interview
Trumps neue Zölle würden die ohnehin angeschlagene deutsche Wirtschaft hart treffen. Doch aus Sicht des Hauptgeschäftsführer des Außenhandelsverbands BGA, Finkelnburg, ist Nachgeben im aktuellen Streit keine Option.
tagesschau24: Wie sollte die EU aus Ihrer Sicht auf Trumps Zollankündigung reagieren?
Antonin Finkelnburg: Die EU muss an dieser Stelle Linie halten. Die Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit Grönlands sind bedroht. Die können nicht im Rahmen eines Zolldeals geopfert werden. Wenn Grönland fallen würde, wäre das der erste Dominostein, und wir wissen nicht, welche Staaten dann in den Blickpunkt der USA oder Chinas oder Russlands kommen. Werden es Norwegen oder Island? Ich weiß es nicht. Wir müssen an dieser Stelle eine klare Linie ziehen.
tagesschau24: Und wie würden die Zölle denn die deutsche Wirtschaft treffen?
Finkelnburg: Wir können aus dem letzten Jahr und den ersten Zöllen schon Rückschlüsse darauf ziehen: Das Handelsvolumen mit den USA ist bis November 2025 um 7,8 Prozent gesunken. Das ist signifikant. Das sind noch nicht die finalen Zahlen, aber man merkt schon – es ist ein gewaltiger Einbruch. Neue Zölle würden das Ganze entsprechend noch weiter verschärfen.
Zur Person
Antonin Finkelnburg ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA). Zuvor war Finkelnburg beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall tätig.
“Wir können nicht mehr zurückweichen”
tagesschau24: Wie riskant ist es für die europäische Wirtschaft, sich in so einen Handelskonflikt mit den USA zu begeben?
Finkelnburg: Wir großen Außenhändler sind flexibel. Aber natürlich: Teile der Industrie sind sehr stark vom amerikanischen Markt abhängig. Das ist nach China inzwischen unser zweitwichtigster Markt.
Aber die Frage ist, inwieweit wir grundsätzliche Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit opfern können hinsichtlich eines besseren Wirtschaftsziels. Ich glaube, hier ist die Linie, wo wir nicht mehr zurückweichen können. Es ist unmöglich zu sagen, wir sind an der Stelle noch kompromissbereit, um einem Land, das offensichtlich aggressiv operiert, nachzugeben.
“Alle Zölle sind schlecht”
tagesschau24: Wären denn Gegenzölle die zu erwartende Antwort der EU?
Finkelnburg: Aus unserer Sicht als Händler sind alle Zölle schlecht für beide Seiten. Aber zu erwarten ist, dass zumindest der amerikanisch-europäische Zolldeal in diesem Moment ad acta gelegt ist oder zumindest massiv in Frage gestellt wird. Denn natürlich beruht ein Abkommen immer auf Verlässlichkeit auf beiden Seiten – und die Verlässlichkeit auf der amerikanischen Seite ist nicht mehr da. Trump nutzt Zölle als politische Waffe und das können wir nicht akzeptieren.
tagesschau24: Sollte es, wie zu erwarten, in den europäischen Staaten nun Widerstand gegen die Zölle geben, macht sich die EU angreifbar gegenüber Trump?
Finkelnburg: Ich glaube, wir müssen erst einmal schauen, dass nicht nur die EU gemeinsam handelt, sondern auch unsere Partner in der Welt. Trump nutzt ja normalerweise das Auseinanderdividieren von einzelnen Ländern, um seinen Willen durchzusetzen. Und in diesem Fall müssten eigentlich Kanada, Australien, Mexiko und die EU gemeinsam operieren, um diese Grönland-Annexionspläne oder Aufkaufpläne – wie man sie auch immer nennen möchte – nicht durchgehen zu lassen.
“US-Markt kann nicht über Nacht ersetzt werden”
tagesschau24: Gäbe es denn für die deutsche Wirtschaft andere Absatzmärkte, wenn nun die USA wegbrechen?
Finkelnburg: So kurzfristig? Nein. Natürlich haben viele Unternehmen – Groß- und Außenhandel sowie viele Mittelständler – schon angefangen zu diversifizieren und andere Märkte zu suchen. Aber das Volumen, was Amerika als Markt darstellt, kann nicht einfach über Nacht ersetzt werden. Insofern würde es ein schmerzhafter Bruch werden.
Wir hoffen, dass das vermieden werden kann. Aber das hängt in diesem Fall wirklich von den USA und deren Verhalten ab und nicht vom europäischen Verhalten.
tagesschau24: Wie groß ist die Sorge in der deutschen Wirtschaft?
Finkelnburg: Die Sorgen sind unterschiedlich. Natürlich gibt es Branchen, die sehr stark vom amerikanischen Markt abhängig sind, die auch schon sehr stark gelitten haben. Unter den bisherigen Zöllen auf Stahl und Aluminium sind wir immer noch bei 50 Prozent, auch das ist massiv. Das trifft bei uns beispielsweise Schraubenhersteller und Importeure.
Es gibt andere Branchen, die weit weniger abhängig sind von den USA. Insofern ist es sehr unterschiedlich verteilt. Aber es geht um mehr als um Handel. Es geht hier tatsächlich um die NATO. Es geht um die Verlässlichkeit, um ein westliches Bündnis, was von amerikanischer Seite plötzlich völlig infrage gestellt wird.
tagesschau24: Sehen Sie eine Zukunft für die transatlantischen Beziehungen?
Eine Zukunft wird es immer geben. In diesem Jahr feiern die USA den 250. Jahrestag der Unterzeichnung ihrer Unabhängigkeitserklärung. Damals haben sich die Kolonien von einem britischen König unabhängig erklärt, der willkürlich herrschte, der Rechtstaatlichkeit nicht einhielt und die Amerikaner mit hohen Zöllen und Steuern belastete. Vielleicht ist es nun Zeit, dass wir Europäer in diesem Jahr ein wenig unabhängiger von den USA werden.
Das Interview führte Kirsten Gerhard, tagesschau24
