Europamagazin
Einer der letzten großen Urwälder Europas befindet sich in Rumänien. Doch Millionen von Kubikmetern Holz werden dort illegal geschlagen, Korruption und schwache Kontrollen helfen dabei. Umweltschützer leben gefährlich.
Forstingenieur Dan Turiga und sein Kollege, der Biologe Ion Holban, steigen mit Fotoapparat, Drohne und Fernrohr ausgerüstet in ihre Autos. Sie kontrollieren den Urwald in den Südkarpaten auf illegalen Holzschlag. Die Region ist gebirgig, unwegsam und es gibt kein Handynetz.
Nachdem sie in der Vergangenheit immer wieder von Forstarbeitern bedroht wurden, treffen sie jetzt Sicherheitsmaßnahmen und fahren mit zwei Wagen, denn man kenne inzwischen ihre Gesichter und müsse immer einen funktionierenden Fluchtplan haben, erzählen sie.
Turiga und Holban haben auf Satellitenbildern verdächtige Veränderungen in einem Waldstück mit bis zu 200 Jahre alten Bäumen entdeckt. Den dort vermuteten illegalen Holzschlag wollen sie persönlich in Augenschein nehmen, den Schaden dokumentieren und melden.
Forstingenieur Dan Turiga und sein Kollege, der Biologe Ion Holban gehen Hinweisen auf illegalen Holzschlag in den Südkarpaten nach.
Gigantische CO2 Speicher
In Rumänien gibt es noch richtige Urwälder, die flächenmäßig in etwa zweimal so groß wie das Saarland sind. Ihr intakter Mischwald ist ein gigantischer CO2 Speicher und leistet einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel. Doch die Baumriesen sind bedroht, denn knapp ein Drittel des Urwaldes wurde bereits gerodet.
Dan Turiga steigt auf eine Anhöhe und zeigt über eine Schneise, die in den Wald geschlagen wurde. Es ist ein Bild der Zerstörung, Baumstümpfe soweit das Auge reicht. Dann wird die Stille plötzlich von Motorengeräuschen unterbrochen. Ein großer roter Truck mit Ketten auf den mächtigen Reifen nähert sich einem Stoß Baumstämme.
Trucks wie diese rücken an und transportieren das Holz – häufig mit einem Vorwand – illegal ab.
System der Holzmafia
Forstingenieur Turiga erklärt, wie das System der Holzmafia funktioniert: Bäume würden als kaputt, trocken, oder abgestorben deklariert, um sie fällen zu dürfen. Tatsächlich sei das jedoch ein Vorwand, um Millionen von Kubikmetern gesundes, grünes Holz zu schlagen.
Der rote Truck beginnt nun mit dem Abtransport der Stämme. Ein Teil davon landet im heimischen Verbrauch, der Rest wird gewinnbringend innerhalb der EU verkauft, mit steigender Nachfrage:
Die Biomasseindustrie habe sich ziemlich entwickelt, erklärt Turiga. “Die Herstellung von Pellets bedeutet eine zusätzliche Nachfrage nach Holz aus den Wäldern Rumäniens. Wir haben Fälle beobachtet, bei denen Rundholz von industriellem Wert für diese Produkte zerkleinert wird.” Diese erhöhte Nachfrage nach Holz bedeute einen zusätzlichen Druck auf den Wald.
Staatliche Stellen oft involviert
Dan Turiga konfrontiert den Mann im Führerhaus des Trucks, will von ihm wissen, wer der Chef sei und warum hier eine Fällung fälschlich als “Notfällung” deklariert worden sei. Doch der Arbeiter gibt ihm keine Auskunft, nennt auch keinen Verantwortlichen. Illegale Aktionen wie diese, bei der Grünholz als Trockenholz deklariert und Papiere gefälscht würden, decke ihre NGO immer wieder auf.
Turiga, der früher selbst bei der staatlichen Forstbehörde angestellt war, spricht von der “Mafia der grünen Kragen” – für ihn ein Ausdruck dafür, dass auch staatliche Stellen in illegale Praktiken verstrickt seien. Wer diese Machenschaften aufdeckt und öffentlich macht, lebt gefährlich.
Dan Turiga arbeitete früher selbst bei der staatlichen Forstbehörde und spricht dabei von der “Mafia der grünen Kragen”.
Umweltschützer leben gefährlich
Genau das musste ein Kollege von Turiga am eigenen Leib erfahren. Gabriel Paun arbeitet für die gleiche NGO wie Turiga, Agent Green. Vor zehn Jahren wurde er so brutal zusammengeschlagen, dass er nur knapp überlebte. Neben dem Mordversuch sind Drohungen bei ihm an der Tagesordnung.
Sie haben ein derartiges Ausmaß angenommen, dass Paun seine rumänische Heimat verlassen muss. Sicherheitsexperten rieten ihm, sich nach Österreich ins Exil zu begeben, wo er sich nun in einem Safe-House befindet. Die größte Angst des organisierten Verbrechens sei, dass die Wahrheit ans Licht komme.
Es ist wirklich gefährlich, denn wir sprechen über Menschen die nicht vergessen und nicht vergeben. Sie suchen ständig nach mir.
Er fahre immer noch ab und zu nach Rumänien, halte aber die Reisen geheim und kurz, maximal 72 Stunden, erklärt Paun.
EU-Lieferkettengesetz wackelt
Paun bringt dieses Opfer, um die Natur und das Klima zu schützen. Er setzt nun all seine Hoffnung auf eine EU-Verordnung, die den Wald schützen und illegalen Holzschlag bestrafen soll. Doch das EU-Gesetz, das eigentlich zum Ende des Jahres in Kraft treten soll, wird von verschiedenen Interessenvertretungen und Parteien aufgeweicht. EU-Mitgliedsländer wie Österreich wollten es sogar komplett kippen, so Paun.
Anna Cavazzini sitzt dem Ausschuss Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz der EU vor und ist Mitglied der Partei Die Grünen. Mit Bezug auf das geplante Lieferkettengesetz gibt sie zu bedenken: “Es gibt die große Gefahr, dass über die Abschwächungen hinaus, die die Kommission vorgeschlagen hat, das Europaparlament, die Konservativen mit den Rechtsextremen, das Gesetz noch weiter abschwächen, weil es einen sehr starken Lobbydruck dagegen gibt, gerade von europäischen Waldbesitzern.”
“Wettlauf mit der Zeit”
Während die Politik um Lösungen für Lieferketten ohne illegalen Holzschlag ringt, wird in den rumänischen Karpaten weiter abgeholzt. Für Forstingenieur Turiga ist es ein Wettlauf mit der Zeit, die Beweise zu dokumentieren und sie den Kontrollbehörden vorzulegen, bevor die Holzmafia alles beiseite geschafft habe, um nicht ertappt zu werden.
Turigas NGO hat bei der EU ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Rumänien eingereicht. Sie wollen damit erreichen, dass der illegale Holzschlag geahndet wird und der rumänische Wald erhalten bleibt – als einer der letzten großen Urwälder Europas.
Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin – am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

