Opfer des Infernos in der Bar “Le Constellation” und ist schockiert. Das Strafverfahren habe sehr schlecht begonnen, so der Anwalt. “Ich behaupte nicht, dass das Absicht war. Aber es ist schlecht gelaufen.”

40 junge Menschen starben bei dem Brand an Silvester, mehr als hundert Menschen wurden schwer verletzt. Gegen die Besitzer der abgebrannten Bar im Skiort Crans-Montana wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, einer der beiden sitzt mittlerweile in U-Haft.

Mehrere Opfer offenbar nicht obduziert

Doch beinah jeden Tag werden neue, möglicherweise schwerwiegende Versäumnisse der Walliser Behörden bekannt. Zuletzt verdichteten sich Hinweise, dass zumindest einige der Brandopfer offenbar nicht gerichtsmedizinisch untersucht worden seien, weil die Staatsanwaltschaft keine Obduktionen angeordnet habe. Der italienische Botschafter in Bern jedenfalls bestätigte der Neuen Zürcher Zeitung, dass die sechs getöteten Jugendlichen aus Italien in der Schweiz nicht obduziert worden seien.

Das aber sei unbedingt nötig, auch um den genauen Ablauf der Brandkatastrophe zu rekonstruieren, sagte Rechtsanwalt Jordan. “Die italienischen Behörden haben Obduktionen vorgenommen. Weil sie die Todesursache präzise feststellen wollen. War es Ersticken, wurde das Opfer zu Tode getrampelt oder ist es einfach verbrannt? Der Zeitpunkt des Todes. Das sind alles wichtige Fragen, deshalb ist bei einem solchen Fall eine Obduktion unerlässlich”, erklärte er.

“Totales Obduktions-Chaos” titelte dazu gestern Abend die Schweizer Boulevardzeitung Blick und berichtete von einem 17-jährigen Opfer, bei dem die Staatsanwaltschaft zwei Wochen lang keine Autopsie angeordnet habe. Erst am Tag vor der Beerdigung, als der Leichnam schon aufgebahrt in der Friedhofskapelle gelegen habe, hätten die Gerichtsmediziner ihn abgeholt. Ein weiterer Schock für die trauernde Mutter, die Beerdigung sei daraufhin verschoben worden.

Versäumnisse sieht der Genfer Anwalt auch bei den Ermittlungen gegen die Barbetreiber, zum Beispiel bei der Frage, warum deren Telefone nicht sofort beschlagnahmt worden seien. In der Folge hat er ein Internetportal eingerichtet, auf dem Zeugen anonym Hinweise geben sowie Fotos, Videos und andere Dokumente zur Brandkatastrophe hochladen können.

Eigene Ermittlungen in Italien

Und nicht nur in der Schweiz gibt es noch viele offene Fragen, sondern auch in Italien. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni kritisierte: “Warum hat niemand in der Bar die Musik ausgemacht? Niemand den Jugendlichen gesagt, sie sollen rausgehen? Warum hat die Gemeinde keine Kontrollen durchgeführt? Warum? Zu viele Warum-Fragen!”

Italien hat eigene Ermittlungen eingeleitet und will sich zudem als Nebenklägerin im Schweizer Strafverfahren einbringen. “Immerhin”, meint der Genfer Anwalt Romain Jordan, sei die Staatsanwaltschaft nun bereit Fehler zu korrigieren. Man werde genauestens darauf achten, dass das tatsächlich geschehe.

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