Vor etwa 6.000 Jahren erhob sich in der Bretagne ein außergewöhnlicher Bau: eine kreisrunde “Kathedrale” aus Holz. Archäologen entdeckten erstmals die Spuren eines solchen Gebäudes in der französischen Region Carnac.
In der Jungsteinzeit begannen die Menschen in der Bretagne damit, Steine zu bearbeiten und sie hochkant aufzustellen. Sogenannte Menhire, was aus dem Bretonischen übersetzt so viel wie “langer Stein” bedeutet. Mehr als 2.000 Menhire stehen in der Carnac-Region in kilometerlangen Reihen nebeneinander.
Archäologen entdeckten dort die Reste eines 6.000 Jahre alten kreisrunden Gebäudes, das wie eine hölzerne “Kathedrale” wirkt. Mit neun Metern Durchmesser und geschätzten 20 Metern Höhe ist es das erste Bauwerk dieser Art in der Carnac-Region.
Der Fund zeigt die außergewöhnliche Baukunst der Jungsteinzeit und könnte ein Kultort gewesen sein. Er bietet neue Einblicke in die sogenannte Megalithkultur – also prähistorische Gesellschaften, die große Steinmonumente errichteten – und das Gemeinschaftsleben der damaligen Zeit.
So könnte sie ausgesehen haben: die runde “Kathedrale” – mit neun Metern Durchmesser und geschätzten 20 Metern Höhe.
Immer mehr Ausgrabungen legen Funde frei
In den vergangenen Monaten schabte auf einem neuen Grabungsfeld ein Bagger vorsichtig die oberste Erdschicht ab. Die Grabung in einem zukünftigen Gewerbegebiet leitete die französische Archäologin Audrey Blanchard.
Neue Ausgrabungen trieben die Forschung rund um Carnac in den vergangenen Jahren sehr voran. “Bis vor 25 Jahren gab es nur wenige Ausgrabungen, aber die konzentrierten sich nur auf kleine Bereiche”, sagt Ausgrabungsleiterin Blanchard. “Seit Beginn dieses Jahrhunderts haben wir die Möglichkeit, mit der präventiven Archäologie sehr große Bereiche auszugraben. Dabei konzentrieren wir uns nicht nur auf die Steinreihen, sondern schauen auch was drumherum passierte.”
Die Archäologen legten bei dieser Grabung mit ihren Spachteln unter anderem Feuerstellen, ein Grab und mehrere Menhire frei. Der Archäologe Jean-Noël Guyodo überflog dann für das Team mit einer Drohne die Ausgrabung und entdeckte, dass viele freigelegte Pfostenlöcher einen Kreis mit etwa neun Meter Durchmesser bilden.
Eine Ausgrabungsskizze zeigt einen möglichen Kultort in der Nähe zu den Steinreihen von Carnac in der Bretagne mit Menhiren und Feuerstellen.
Spuren eines runden Hauses sind eine Sensation
Diese Spuren eines großen runden Hauses sind eine Sensation, sagt Archäologe Jean-Noël Guyodo: “Das war aufregend. Denn das letzte runde Haus wurde vor etwa 15 Jahren in Frankreich entdeckt und das erste vor 30 Jahren.” Er selbst habe eines vor 25 Jahren gefunden. “Aber es war das kleinste Gebäude, nur vier Meter im Durchmesser. Und dieses war doppelt so groß. Das war sehr aufregend, weil es so selten ist, diese Art Häuser auszugraben.”
Das Besondere: Die Pfostenlöcher sind alle noch an ihrem Platz. Die Menschen in der Bretagne haben in der Jungsteinzeit hier offenbar gemeinsam eine Art “Kathedrale” aus Holz gebaut. Das Gebäude war wohl schon von weitem sichtbar, denn es war schätzungsweise bis zu 20 Meter hoch.
Ein unglaublicher Aufwand, sagt Ausgrabungsleiterin Blanchard: “Wir wissen, dass solche Konstruktionen viel Zeit brauchten. Gebaut wurde in mehreren Abschnitten und zwar von vielen Menschen.”
Die freigelegten Pfostenlöcher von oben: Zusammen bilden sie einen Kreis.
Erster Fund dieser Art in der Gegend
Die Archäologen vermuten, dass in diesem Gebäude die Bauern und Hirten in der Jungsteinzeit zusammenkamen. “Dieser Fund ist so bedeutend, weil wir das erste Mal so ein rundes Gebäude hier entdeckt haben. Bisher war so etwas in der Gegend um Paris bekannt”, so Blanchard. “Wir nehmen an, dass es ein Kultort gewesen sein könnte, in der Nähe zu den Steinreihen von Carnac.”
Denn nicht weit von dem Rundbau entfernt entdeckten die Archäologen weitere Besonderheiten: Spuren von Holzpalisaden, vor denen etwa alle vier Meter große hohe Steine aufgestellt waren.
In der Carnac-Region stehen mehr als 2.000 Menhire in kilometerlangen Reihen nebeneinander.
Saurer Boden in der Bretagne zersetzt Knochen
Ein Bagger transportierte viele Steine vorsichtig in das Labor der Ausgräber. Hier werden sie nun untersucht. Knochen oder Holzreste haben sie in der Erde nicht gefunden. Aber das wundert Blanchard nicht: “Unglücklicherweise ist der Boden in der Bretagne sauer. Das heißt, wir finden kaum Knochen.” DNA-Analysen seien darum oft nicht möglich, sagt sie. “Wir untersuchen darum die Umwelt-DNA. Das ist die einzige Möglichkeit für uns, um mehr über die Menschen zu erfahren, die die Megalithbauten in der Cranac-Region geschaffen haben.”
Schon bald will sie an einer neuen Stelle in der Bretagne graben. Hier wo wohl vor langer Zeit die Epoche der großen Steinmonumente in Europa begann. Audrey Blanchard ist sich sicher, dass sie dann wieder etwas Neues entdecken wird, was das Bild vom Leben der Menschen in der Jungsteinzeit in Europa erklärt.

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