Israelisch-libanesische Grenze: Wiederaufbau mit Ungewissheit

Israelisch-libanesische Grenze: Wiederaufbau mit Ungewissheit

Ein Hotel im israelisch-libanesischen Grenzort Metulla wird repariert


Reportage

Stand: 08.11.2025 04:37 Uhr

Metulla im Norden Israels ist umgeben von libanesischen Dörfern. Viele Häuser wurden im Krieg mit der Hisbollah beschädigt oder zerstört. Nun kehren Anwohner zurück und bauen den Ort wieder auf. Doch die Waffenruhe ist zerbrechlich.

Bettina Meier

Eine Kamera fängt die Explosion in einem südlibanesischen Dorf unweit der israelischen Grenze ein. Die isralische Armee verstärkt trotz Waffenruhe ihre Luftangriffe im Südlibanon gegen Waffenlager der Hisbollahmiliz.

Baugeräusche dagegen auf der israelischen Seite im Grenz- und Urlaubsort Metulla, der noch vor einigen Monaten einer Geisterstadt glich. Hier treibt Bürgermeister David Azulay den Wiederaufbau voran: “Das ist der wahre Sieg”, sagt er. “Wir bauen unseren Ort wieder auf. Wir kehren zurück.” Auf der anderen Seite gebe es nichts. “Dort kommen die Menschen nicht zurück. Es gibt keine Infrastruktur, kein Wasser und keinen Strom.” Es würden Milliarden US-Dollar gebraucht, die der Libanon nicht habe.

Die israelischen Streitkräfte schwächten die Hisbollah, sagt Azulay. “Sie reagiert nicht. Dadurch sind wir hier sicherer. Sollte der Konflikt allerdings hochkochen, wird der Neuanfang für uns viel viel schwieriger.” Etwa 70 Prozent der Häuser in Metulla seien durch den Beschuss der Hisbollahmilizen im Krieg beschädigt oder zerstört worden, sagt Azulay – insgesamt 150 Gebäude.

“Dieses Volk verdient diese Regierung nicht”

Jetzt stehe der Ort vor einer größeren Herausforderung als dem Krieg, sagt der Bürgermeister: einer wahnsinnigen Bürokratie. “Die Menschen kamen am Boden zerstört zurück. Ihre Häuser sind kaputt. Jetzt müssen sie mit dem Staat um Geld kämpfen. Die Kinder machen sich immer noch vor Angst in die Hosen, weil sie traumatisiert sind. Wir brauchen Psychologen.”

Die Regierung arbeite zu langsam. “Dieses Volk verdient diese Regierung nicht.” Azulay zeigt auf das Bild von Israels Premier Benjamin Netanjahu, das hinter ihm an der Wand hängt. “Das muss da hängen, nicht weil ich will, sondern weil es gesetzlich vorgeschrieben ist.”

Metullas Bürgermeister Azulay hofft auf eine Zusammenarbeit mit der bayerischen Partnergemeinde Pocking.

“Wir fangen neu an wie Phönix aus der Asche”

Nur wenige Meter entfernt an der Hauptstraße von Metulla liegt das Boutiquehotel Beit Shalom (Haus des Friedens) mit 25 Zimmern. Es wurde von einer Rakete der Hisbollah getroffen, erzählt Besitzerin Miriam Hod-Fine. Seit zwei Wochen hat sie wieder geöffnet. Doch die Touristen bleiben aus.

“Ich war fast zwei Jahre weg”, erzählt sie. “Entwurzelt von meinem Zuhause. Es war hart für mich, als ich zurückkam und die Zerstörung sah.” Ihre Eltern seien Holocaustüberlebende gewesen. Sie hätten als Kinder alles verloren und in Israel neu angefangen. “Von ihnen habe ich gelernt, niemals aufzugeben. Ich werde nie wieder mein zu Hause hier verlassen. Wir fangen neu an wie Phönix aus der Asche.” Mit Hilfe von Freiwilligen, unter anderem aus Deutschland, habe sie die Reparaturen bewältigt. Metulla hat eine Städtepartnerschaft mit der Gemeinde Pocking in Bayern.

Unsicherheit und Hoffnung wechseln sich ab

Ein älteres Paar kommt herein, sonst ist es leer. Jakob und Nira Lustgarten aus dem Großraum Tel Aviv haben hier vor dem Krieg übernachtet: “Wir wollten nur sehen, wie es ihnen hier geht”, sagt Jakob. “Metulla war eine Geisterstadt, die zum Leben erwacht. Wir haben die zerstörten Häuser im Libanon gesehen. Wir sind froh, dass sie da nicht mehr so viele Waffen haben.” Jakobs Frau Nira unterbricht ihn. “Da bin ich mir nicht so sicher. Die Hisbollah kommt zurück. Bald kommen sie wieder.”

Unsicherheit und Hoffnung wechseln sich in Metulla ab. Am Stadtrand, wo Wohnhäuser am Grenzzaun liegen, hat man freie Sicht auf eine Trümmerwüste im Südlibanon. Obwohl laut der Stadt 45 Prozent der Bewohner zurückkamen, herrscht hier in den Straßen gespenstische Stille. Häuser mit Einschusslöchern, verwilderte Gärten und zersplitterte Mauern erinnern an die Zeit vor der Waffenruhe.

“Wir haben keine andere Wahl”

Ilena Rosenfeld putzt ihre Terrasse. Sie war zwei Jahre in ein Hotel geflüchtet, das habe sich angefühlt wie im Gefängnis, erzählt sie: “Seitdem ich zurück bin, bin ich nur am Putzen. Die Mäuse haben die Matratzen und Decken gefressen. Ich musste alles wegschmeißen. Der Schaden ist immens. Wir finden immer wieder etwas, das kaputt ist.”

Sie öffnet die Türen der kleinen Kabinen neben ihrem Haus. Ein muffiger Geruch dringt heraus. Gemeinsam mit ihrem Mann vermietet sie ein paar Zimmer. Weil bei ihnen keine Rakete direkt einschlug, nur bei den Nachbarn, bekommen sie nichts vom Staat, klagen sie. Trotzdem sei ihre Lebensgrundlage zerstört, sagt Motti Rosenfeld: “Mein Anwalt kämpft dafür, dass wir 27.000 Euro bekommen. Wir warten. Sie behalten alles für sich. Netanjahu kümmert es nur, dass er an der Macht bleibt. Er sollte ins Gefängnis. Er will in Israel eine Diktatur aufbauen.”

Motti flucht. Am Swimmingpool der Pension kleben Staub und Spinnweben. 185 Euro verdienten sie einst an einer Übernachtung. Ob er sich Sorgen macht, dass die Waffenruhe bricht? “Nein, ich habe keine Angst. Was soll ich sagen, wir haben keine andere Wahl. Ich glaube, wir leben hier im besten Ort in Israel.”

Ilena und Motti Rosenfeld sehen ihre Lebensgrundlage zerstört – und hoffen auf Geld vom Staat.

Die Vision: Kaffee trinken im Südlibanon

Auch Bürgermeister David Azulay will wieder Besucher anlocken, plant Austauschprojekte mit der deutschen Partnerstadt Pocking und ein Museum, wo er all die Raketen ausstellen will, die die Hisbollah auf seine Stadt gefeuert hat. “Ich habe eine Vision: In drei bis vier Jahren, wenn Syrien und der Libanon dem Abraham-Abkommen beigetreten sind, können wir in Marj Ayun einen Kaffee trinken gehen.”

Marj Ayun liegt wenige Autominuten von Metulla entfernt im Südlibanon. Von hier schossen Hisbollah-Milizen auf Metulla. Auf die Frage, ob er das ernst meint, winkt er ab. Azulay will sich zuerst um seine eigenen Baustellen kümmern – in Metulla.

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