Studie: Frühjahrsmüdigkeit nicht wissenschaftlich belegt

Studie: Frühjahrsmüdigkeit nicht wissenschaftlich belegt

Eine Frau liegt bei Würzburg (Bayern) auf einer mit Krokussen bewachsenen Wiese und gähnt.

Stand: 09.03.2026 • 15:31 Uhr

Die Sonne kommt raus, die Tage werden länger – und wir werden müde? Das sagt zumindest der Begriff Frühjahrsmüdigkeit aus. Eine neue Untersuchung fand dafür allerdings keine Belege. Auch wenn viele Befragte dachten, sie seien betroffen.

Im Frühjahr fühlen sich einige Menschen erschöpft – dafür gibt es hierzulande sogar einen eigenen Begriff: Frühjahrsmüdigkeit. Aber ist da überhaupt etwas dran? Empirisch belegen lässt sich das nicht – zu dem Schluss kommt eine neue Studie, die nun im Fachjournal Journal of Sleep Research erschienen ist.

Ihre Ergebnisse deuteten darauf hin, dass Frühjahrsmüdigkeit vielmehr ein kulturelles als ein messbares biologisches Phänomen sein könnte, so die Studienautoren Christine Blume vom Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel und Albrecht Vorster vom Inselspital Bern.

Auf die Idee zu der Studie kam Schlafforscherin Blume, weil Journalisten sie regelmäßig nach dem Ende des Winters kontaktierten, um Frühjahrsmüdigkeit zu erläutern. “Es existieren zahlreiche Hypothesen, um das Phänomen zu erklären”, sagt Blume. “Aber es hat nie jemand überprüft, ob es überhaupt existiert.”

Fast die Hälfte glaubte, Frühjahrsmüdigkeit zu haben

Grundlage ihrer Untersuchung ist eine Online-Befragung, bei der die Teilnehmenden über ein Jahr ab April 2024 alle sechs Wochen kontaktiert wurden. Die Forschenden werteten die Antworten von 418 Personen aus. Die Befragten gaben jeweils an, wie erschöpft sie sich in den vergangenen vier Wochen gefühlt hatten. Außerdem machten sie jeweils Angaben zur Schläfrigkeit während des Tages und zur Schlafqualität. Durch die wiederholte Befragung waren unterschiedliche Jahreszeiten abgedeckt.

Von den Teilnehmenden hatte bei Studienbeginn rund die Hälfte (47 Prozent) angegeben, unter Frühlingsmüdigkeit zu leiden. “Das hätte sich auch in der Auswertung der Umfragedaten zeigen müssen”, sagt Blume der Nachrichtenagentur KNA. Allerdings war dies nicht der Fall. “Im Frühling werden die Tage schnell länger. Wenn Frühlingsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa, weil sich der Körper anpassen muss”, so die Schlafforscherin.

Keine saisonalen Unterschiede entdeckt

In den Daten spielte jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich die Tageslänge veränderte, keine Rolle für Erschöpfung. Ebenso fanden sich keine Unterschiede zwischen einzelnen Monaten oder Jahreszeiten. Es gab weder Hinweise auf vermehrte Erschöpfung noch auf erhöhte Tagesschläfrigkeit oder geringere Schlafqualität in dieser Jahreszeit.

Als Erklärung für Frühjahrsmüdigkeit wird mitunter angeführt, bei steigenden Temperaturen weiteten sich die Blutgefäße, und der Blutdruck sinke. Daran müsse sich der Körper erst gewöhnen. Zudem wird oft auf Hormone verwiesen – etwa auf einen Überschuss des “Nachthormons” Melatonin nach dem Ende des Winters. “Aus chronobiologischer Sicht ist das völlig unplausibel”, sagt Chronobiologin Blume der Nachrichtenagentur dpa. Melatonin werde im 24-Stunden-Rhythmus gebildet und abgebaut. “Eine Art Überschuss von Melatonin zum Ende des Winters, der uns müde macht und zunächst abgebaut werden muss, gibt es nicht.”

Woher stammt der Glaube an Frühjahrsmüdigkeit?

Die Forschenden interpretieren die Diskrepanz zwischen subjektiver Wahrnehmung und Messdaten als Hinweis darauf, dass die Frühjahrsmüdigkeit eher ein kulturell geprägtes Phänomen ist: Weil es einen etablierten Begriff dafür gibt, achten viele Menschen im Frühling stärker darauf, wie müde sie sich fühlen, und deuten Erschöpfungssymptome entsprechend. So bestätige sich das Phänomen immer wieder selbst.

“Das hat etwas mit unserer Erwartungshaltung zu tun”, erläutert Blume. “Wenn ich erwarte, dass ich im Frühjahr müde bin, ändert das auch meine Interpretation solcher ‘Symptome’.” Mediziner sprechen vom Nocebo-Effekt – also der Bestätigung einer negativen Erwartung. Ähnlich wie beim Placebo-Effekt, bei dem eine positive Erwartung die Wahrnehmung prägt.

Eine weitere psychologische Erklärung wäre die sogenannte kognitive Dissonanzreduktion: “Im Frühling haben wir möglicherweise auch das Gefühl, wir müssten aktiver sein und sollten das gute Wetter nutzen. Wenn wir uns dann doch nicht dazu aufraffen können, klaffen Anspruch und subjektives Energielevel auseinander”, so die Expertin. Frühlingsmüdigkeit sei dafür “eine Erklärung, die in der Gesellschaft vollkommen akzeptiert ist”.

Im Ausland ist das Phänomen unbekannt

Zumindest im deutschsprachigen Raum: “Wenn ich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern davon erzähle, staunen die”, erzählt Blume. In der englischsprachigen Welt kursiert dagegen der Begriff “spring fever”. Dieses “Frühlingsfieber” wird jedoch nicht mit Müdigkeit und Erschöpfung in Verbindung gebracht, sondern mit erhöhter Vitalität und Energie.

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