Islamistische Gruppen weiten ihre Gewalt in Nigeria aus. Misstrauen gegenüber der Armee lähmt die Terrorabwehr – und schwächt den Staat immer weiter, während neue Regionen ins Visier der Extremisten geraten.
Mit einfachen Schaufeln und gebeugtem Rücken graben die Überlebenden in dem nigerianischen Dorf Woro Grab um Grab. Die rote Erde ist hart, die Arbeit schwer – nicht nur körperlich. 178 Opfer hat der Angriff einer bewaffneten Gruppe am Anfang der Woche gefordert, haben die Überlebenden der Nachrichtenagentur AFP erzählt, die im Dorf recherchieren konnte. Noch immer ist nicht klar, wie viele Opfer es insgesamt sind.
Umar Bio Aliyu steht neben denen, die ein weiteres frisches Grab ausheben, bereit, sie abzulösen. Er dreht sich um, zeigt in die andere Richtung: überall frisch aufgewühlte Erde. “Hier haben wir sie beerdigt, eine Massenbestattung, weil uns die Kraft und die Zeit fehlten, jeden einzeln zu beerdigen”, erzählt er.
“Hier in diese Grube haben wir 50 gelegt, 27 in die andere”, so Umar Bio Aliyu. Im Dorf gebe es aber noch mehr Gräber: “Die Christen haben hier ein eigenes Gräberfeld, und noch ein weiteres die Straße runter.”
Angriff als mögliche Rache
Neben Woro wurde auch das Dorf Nuku von Bewaffneten angegriffen. Die beiden Orte liegen im Westen Nigerias. Noch hat keine Gruppe die brutale Tat für sich reklamiert, aber vieles spricht dafür, dass die Angreifer militante Islamisten waren. Die Überlebenden in Woro erzählen, radikale Islamisten hätten einige Tage vor dem Massaker schriftlich angekündigt, sie würden kommen und predigen.
Als sie kamen, habe niemand zugehört, obwohl das Dorf überwiegend muslimisch sei, heißt es. Stattdessen alarmierte der Dorfchef die Sicherheitskräfte. Der außergewöhnlich brutale Angriff sei dafür die Rache gewesen, glauben die Bewohner.
Armee genießt kein Vertrauen
Taiwo Adebayo glaubt das auch. Er lebt in der nigerianischen Hauptstadt Abuja und arbeitet für die afrikanische Denkfabrik Institut für Sicherheitsstudien (ISS). “Nigerias Anti-Terror-Operationen haben eine Schwachstelle”, sagt Adebayo, “die Armee schafft es nicht, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen.”
Die Menschen trauten sich nicht, mit der Armee zusammenzuarbeiten, weil sie fürchten, dass die Sicherheitskräfte sie anschließend nicht vor der Rache der Islamisten schützen, so Adebayo. “Daher schweigt die Bevölkerung, anstatt Bewegungen und die Mobilisierung bewaffneter Gruppen an die staatlichen Streitkräfte zu melden. Die Armee bekommt deshalb nicht genug Informationen. Das ist ein Problem.”
Islamisten waren im Westen bisher nicht aktiv
So erklärt Adebayo auch die besondere Brutalität bei dem Angriff dieser Woche auf die überwiegend muslimischen Dörfer im Westen Nigerias. In dieser Gegend operieren die bewaffneten Islamisten noch nicht lange, bisher waren sie vor allem im Norden und Osten des Landes aktiv.
Die Menschen im Westen seien also noch unerfahren, hätten noch Vertrauen in die staatlichen Sicherheitskräfte, so Adebayo: “Das, was diese Woche passiert ist, wird nun leider auch hier in dieser Gegend dazu führen, dass die Menschen in Zukunft lieber schweigen. Sie haben jetzt ihre Erfahrung gemacht.”
US-Armee entsendet Team
In gewisser Weise ist das ein Teufelskreis: Weil die bewaffneten Gruppen bereits so stark sind, versagt der Staat immer wieder dabei, das Leben der Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Deshalb kooperieren die nicht mit dem Staat – und der bleibt schwach.
In dieser Woche hat die US-Armee bestätigt, ein kleines Team von Militärpersonal nach Nigeria entsandt zu haben, um die Terrorabwehr im Land zu unterstützen. Es gehe vor allem darum, sicherheitsrelevante Informationen zu beschaffen, nicht etwa um eine Drohnenbasis oder eine dauerhafte US-Militärpräsenz.
Einsatz könnte Spannungen auch verschärfen
Taiwo Adebayo ist dabei ambivalent: “Das kann hilfreich sein, vor allem, was die Beschaffung von Informationen angeht und den Einsatz von Technologie bei der Terrorismusbekämpfung”, sagt er. Doch es gebe auch Risiken: So wie die US-amerikanische Regierung das Problem öffentlich darstelle, könne es sein, dass sie damit die Spannungen vor Ort in Nigeria verschärfe.
“Dass sie Konflikte zwischen Gemeinschaften schürt, die wir brauchen, um die nötigen Informationen zu bekommen”, sagt Adebayo. Was er meint: Laut US-Präsident Trump sei Nigeria Schauplatz eines Kriegs gegen Christen. Die USA müssten eingreifen, um die Christen zu schützen.
Tatsächlich sind Christen Opfer gezielter Anschläge, beispielsweise auf Kirchen. Doch die Mehrheit der Toten sind Muslime – so wie in dem Dorf Woro, in dem Muslime sich weigerten, mit den Extremisten zusammenzuarbeiten.
