Afghanisches Generalkonsulat in Bonn wieder geöffnet – unter Kontrolle der Taliban

Afghanisches Generalkonsulat in Bonn wieder geöffnet – unter Kontrolle der Taliban

Ein Schild am Afghanischen Konsulat in Bonn.

Stand: 11.11.2025 16:44 Uhr

Nach einem Monat Stillstand ist das afghanische Generalkonsulat in Bonn wieder geöffnet – unter Kontrolle der Taliban. Viele Afghanen hoffen auf dringend benötigte Dokumente, doch Unsicherheit und Misstrauen prägen den Neustart.

Das Konsulatsgebäude im Bonner Stadtteil Ückesdorf wirkt an diesem Vormittag ruhig. Nur wenige Menschen kommen und gehen. Früher herrschte hier reger Betrieb: Afghaninnen und Afghanen ließen ihre Pässe verlängern, beantragten afghanische Personalausweise – die “Tazkiras” genannt werden – oder Heiratsurkunden. Heute ist es hier fast leer.

Ein Afghane, der aus Düsseldorf angereist ist, erzählt: “Ich wollte meinen Pass verlängern. Aber sie sagten, das funktioniert noch nicht. Nur Unterlagen wie Tazkira oder Heiratsurkunden können aktuell bearbeitet werden. Natürlich sind wir vor den Taliban geflüchtet. Aber wir haben keine andere Möglichkeit.”

Auch andere Besucher berichten von Unklarheiten. Termine sollen künftig über eine neue Website vergeben werden. Wann die Passausstellung tatsächlich wieder beginnt, ist jedoch offen.

“Hauptsache mein Pass wird verlängert”

Auch Farhad aus Wuppertal musste heute unverrichteter Dinge wieder abfahren. Er habe die Auskunft bekommen, dass sein Pass vielleicht in einem oder zwei Monaten fertig sei. Dass hier nun die Taliban das Sagen haben, sieht er pragmatisch: “Mir ist egal, wer dort arbeitet, Hauptsache mein Pass wird verlängert.”

Andere äußern sich skeptischer. Ein Mann berichtet, er habe bereits vor Monaten Unterlagen eingereicht und Geld bezahlt – doch seine Dokumente seien nun verschwunden. “Mein Tazkira ist weg, und das Geld bekomme ich auch nicht zurück”, sagt er wütend.

Vor dem Eingang stehen zwei Sicherheitskräfte, die keine Auskünfte geben. Ein Mitarbeiter in traditioneller afghanischer Kleidung und mit langem Bart antwortet in gutem Deutsch und einfachem Persisch. Er nennt uns die Adresse einer Website. Ein anderer Mitarbeiter des Konsulats erzählt, dass der neue Leiter im Haus sei. Zurzeit sei er im Gebäude beschäftigt und wolle zunächst die Abläufe organisieren. Ein Interview lehnte er zunächst ab, später signalisierte er Gesprächsbereitschaft – jedoch ohne Kamera.

Im Juli ernannte die Taliban-Regierung Nibras-ul-Haq Aziz und Mustafa Hashimi für die diplomatischen Missionen Afghanistans in Deutschland. Aziz hatte zuvor im Taliban-Büro in Katar gearbeitet, während Hashimi im Konsularwesen des Außenministeriums tätig war.

Keine offizielle Anerkennung durch Deutschland

Doch wie kann es sein, dass Taliban-Vertreter in Deutschland arbeiten – ganz offiziell? Schließlich erkennt Deutschland die Taliban weiterhin nicht als offizielle Regierung Afghanistans an. Laut Auswärtigem Amt hat das Generalkonsulat in Bonn derzeit keinen amtierenden Konsul. Der von Afghanistan bestimmte Kandidat könne erst nach Erteilung einer sogenannten Exequatur konsularische Funktionen ausüben – was bislang nicht geschehen sei.

Die afghanischen Vertretungen in Berlin und München werden weiterhin von Personen geleitet, die vor dem Machtwechsel im August 2021 von der Republik Afghanistan entsandt und in Deutschland akkreditiert wurden. Die Bundesregierung habe jedoch die Einreise von zwei Taliban-Vertretern erlaubt, um die Konsulate in Bonn und die Botschaft in Berlin zu übernehmen.

Vertretungen sollen arbeitsfähig bleiben

Hintergrund ist, dass Deutschland ein Interesse daran hat, dass die afghanischen Vertretungen in Deutschland arbeitsfähig bleiben – auch in der Hoffnung, dass dies Abschiebungen afghanischer Staatsangehöriger erleichtert.

Viele Exil-Afghaninnen und -Afghanen sind auf konsularische Dienste angewiesen, auch wenn diese nun von Vertretern eines Regimes angeboten werden, vor dem sie einst geflüchtet sind. Bereits im September 2025 legten der frühere Leiter und die Mitarbeiter des Konsulats in Bonn aus Protest gegen die Aufnahme von Taliban-Vertretern ihre Ämter nieder. Der frühere afghanische Botschafter in Berlin, Yama Yari, und der frühere Konsul in Bonn, Sayed Lutfullah Sadat, hatten ebenfalls ihre Posten aufgegeben. Sie kritisierten sowohl die politische Lage als auch die Haltung Deutschlands.

Konsularische Dienste trotz Konflikts

Die Konsulate in Deutschland seien für Afghaninnen und Afghanen in vielen europäischen Ländern wichtig, da von dort aus auch Pässe an andere Staaten verteilt würden. Laut einem BBC-Bericht war die Aufnahme der Taliban-Vertreter in Deutschland unter Vermittlung Katars mit der Rücknahme afghanischer Asylsuchender verknüpft. Die deutsche Regierung betonte, dass dies keine offizielle Anerkennung darstelle, sondern lediglich eine “technische Koordinierung”.

Zahlreiche afghanische Exilorganisationen, insbesondere Frauen- und Menschenrechtsgruppen, kritisierten die Entsendung der Taliban-Vertreter nach Deutschland. Vor der Botschaft in Berlin und dem Konsulat in Bonn kam es zu Protesten.

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