Ukraine blickt auf härtesten Kriegswinter zurück

Ukraine blickt auf härtesten Kriegswinter zurück

Die Menschen entspannen sich in der späten Nachmittagssonne im Park der Ewigen Ehre in Kiew, Ukraine.

Stand: 09.03.2026 • 05:58 Uhr

Mit Hoffnung und Erleichterung sehen viele Menschen in der Ukraine dem beginnenden Frühling entgegen. Hinter ihnen liegt der härteste Winter seit Kriegsbeginn. Die Energieversorgung ist stark beeinträchtigt.

Von Niels Bula, ARD-Studio Kiew

Auf dem Expocenter in Kiew, einem großen Messegelände unter freiem Himmel, geht der Winter zu Ende. Letzte Schneereste schmelzen bei Plusgraden in der Sonne. Ein paar Glühweinstände haben noch geöffnet, die große Eislaufbahn wird abgebaut. An anderer Stelle ist der Frühling schon sichtbarer. An einem Blumenstand schauen sich Familien und Pärchen nach der passenden Frühjahrsdeko um.

Probleme mit der Stromversorgung

Die Ukraine hat den härtesten Winter im russischen Angriffskrieg überstanden. Mittlerweile läuft die Versorgung mit Strom und Wärme in Kiew wieder stabiler. Trotzdem sieht der ukrainische Energieminister Denys Schmyhal nach wie vor ein großes Defizit bei der Stromerzeugung.

“Stand heute haben wir weniger als zehn Gigawatt unserer Kapazität zur Stromerzeugung übrig. Auch nachdem wir einen Teil unserer Energieinfrastruktur wiederhergestellt haben, können wir den Bedarf der Wirtschaft nicht vollständig damit abdecken”, sagt Schmyhal. “In der Spitze liegt der Bedarf im Winter etwa bei 18 Gigawatt. Zusätzlich zur eigenen Erzeugung importieren wir zwei Gigawatt Strom aus Europa.” Zum Vergleich: Vor der russischen Großinvasion 2022 lag die Erzeugungskapazität noch bei 32 Gigawatt.

Dass sie so stark zurückgegangen ist, liegt zum einen daran, dass Russland Kraftwerke in den besetzten Gebieten kontrolliert. Auf der anderen Seite wurden viele Energieanlagen durch russische Angriffe zerstört. Von Dezember 2025 bis Februar 2026 griff Russland die Ukraine mit mehr als 14.000 Gleitbomben, 730 Raketen und fast 19.000 Drohnen an, wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mitteilte.

Dezentrale Versorgung angestrebt

Vieles davon traf auch die Energieinfrastruktur. Anfang Februar zum Beispiel hatten mehrere russische Raketen das Heizkraftwerk im Kiewer Stadtteil Darnyzja getroffen. Momentan laufen die Reparaturarbeiten. Frühestens in einem Monat soll das Kraftwerk zumindest wieder teilweise in den Betrieb gehen. Für einen besseren Schutz vor künftigen russischen Angriffen will die ukrainische Regierung die Energieversorgung neu organisieren.

“Wir müssen uns von der zentralen Versorgung mit Wärme und Strom, die vor siebzig Jahren aufgebaut wurde, verabschieden”, sagt der zuständige Minister für die Gemeinde- und Territorialentwicklung, Oleksij Kuleba. “Wir müssen eine vollständige Dezentralisierung anstreben, um Städte und Regionen unabhängiger zu machen. Das ist der einzige Ausweg.”

Rivalität zwischen Selenskyj und Klitschko

Besonders stark von den Strom- und Heizausfällen war die ukrainische Hauptstadt betroffen. Präsident Selenskyj machte den Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko dafür verantwortlich. Dieser habe seine Stadt auf die Angriffe und den Winter nicht ausreichend vorbereitet. Nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates in der vergangenen Woche erhob Selenskyj weitere Vorwürfe gegen Klitschko.

Bis zur Sitzung sollten alle Regionen des Landes schon ihre Resilienzpläne zur Vorbereitung auf den nächsten Winter vorlegen. Alle hätten ihre Vorschläge eingereicht, nur die Hauptstadt sei säumig, kritisierte der Präsident. Kiew habe noch eine Woche Zeit, um den Plan nachzureichen: “Niemand entbindet uns von unserer Verantwortung. Aber wir können nicht jeden Bürgermeister zum Arbeiten bewegen. Sie müssen selbst Verantwortung übernehmen”, so Selenskyj.

Bürgermeister Klitschko reagierte prompt. Alle Vorwürfe seien unbegründet. Seine Stadt habe rechtzeitig einen entsprechenden Plan abgegeben, die Zentralregierung habe ihn aber nicht angenommen, schrieb er im Messenger Telegram. Es ist nicht das erste Mal, dass Selenskyj und Klitschko öffentlich streiten. Sie gelten als politische Gegner.

Energieprobleme auch bei milderem Wetter

Am Wochenende waren wieder einmal Explosionen in Kiew und in vielen anderen Städten der Ukraine zu hören. Bei russischen Luftangriffen wurde auch die Energieinfrastruktur getroffen. In Kiew fiel in mehr als 1.900 Gebäuden die Heizung aus. Zwar sorgen der Frühlingsbeginn und die milderen Temperaturen für Erleichterung. Die Probleme der Energieversorgung bleiben aber trotzdem.

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