Marktbericht: US-Anleger werden vorsichtiger | tagesschau.de

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Börsenhändler auf dem Parkett der New Yorker Börse.


marktbericht

Stand: 04.11.2025 22:12 Uhr

Zweifel an den hohen Bewertungen im KI-getriebenen Tech-Segment sorgten heute an der Wall Street für Kursverluste. Auch die neue Unsicherheit im Zinszyklus der Notenbank dämpfte die Stimmung.

Die großen Aktienindizes der Wall Street sind heute mit Verlusten aus dem Handel gegangen. Grund waren Zweifel an den hohen Bewertungen im KI-Segment, aber auch die gedämpften Zinssenkungshoffnungen durch die Notenbank.

Der Leitindex Dow Jones verlor am Ende 0,5 Prozent auf 47.099 Zähler, der marktbreite S&P 500 gab 1,1 Prozent nach. An der technologielastigen Nasdaq ging es stärker um etwas über 2,0 Prozent nach unten. Gestern hatten die US-Indizes noch uneinheitlich geschlossen. Während der Dow Jones Kursverluste verbuchte, legten der S&P 500 und vor allem die Technologiewerte des Nasdaq 100 zu.

Börsianer fragen sich zunehmend, ob die massiven KI-Investitionen der großen Techkonzerne angemessene Renditen abwerfen werden. Für schlechte Stimmung sorgten in diesem Zusammenhang Aussagen der Konzernchefs von Morgan Stanley und Goldman Sachs, wonach die Aktienmärkte vor einer Korrektur von rund zehn bis 15 Prozent stehen könnten.

“Immer wenn die Kurse auf derart hohe Niveaus steigen, kann schon eine Kleinigkeit die Stimmung drehen”, kommentierte Charlie Ripley, Stratege bei Allianz Investment Management. “Anleger suchen dann nach anekdotischen Belegen dafür, warum sie ihre Risikopositionen reduzieren sollten.”

Nicht nur Bewertungssorgen trieben die Anlegerinnen und Anleger um. Denn die Zinssenkungshoffnungen der Märkte, stets der ultimative Treiber für Gewinne an den Aktienbörsen, haben zuletzt schwer gelitten. Und dies, nachdem Notenbankpräsident Jerome Powell zwar die Zinsen zuletzt senkte, eine weitere, fest eingeplante Zinssenkung im Dezember aber als keineswegs ausgemachte Sache bezeichnete.

Denn die US-Notenbank Federal Reserve (Fed), die immer verkündet hat, mit ihrer Geldpolitik auf Sicht fahren zu wollen, fischt wegen der anhaltenden Haushaltssperre in den USA weiter im Trüben – es gibt eben wegen des Behördenstillstands kaum frische Konjunkturdaten. Was auch innerhalb der Fed-Gremien seine Spuren hinterlässt.

“Ich kann mich nicht erinnern, dass es in all den Jahren, in denen ich diese Märkte beobachte, jemals eine so große öffentliche Meinungsverschiedenheit unter den Fed-Politikern über die politischen Aussichten gegeben hat”, sagte Shaun Osborne, Stratege bei der Scotiabank.

Kapitalmarktstratege Jürgen Molnar vom Broker RoboMarkets verwies auf die Palantir-Aktie als Vorboten einer Korrektur unter den “heiß gelaufenen Technologieaktien”. Der Hype rund um das Thema Künstliche Intelligenz habe im dritten Quartal zwar auch Palantir geholfen und bei dem Unternehmen für anspruchsvollere Ziele gesorgt. Der Dreh der Papiere ins Minus färbe nun aber auf den Gesamtmarkt ab.

Palantir-Aktien bewegten sich zuletzt deutlich mit 7,95 Prozent im Minus. Laut Analyst Brent Thill von Jefferies “sprechen starke Zahlen für sich”, aber die Bewertung des Datenanalyse-Spezialisten habe ein extrem anspruchsvolles Niveau erreicht. Die Palantir-Aktie hatte ihr Rekordniveau zuletzt auf mehr als 200-Dollar-Marke nach oben geschraubt, wobei ihr nicht mehr viel für eine Verdreifachung des Kurses in diesem Jahr gefehlt hatte.

Nach dem freundlichen Start in den Börsenmonat November am Vortag sah es heute zumindest zeitweise recht bedrohlich aus für den DAX, der im Tagestief bis auf 23.674 Punkte abrutschte, ein Minus von rund zwei Prozent. Der DAX musste dabei gleich eine ganze Reihe von Belastungsfaktoren verarbeiten, was die Risikolust der Anlegerinnen und Anleger deutlich dämpfte.

Auf dem niedrigen Niveau fanden sich dann aber doch noch neue Käuferinnen und Käufer, so dass der deutsche Leitindex am Ende seine hohen Verluste eingrenzte und letztlich 0,76 Prozent abgab. Trotzdem rutschte der Index bei einem Schlussstand von 23.949 Punkten wieder unter die Marke von 24.000 Punkten. Gestern hatte der deutsche Leitindex diese Marke noch zurückerobert. Er notierte zum Handelsschluss 0,7 Prozent höher bei 24.132 Punkten.

Der MDAX der mittelgroßen Werte, aus dem heute zahlreiche Quartalsergebnisse veröffentlicht wurden, konnte sich im Handelsverlauf hingegen nicht erholen und verlor deutlich um 1,37 Prozent auf 29.427 Zähler.

“Viel zu holen ist beim DAX zurzeit wahrhaftig nicht. Seit Juni dieses Jahres bewegt sich das heimische Börsenbarometer in einer Seitwärtsphase, die bis zum heutigen Tag andauert”, kommentiert Christian Henke, Marktexperte beim Broker IG.

Händler verweisen auf eine zunehmende Risikoscheu an den globalen Finanzmärkten. Zudem belasteten eine durchwachsene Bilanzsaison und nachlassende Wetten auf eine weitere Zinssenkung der US-Notenbank Fed.

“Die Aussicht auf eine möglicherweise ausbleibende Zinssenkung im Dezember verschreckt die Anleger an den Börsen”, kommentierte IG-Analyst Christian Henke. Fed-Chef Powell hatte angesichts der weiterhin hohen Inflation bereits vorsichtige Töne angeschlagen. “Und diese Vorsicht scheint nun bei den Anlegern angekommen zu sein.”

Die nachlassende US-Zinsfantasie, derzeit der Haupteinflussfaktor am Devisenmarkt, stärkt derzeit auch den Dollar, der heute gegen den Euro weiter Boden gut machte. Im US-Handel mussten zuletzt nur noch 1,1483 Dollar für die Gemeinschaftswährung bezahlt werden. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,1491 (Montag: 1,1514) Dollar fest. Auch die Kryptowährung Bitcoin stand unter Druck und sackte im Verlauf erstmal seit Juni wieder unter die Marke von 100.000 Dollar.

Neben den US-Zinsunsicherheiten hat sich auch die Lage um fehlende Chips für die Autoindustrie wieder zugespitzt. Denn im Streit um den niederländischen Chip-Hersteller Nexperia, der von China aus gesteuert wird, kritisierte China die Regierung in Den Haag erneut scharf. Das Handelsministerium forderte die Niederlande auf, “ihre Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Unternehmens einzustellen” und eine konstruktive Lösung für den Streit zu finden.

Vor allem für die deutsche Autoindustrie und deren Zulieferer sind die fehlenden Chiplieferungen aus China ein Damokles-Schwert. Wegen fehlender Chips droht beim Autozulieferer Bosch in den beiden deutschen Werken Salzgitter und Ansbach Kurzarbeit. “Die aktuelle Situation stellt auch uns weiterhin vor große Herausforderungen”, sagte ein Unternehmenssprecher. Autoaktien gehörten heute im DAX zu den Verlierern.

Unterdessen konnte der Dialysekonzern Fresenius Medical Care (FMC) auch mit überraschend starken Zahlen nicht an der Frankfurter Börse punkten. Die Anteilsscheine führten mit einem deutlichen Minus von über neun Prozent die Verliererliste im DAX an. Grund dafür ist nach Einschätzung von JP Morgan die anhaltende Sorge der Anleger über einen weiteren Aktienverkauf durch den Hauptaktionär Fresenius.

Der Labordienstleister und Diagnostikspezialist Qiagen sucht einen neuen Chef. Der bisherige Chef des DAX-Unternehmens, Thierry Bernard, werde zurücktreten, sobald ein Nachfolger ernannt worden sei, teilte Qiagen überraschend am Abend nach Börsenschluss im niederländischen Venlo mit. Bernard gehörte seit 2015 zu Qiagen und leitet die Geschicke des Unternehmens seit 2019.

Zudem legte das Unternehmen Quartalszahlen vor, erhöhte seine Gewinnprognose und kündigte einen synthetischen Aktienrückkauf über eine halbe Milliarde Dollar (434 Mio. Euro) an. Im dritten Quartal erzielte Qiagen einen Umsatz von 533 Millionen Dollar, sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das operative Ergebnis wuchs um 15 Prozent auf 129 Millionen Dollar. Unter dem Strich verdiente Qiagen mit 130 Millionen Dollar sogar ein Drittel mehr als im Vorjahreszeitraum. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag mit 61 US-Cent zudem über der Unternehmensprognose von 58 Cent.

Die Deutsche Telekom investiert in die Verbesserung der digitalen Souveränität Deutschlands. Der Bonner Konzern stellte heute seine Pläne für eine industrielle KI-Cloud offiziell vor. Hierfür werde ein Rechenzentrum in München mit 10.000 Spezialprozessoren des US-Halbleiterherstellers Nvidia ausgerüstet, kündigte Telekom-Chef Tim Höttges auf einer Veranstaltung in Berlin an.

Das Investitionsvolumen belaufe sich auf eine Milliarde Euro. Die Anlage sei Anfang 2026 einsatzbereit und erhöhe die heimischen KI-Rechenkapazitäten um die Hälfte. Jetzt gebe es keine Ausrede mehr, Künstliche Intelligenz (KI) nicht zu nutzen, betonte Höttges. Zugleich verweist die Telekom darauf, dass viele Unternehmen in den den vergangenen Jahren geschäftskritische und sensible Daten wieder zunehmend aus der Cloud genommen und lokal gespeichert haben. “Der Bedarf von Großunternehmen, Mittelstand und Start-ups an souveränen und sicheren KI-Rechenkapazitäten unter europäischen Regeln ist also groß.”

Anwendungen Künstlicher Intelligenz benötigen enorme Mengen an Rechenleistung. Das Projekt gilt als erster Schritt auf dem Weg zu den geplanten KI-Gigafactories, deren Bau vom Bund und der Europäischen Union (EU) gefördert werden soll. Gigafactories dienen dem Training und dem Betrieb besonders umfangreicher KI-Systeme.

Der Rüstungskonzern Rheinmetall rechnet nach Angaben von Firmenchef Armin Papperger in Kürze mit einem Vertrag für Munitionslieferungen im Milliarden-Bereich. Ferner sei Rheinmetall in Gesprächen mit vielen europäische Ländern für Rüstungsaufträge, sagte der Konzern-Chef am Rande eines Spatenstichs für ein neues Munitionswerk im litauischen Baisogala.

Rheinmetall kooperiert angesichts des weltweiten Rüstungsbooms mit Partnern, wie etwa dem italienischen Leonardo-Konzern. Das deutsch-italienische Gemeinschaftsunternehmen zur Panzerproduktion komme in Schwung. “Der erste Vertrag ist unterschrieben”, sagte Papperger. Dabei gehe es um Schützenpanzer im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro. In den nächsten zwölf Monaten rechne er mit Aufträgen aus Italien von rund fünf Milliarden Euro.

Für den Verkauf der eigenen Automotive-Sparte gebe es weiterhin sieben Interessenten. “Wir gehen davon aus, dass wir bis Ende des Jahres, spätestens im ersten Quartal, eine Zusage von einem haben”, so Papperger weiter.

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