Amateurtheater in Not: Keine Räume, zu wenig Förderung.

Amateurtheater in Not: Keine Räume, zu wenig Förderung.

Innenaufnahme einer Zirkusarena. Starke Scheinwerfer und Nebel lassen im Hintergrund Umrisse mehrerer Personen vor einer beleuchteten Leinwand erkennen.

Stand: 09.02.2026 10:23 Uhr

Es fehlt an Bühnen und Förderung, hinzu kommen steigende Kosten: Amateurtheater kämpfen ums Überleben, vor allem in Berlin. Nun wird ein bundesweiter Fonds gefordert.

Von Elena Deutscher und Tamy Daum, rbb

Der Fahrstuhl ist klein und unauffällig, versteckt im Innenhof der Neuköllner Oper. Gemächlich fährt er in die fünfte Etage. Oben eröffnen sich eine Werkstatt, enge Flure, Probenräume und eine Bühne. Versteckt im hinteren Teil probt Jacqueline Demircan mit den Mitgliedern des Amateurbühne Vineta 1900 e.V. Im März ist die große Premiere von “Sterben ist auch nicht mehr das, was es mal war”. Das Amateurensemble hat Gück, denn es ist fest an der Neuköllner Oper verankert. Es ist ein Privileg für das Laien-Ensemble, hier proben und auftreten zu können. Normalerweise suchen Amateurtheater in der Hauptstadt händeringend nach Räumen, können die Mieten kaum stemmen.

Laientheater und Neuköllner Oper kooperieren bereits seit den 80er-Jahren, ihre Zusammenarbeit ist vertraglich abgesichert. Ein Arrangement, von dem beide Seiten profitieren, weil durch die Laiengruppe mehr Menschen in Kontakt mit Theater kommen – erklärt Andreas Altenhof, Mitglied im Direktorium der Neuköllner Oper: “Die Neuköllner Oper ist das vierte Opernhaus in Berlin. Das heißt, es ist ein musikalisches Volksopernhaus. Für uns ist es wichtig, immer auch ein neues Publikum an Musiktheater heranzuführen.”

Hohe Kosten schließen Interessierte aus

Dass ein Amateurtheater an ein Profihaus angegliedert ist, ist eine Ausnahme. Jacqueline Demircan ist nicht nur Leiterin der Vineta-Bühne, sondern auch Vorstandsmitglied des Verbands Berliner Amateurbühnen. 26 Amateurtheater sind im Verband organisiert – die Sorgen und Nöte ihrer Schauspielkollegen bringt sie auf den Punkt: “95 Prozent im Verband haben keine feste Spielstätte, was dazu führt, dass viele keine Requisitenräume haben und alles von A nach B transportiert werden muss.” Außerdem würden steigende Transportkosten, GEMA-Kosten und Bühnenmiete die Theaterkassen belasten, sagt Demircan.

Insgesamt schätzt sie die Kosten für eine Produktion ihrer eigenen Amateurbühne auf drei bis 5.000 Euro pro Inszenierung. Solche Summen auf die Mitglieder umzulegen sei für die Vereine nicht einfach, so die Verbands-Chefin, denn das führe zu Ausschluss: “Für Menschen mit einem geringeren Einkommen ist es dann schwieriger an Kultur teilzuhaben.”

“Dadurch sterben Vereine aus”

Durch die fehlenden Räume kommen weitere Probleme für die Amateurtheater hinzu: Proben müssen ausfallen, die Gruppen können keine neuen Mitglieder werben und Vereinsleben findet gar nicht statt. “Dadurch sterben Vereine tatsächlich aus”, unterstreicht Demircan.

Andere Möglichkeiten, die Finanzen auszugleichen gibt es allerdings kaum. Hohe Eintrittspreise können Amateurtheater nicht verlangen, weshalb sie oft zusätzlich auf Spenden angewiesen sind.

Lage in Berlin besonders angespannt

Das trifft auch größere Ensembles wie das Kinder Musical Theater in Berlin. Anett Simmen ist hier künstlerische Leiterin und zurzeit akut von der Bühnennot in Berlin betroffen. In ihrem Ensemble spielen rund 65 Kinder, für einen Auftritt brauchen sie am besten eine geräumige Bühne: “Wenn wir ein größeres Theater mieten wollen, dann haben wir das Problem, dass die Theater – wenn man nicht direkt mit ihnen kooperiert – mittlerweile Mietsummen aufrufen, die für ein Laientheater nicht mehr zu stemmen sind. Wir reden da schnell von 15.000 bis 20.000 Euro”, sagt Simmen.

Die angespannte Lage in Berlin ist auch dem Bund Deutscher Amateurtheater (BDAT) aufgefallen. Der Dachverband vertritt rund 2.500 Laien-Ensembles bundesweit. Insgesamt engagieren sich in den Theatervereinen ungefähr 200.000 Menschen. Aber: Längst nicht alle Freizeit-Schauspielgruppen sind auch Mitglied im Bund – die tatsächliche Anzahl an Amateurtheatern dürfte also deutlich höher sein, erklärt Irene Ostertag, Leiterin des Dachverbandes.

Der Bund der Deutschen Amateurtheater (BDAT) vertritt rund 2.500 Laienensembles in Deutschland.

Amateurtheater wie Amateurmusik fördern?

Um Laien-Ensembles dabei zu unterstützen, Theaterprojekte zu verwirklichen, fordert Ostertag einen Amateurtheaterfonds auf Bundesebene. Einen ähnlichen Fonds gibt es bereits für Amateurmusik. In einem entsprechenden Konzeptpapier schlägt der Verband ein Fördervolumen von 500.000 bis eine Millionen Euro vor. Damit könnten schon um die 140 kleine und große Produktionen pro Jahr unterstützt werden.

“Für größere Produktionen bei Freilichttheatern liegt das Produktionsbudget zum Beispiel bei 30.000 Euro, da wäre es schön, wenn man eine Förderung in Höhe von 5.000 bis 10.000 Euro beantragen könnte”, erklärt Ostertag. Wobei es auch sinnvoll sei, kleinere Beträge, zum Beispiel 1.000 Euro beantragen zu können, da die Theater häufig gar nicht viel bräuchten, so die BDAT-Chefin.

Geringe Chance für Förderung

Dass so ein Fonds in naher Zukunft eingerichtet wird, ist jedoch eher unwahrscheinlich. Auf Nachfrage sagt ein Sprecher des Staatsministers für Kultur und Medien: “Angesichts der aktuellen Herausforderungen und Konsolidierungserfordernisse für den gesamten Bundeshaushalt stehen zumindest auf Bundesebene auf absehbare Zeit keine zusätzlichen Mittel für einen neuen Bundeskulturförderfonds zur Verfügung.” Dies gelte auch für einen Amateurtheaterfonds.

Das heißt Amateurtheater müssen sich vorerst – zumindest in Ballungsräumen wie Berlin – auf eine längere Suche nach Proben- und Aufführungsorten einstellen. Oder müssen auf solidarische Profihäuser hoffen, die Ihnen die Möglichkeit geben, dort zu spielen und wieder präsenter in der Stadt zu sein.

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