Ausnahmezustand in der Ukraine: “Wir haben keine Kraft mehr”

Ausnahmezustand in der Ukraine: “Wir haben keine Kraft mehr”

Freiwillige der US-amerikanischen Lebensmittelhilfsorganisation World Central Kitchen verteilen warme Mahlzeiten an Anwohner in Kiew, Ukraine.

Stand: 23.01.2026 15:56 Uhr

Nach massiven Luftangriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur hält der Ausnahmezustand für Millionen Menschen im Land an. Heizung, Strom und Wasser fallen immer wieder aus – bei starken Minusgraden.

Rebecca Barth

Iryna Koslowets ist verzweifelt. Ihr Stadtteil auf der linken Uferseite der ukrainischen Hauptstadt werde besonders stark von Russland angegriffen, berichtet die Ärztin aus Kiew. Sie und ihr vierjähriger Neffe versuchen sich mit dicken Jacken, Schal und Mütze warmzuhalten.

“Kein Strom, kein Wasser, keine Heizung. Wir stehen am Rande einer Katastrophe. Wir wissen nicht, was wir jetzt tun sollen. Wir sind einfach am Ende unserer Kräfte”, sagt die Ärztin. Sie vergleicht ihre Situation mit der eines Generators, dem das Benzin ausgeht. “Genauso geht es uns gerade. Wir haben einfach keine Kraft mehr.”

Iryna Koslowets zeigt uns ihre Wohnung. “Schaut”, sagt sie und deutet auf einen Haufen Decken und Kissen – gestapelt vor Balkontür und Fenstern. So versucht die 39-Jährige, wenigstens ein bisschen Kälte abzuwehren. Ein nahezu aussichtsloser Kampf. Nur 7.5 Grad Raumtemperatur zeigt das Thermometer. Die Fenster sind teilweise zugefroren. Schlafen würden sie in Mäntel und Mützen. “Es ist sehr kalt. So kalt. Sehr unangenehm.”

Mangel an Ersatzteilen und Finanzmitteln

Besserung ist kaum in Sicht. Immer wieder greift Russland gezielt Anlagen der kritischen Infrastruktur an. Nach Jahren des Beschusses und bei zweistelligen Minustemperaturen sind die Schäden trotz aller Anstrengungen kaum mehr zu reparieren, erklärt der Unternehmer Wolodymyr Kudrytskyj, ehemaliger Chef des Energieunternehmens Ukrenerho.

“Der Ukraine gehen langsam Ersatzteile aus, die zur Reparatur beschädigter Kraftwerke, Umspannwerke, des Netzes benötigt werden”, sagt er. Es brauche Finanzmittel und Raketen für die Flugabwehr. “Und es müssen uns Apparaturen geliefert werden, die noch irgendwo verfügbar sind”, so Kudrytskyj.

EU schickt Stromgeneratoren in die Ukraine

Mit fast 450 Notstromgeneratoren will die EU die Not in der Ukraine nach russischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur lindern. Wie die Europäische Kommission mitteilte, sollen die Geräte im Wert von 3,7 Millionen Euro an Krankenhäuser, Unterkünfte und kritische Dienste geliefert werden und diese wieder mit Strom versorgen. Seit Beginn der russischen Vollinvasion vor fast vier Jahren hat die EU schon mehr als 9.500 Generatoren in die Ukraine gesendet.

Die Kommission hat nach eigenen Angaben mehr als 1,2 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe zum Schutz der Zivilbevölkerung sowie zusätzlich mindestens 3 Milliarden Euro für die Energieversorgungssicherheit bereitgestellt.

Lage bleibt angespannt

Laut Prognose sind in den kommenden Tagen vergleichsweise milde Temperaturen zu erwarten. Um den Gefrierpunkt – und nicht wie zuletzt bis zu minus 25 Grad. Die Lage bleibt dennoch angespannt. Von Heizungs- und Stromausfällen sind nahezu alle Landesteile betroffen. Vor allem große Städte wie Dnipro, Odessa, Saporischschja oder Charkiw.

Ärztin Iryna Koslowets hat sich für ihre Wohnung in Kiew eine kleine Kochplatte mit Gaskartusche gekauft. Um wenigstens das Nötigste zubereiten zu können, zum Beispiel Tee für ihren Neffen. “Das ist das Einzige, was funktioniert. Tee kochen oder etwas aufwärmen, wenn ich es schaffe zu kochen. Aber in letzter Zeit schaffe ich das nicht.”

Die ukrainische Regierung rechnet mit weiteren russischen Luftangriffen auf die zivile Infrastruktur. Für viele Menschen ist es der schwerste Winter seit Beginn des russischen Angriffskriegs.

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