Berlinale: Filmfestival zeigt mehr Haltung und weniger Stars

Berlinale: Filmfestival zeigt mehr Haltung und weniger Stars

Berlinale 2026. Eröffnung (Quelle: dpa/Rouzbeh Fouladi)

Stand: 12.02.2026 20:46 Uhr

Unter Festivalleiterin Tricia Tuttle rückt politisches Autorenkino bei der diesjährigen Berlinale in den Mittelpunkt. Das zeigt auch der Eröffnungsfilm aus Afghanistan. 22 Filme sind im Wettbewerb um den Goldenen Bären dabei.

  • 76. Berlinale mit starken Geschichten, wichtigen Themen und unverwechselbaren Regiehandschriften
  • Eröffnungsfilm als starkes politisches Zeichen zum Festivalauftakt
  • Internationaler Wettbewerb setzt auf Kraft des Autorenkinos

Manchmal erzählen Filmfestivals mehr über den Zustand der Welt als jede politische Rede. Dann entscheidet sich im Programm, ob ein Festival nur glänzen will oder wirklich etwas zu sagen hat. Für Tricia Tuttle ist es das schwierige zweite Jahr. Zwar hält sich die Chefin der Berlinale, anders als viele ihrer Vorgänger, mit eindeutigen politischen Aussagen eher zurück. Aber die Programmierung ihres zweiten Festivals zeigt eine klare Sprache. Zur Eröffnung des Festivals läuft zum ersten Mal der Film einer afghanischen Regisseurin, “No Good Men”.

Eröffnungsfilm der 76. Berlinale: “No Good Men” von Shahrbanoo Sadat

Eröffnungsfilm über Schicksal afghanischer Frauen

Die in Hamburg lebende Filmemacherin Shahrbanoo Sadat spielt auch die Hauptrolle in “No Good Men”, ihrem dritten Film nach ihren gefeierten Arbeiten “Wolf And Sheep” und “Kabul Kinderheim”, die beide in Cannes liefen. Sie erzählt von der TV-Journalistin Naru, die sich in einer männlich dominierten Welt durchsetzen will und gegen einen aggressiven Ehemann um das Sorgerecht für ihr Kind kämpft. Es sind die dramatischen Tage vor der Machtübernahme durch die Taliban, die mit dokumentarischen Mitteln geschildert werden. Gleichzeitig spielt Sadat aber auch mit den Mitteln der romantischen Komödie und bietet so eine höchst ungewöhnliche Sichtweise. Ein Film über das Schicksal von Frauen in Afghanistan, der auch von der internationalen Verantwortung für die katastrophale Entwicklung im Land spricht, setzt sicher ein starkes politisches Zeichen zum Festivalstart.

Jury-Präsident Wim Wenders wird mit sechs weiteren Jurymitgliedern über die Vergabe der Bären entscheiden.

Renommierte Regisseur:innen aus Deutschland

Starke Geschichten, wichtige Themen und unverwechselbare Regiehandschriften erwarten uns in dem mit 22 Filmen sehr umfangreichen Wettbewerbs, den die internationale Jury unter Wim Wenders zu beurteilen hat.

Allein aus Deutschland kommen drei Produktionen von Regisseurinnen und Regisseuren, die sich längst einen sehr guten Namen gemacht haben. Angela Schanelec ist schon zum dritten Mal im Wettbewerb vertreten. Jetzt zeigt diese immer überraschende, eigenwillige Regisseurin “Meine Frau weint”, die Ehegeschichte eines Kranführers. Ilker Çatak kam mit “Das Lehrerzimmer” 2023 im Panorama der Berlinale zu internationaler Bekanntheit und einer Oscarnominierung. Mit “Gelbe Briefe” tritt er nun zum ersten Mal Wettbewerb an. Das mit türkischen Schauspielern gedrehte Drama erzählt von einem Künstlerpaar in Ankara, das unter staatlichen Repressionen leidet. Gespannt sein darf man auch auf den dritten Film von Eva Trobisch, die ebenfalls zum ersten Mal am Wettbewerb teilnimmt. Trobisch, eines der herausragenden deutschen Regie-Talente, stellt “Etwas ganz Besonderes” vor, die Geschichte eines jungen Mädchens aus der ostdeutschen Provinz, das seine Identität sucht.

Bilderstrecke

Unterwegs mit Wim Wenders

Kraft des Autorenkinos

Tricia Tuttle und ihr Auswahlgremium haben neben diesen drei sehr besonderen Filmemachern aus Deutschland im Wettbewerb insgesamt auf die Kraft des Autorenkinos gesetzt, etwa mit dem berühmten ungarischen Regisseur Kornèl Mundruczó, der zum ersten Mal nach Berlin eingeladen wurde. “At the Sea”, eine englischsprachige Produktion, erzählt von einer Tänzerin, die in ihre alte Heimat Neu England zurückkehrt. Der Österreicher Markus Schleinzer, ein bekannter Autor und Regisseur, kommt mit “Rose” nach Berlin. Das ist die Geschichte einer Frau, die sich in den Wirren des 30jährigen Krieges als Mann ausgibt. In der Titelrolle dieser historischen, queeren Tragödie sehen wir Sandra Hüller, die sicher zu den gefeierten Stars dieses Festivals gehören wird.

Sandra Hüller in Markus Schleinzers “Rose”.

Der Teddy Award wird 40 Jahre alt

Bei dieser Berlinale wird der begehrte Teddy Award 40 Jahre alt, auch dieses Jubiläum hat in Zeiten zunehmender Queer-Feindlichkeit und Verfolgungen auf der ganzen Welt eine sehr politische Dimension. Es wird wirksam begangen, vor allem mit einer erlesenen Retrospektive “Teddy 40”. In dieser Reihe sind queere Berlinale-Klassiker zu sehen wie “Verführung: Eine grausame Frau” (1985) von Elfie Mikesch und Monika Treut. Die beiden Pionierinnen des queeren Kinos werden in Berlin erwartet. Vom im Dezember verstorbenen Rosa von Praunheim wird “Tunten lügen nicht” (2002) gezeigt, eine schöne Erinnerung an den schwulen, unerschrockenen Kultregisseur, der Stammgast auf der Berlinale war.

Die Berlinale 2026 erinnert an den Regisseur Rosa von Praunheim, der im Winter 2025 verstorben ist.

Filme, die Kontroversen hervorrufen

Politische Akzente werden ebenso traditionsgemäß in den anderen Sektionen sehr deutlich gesetzt. Im Forum-Film “Chronos – Fluss der Zeit” kehrt ein Altmeister des deutschen Dokumentarfilms, Volker Koepp, noch einmal an die osteuropäischen Schauplätze seiner früheren Filme zurück und geht den tiefen Umwälzungen nach. In der von Russland überfallenen Ukraine drehte er zum Teil unter Gefahr mit einem Smartphone. Für kontroverse Diskussionen könnte “Staatsschutz” im Panorama sorgen. Der Film von Faraz Shariat, der für sein großartiges Debüt “Futur Drei” 2020 den Teddy erhielt, geht rechten Verbindungen im Justizwesen nach. Der Politthriller wird mit Sicherheit einer der wichtigsten deutschen Filme dieses Festivaljahrgangs und ein Anwärter für den radioeins-Panorama-Publikumspreis. Politische Debatten über solche Filme sind der Markenkern der Berlinale.

Starke Themen statt Festivalglanz

Internationale Festivals setzen gern auf schillernde Unterhaltung mit Stars auf dem roten Teppich. Mit Juliette Binoche, Channing Tatum, Pamela Anderson und Amy Adams werden durchaus internationale Stars in Berlin erwartet. Dennoch fällt die Abwesenheit großer amerikanischer Produktionen auf, die lieber nach Cannes und Venedig gehen, möglicherweise ein gewisser Mangel an Festivalglanz. Vielleicht aber steht hinter dieser Programmierung ein Symbolwert: Die Welt, besonders Europa, ist derzeit politisch, aber eben auch kulturell auf sich selbst zurückgeworfen. Das könnte man als eine cineastische Chance für diese Produktionen in Berlin sehen.

Ein Beitrag von Knut Elstermann

Sendung: rbb|24, 11.02.26, 05:57 Uhr

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