Fördermittel-Vergabe in Berlin: Ex-Kultursenator Chialo in der Kritik

Fördermittel-Vergabe in Berlin: Ex-Kultursenator Chialo in der Kritik

Archivbild: Joe Chialo, Kultursenator, beantwortet am 08.12.2024 Fragen von Demonstranten, die sich vor der Schaubühne in Berlin versammelt haben, um gegen die von der Regierung vorgeschlagenen drastischen Mittelkürzungen zu demonstrieren. (Quelle: Picture Alliance / Eventpress Jeremy Knowles)

Stand: 06.11.2025 14:48 Uhr

Hat Ex-Kultursenator Chialo Fördergelder in Berlin ohne ausreichende Prüfung und gegen den Rat der Verwaltung vergeben? Grüne und Linke fordern einen Untersuchungsauschuss.

  • Grüne und Linke werfen Ex-Kultursenator Joe Chialo vor, mehrere Millionen Euro Fördergeld nach unklaren Kriterien vergeben zu haben
  • Chialo kann laut Anwalt die Vorwürfe erst nach eigener Akteneinsicht prüfen und sich dann äußern
  • Oppositionsparteien wollen Untersuchungsausschuss

Nach Vorwürfen gegen den früheren Berliner Kultursenator Joe Chialo (CDU) wollen die Fraktionen der Grünen und Linken im Abgeordnetenhaus einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss einrichten. Das erklärten sie am Mittwoch auf einer gemeinsamen Pressekonferenz.
 
Dabei äußerten die Parteien den Verdacht, dass bei der Vergabe von Fördergeldern für Projekte zur Bekämpfung von Antisemitismus gegen Einwände der Fachebene der Verwaltung agiert wurde. Zuvor sollen sich CDU-Fraktionsmitglieder an Chialo gewendet und eine schnelle Vergabe gefordert haben.
 
Vorwürfe richten sich auch gegen die amtierende Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson (parteilos, für die CDU). Die AfD-Fraktion hatte bereits am Dienstag einen Untersuchungsausschuss gefordert. Zuerst hatte der “Tagesspiegel” [Bezahlinhalt] darüber berichtet.

Chialo will Akteneinsicht, Wedl-Wilson beauftragt Landesrechnungshof

Der frühere Kultursenator Chialo teilte über seine Anwaltskanzlei Schertz-Bergmann mit, er nehme die Berichterstattung ernst. Er könne die Vorwürfe aber erst nach eigener Akteneinsicht prüfen und sich dann hierzu äußern. Die Einsicht habe er umgehend beantragt.
 
Am Mittwochabend äußerte sich die Sprecherin von Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson auf rbb-Anfrage zu einem der Vorwürfe gegen sie. Die Sprecherin bestätigte, dass die Senatskulturverwaltung auf Anweisung der Senatorin in Einzelfällen bei kleineren Projektträgern auf den Nachweis des Eigenanteils von zehn Prozent verzichtet habe.
 
Am Donnerstag äußerte sich Wedl-Wilson auch selbst im Abgeordnetenhaus. Es habe einerseits an formalen Förderkriterien gefehlt, sagte sie, andererseits müssten die Vorgänge erst noch geprüft werden.

Konkret geht es insgesamt um 3,4 Millionen Euro Fördergeld aus einem Topf der Kulturverwaltung namens “Projekte von besonderer politischer Bedeutung“. Dieser Topf ist ein Teil der insgesamt 10 Millionen Euro umfassenden Gesamtförderung von Projekten gegen Antisemitismus im Jahr 2025. Gefördert wurde beispielsweise die aktuelle Nova-Exhibition in Tempelhof, eine Ausstellung über das Nova-Music-Festival, das am 7. Oktober 2023 von Hamas-Terroristen angegriffen wurde.
 
Sie wolle aufräumen und stehe für Aufklärung, sagte Wedl-Wilson am Donnerstag im Abgeordnetenhaus. Wenn formale Fehler passiert sein sollten, werde man die korrigieren. Daher habe sie in dieser Woche auch den Landesrechnungshof mit der Prüfung der Vorgänge beauftragt, so die Kultursenatorin.
 
Der Rechnungshof habe im Vorfeld bereits im Falle des von der Kulturverwaltung geförderten Nova-Festivals mehrere Anfragen bei der Kulturverwaltung gestellt. Laut Wedl-Wilson seien alle Projekte, die im Topf für “Projekte von besonderer politischer Bedeutung” gefördert wurden, vom Fachreferat ausreichend geprüft worden. Sie wolle nun aber eine rechtssichere Förderstruktur einrichten, denn auch für den Haushalt 2026/27 würden wieder Mittel im Bereich der Antisemitismusbekämpfung zur Verfügung stehen.

Grüne konnten Akten einsehen

Grüne und Linke werfen Ex-Kultursenator Chialo vor, mehrere Millionen Euro nach unklaren Kriterien und auf Wunsch einiger Vertreter der CDU-Fraktion vergeben zu haben. Daniel Wesener, früherer Finanzsenator der Grünen, konnte dazu Akten der Kulturverwaltung einsehen – unter anderem Kommunikation zwischen kritischer Fachebene und Hausleitung. “Es gab eine ganze Reihe von Interventionen – schriftlich, telefonisch, sowie mündlich –, die sind in den Akten dokumentiert”, so Wesener. Nach seiner Bewertung wurde gegen Haushaltsrecht verstoßen.
 
Bettina Jarasch, Co-Fraktionsvorsitzende der Grünen, bezeichnete einen Untersuchungsausschuss in der Sache als “unumgänglich”. Zusammen kommen Grüne und Linke auf die nötigen 25 Prozent der Abgeordneten, um die Einrichtung einen solchen Ausschusses durchzusetzen.

Linke will Vorwürfe politisch aufklären

Auch der Co-Fraktionschef der Linken, Tobias Schulze, nannte die Vorwürfe “so schwerwiegend, dass sie dringend politisch aufgeklärt gehören”. Der Ausschuss soll nach dem Willen von Grünen und Linken klären, ob bei der Vergabe der Fördergelder das Haushaltsrecht missachtet wurde. Anne Helm, Co-Vorsitzende der Linksfraktion, betonte, dass bei der Vergabe von Fördergeldern nicht an geltenden Strukturen vorbei gehandelt werden dürfe.
 
Wie künftig mit den Fördergeldern für die bewilligten Projekte verfahren wird, solle ebenfalls Gegenstand des Parlamentarischen Untersuchungsausschuss sein. Sowohl Grüne als auch Linke betonten, dass es ihnen nicht um die inhaltliche Ausrichtung der Projekte gehe, sondern um die Vergabe der Fördergelder.

CDU und Kulturverwaltung weisen Vorwürfe zurück

CDU-Fraktionschef Dirk Stettner und die Senatskulturverwaltung haben die Vorwürfe zurückgewiesen. Stettner sprach gegenüber der Deutschen Presse-Agentur von einem parteipolitischen Wahlkampfthema. “Mutmaßungen, Unterstellungen und Vorwürfe sind völlig unangebracht und entbehren jeder Grundlage”, so Stettner.
 
Die Kulturverwaltung hatte gegenüber dem rbb am Dienstagabend erklärt, sie nehme “die Berichterstattung zu den zurückliegenden Vorgängen ernst”. Und angekündigt: “Um eine vollständige Aufklärung sicherzustellen, wird die Senatsverwaltung den Landesrechnungshof um eine Prüfung der betreffenden Sachverhalte bitten.”

Landesrechnungshof stellte Auskunftsersuchen an Kulturverwaltung

Auf rbb-Anfrage teilte der Landesrechnungshof mit, dass er bereits am 26. September ein Auskunftsersuchen an die Senatskulturverwaltung gerichtet habe. Das bezog sich auf verschiedene Projekte der Verwaltung, nicht explizit auf die zur Antisemitismusprävention. Und weiter heißt es in der Antwort: “Zudem prüft der Rechnungshof zurzeit Zuwendungen und Verwendungsnachweise der Senatsverwaltung. Die vom Tagesspiegel berichteten Vorgänge waren dem Rechnungshof noch nicht vollständig bekannt. Der Rechnungshof wird in dem Bereich prüfen.”
 
Grüne und Linke wollen den Untersuchungsausschuss schnellstmöglich einsetzen und hoffen auf Ergebnisse noch vor der Sommerpause und damit vor der Abgeordnetenhauswahl im September 2026.

Sendung: rbb24 Inforadio, 05.11.2025, 14:40 Uhr

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