Bewährungsstrafe für Kinderpsychiater Winterhoff | tagesschau.de

Bewährungsstrafe für Kinderpsychiater Winterhoff | tagesschau.de

Michael Winterhoff

Stand: 04.03.2026 • 18:31 Uhr

Der bekannte Kinderpsychiater Winterhoff war wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Nun hat das Bonner Landgericht ein Urteil gesprochen. Worum es in dem Fall geht.

Von Nicole Rosenbach, WDR

Das Landgericht Bonn hat den Kinderpsychiater Michael Winterhoff zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten verurteilt. Die Kammer sah es als erwiesen an, dass Winterhoff in sieben Fällen vorsätzliche Körperverletzung und in einem Fall fahrlässige Körperverletzung begangen hat. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Das Urteil blieb unter dem geforderten Strafmaß der Staatsanwaltschaft von drei Jahren und neun Monaten Gefängnis. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert.

Das Gericht befand, dass der Angeklagte das Neuroleptikum Pipamperon zwar zur Dauerbehandlung verordnete, dies aber nicht getan habe, um Patienten zu schaden. Das Gericht stellte zudem fest, dass Winterhoff Nebenwirkungen habe vermeiden wollen.

Laut Anklage sollte er Pipamperon ohne medizinische Notwendigkeit verordnet und Sorgeberechtigte nicht über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt haben. Das Gericht befand hingegen, er habe Einwilligungen zur Behandlung von den Sorgeberechtigten eingeholt, allerdings in der irrigen Annahme, sie ausreichend aufgeklärt zu haben.

Das Medikament Pipamperon hat eine ruhigstellende Wirkung. Es dämpft Erregungszustände, innere Unruhe und Aggressivität.

Betroffene Kinder leiden bis heute

Am Tag der Urteilsverkündung versammelten sich mehrere Betroffene vor dem Landgericht Bonn – darunter Lara (18) mit ihrer Mutter. Auf ihrem T-Shirt steht: “Gerechtigkeit für alle”. Laras Geschichte wurde im Strafprozess nicht verhandelt. Sie gehört zu den 26 Fällen, die das Gericht vom Hauptprozess abtrennte. Lara verbrachte sechs Jahre in einer Jugendhilfeeinrichtung und erhielt dort täglich das Neuroleptikum Pipamperon, verordnet von Winterhoff. Ihre Mutter Daniela sagt: “Eine Einwilligung dafür habe ich nie gegeben.” Winterhoff bestreitet dies.

Laras Geschichte zeigt die Wirkung der Behandlung von Winterhoff im Einzelfall: mit ärztlicher Autorität und einer langjährigen Psychopharmaka-Behandlung. Als Grundschulkind kam Lara in ein Heim, weil ihre alleinerziehende Mutter wegen einer Depression zur Behandlung in die Klinik gehen musste. Vor der Unterbringung galt Lara als unauffällig. Dennoch erhielt sie im Heim täglich Pipamperon, verordnet von Winterhoff, der mit der Einrichtung kooperierte. “Der Kinderpsychiater hat mir meine Kindheit geraubt”, sagt sie. Lara hofft, noch als Zeugin in einem potenziellen weiteren Verfahren gehört zu werden.

Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft Winterhoff in 36 Fällen wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt, verhandelt wurden am Ende zehn. Die Kammer entschied im Juni 2025 während der laufenden Hauptverhandlung, die Fälle abzutrennen. Als Begründung verwies das Gericht auf die Dauer und Komplexität des Prozesses.

Vertreterinnen und Vertreter der Nebenklage kritisierten dies und stellten Befangenheitsanträge gegen die Vorsitzende Richterin. Sie warfen dem Gericht vor, das strukturelle Ausmaß der Vorwürfe zu verkleinern. Das Verfahren war von erheblichen Spannungen zwischen den Verfahrensbeteiligten geprägt.

Medikamente statt Therapie – das “System Winterhoff”

Winterhoff wurde durch Bücher und zahlreiche Fernsehauftritte bundesweit bekannt. Während er öffentlich als Erziehungsexperte auftrat, entwickelte und praktizierte er über Jahrzehnte ein eigenes Behandlungsmodell. 2021 rückte eine ARD-Dokumentation diese Praxis erstmals in den Fokus der Öffentlichkeit.

Winterhoff stellte wiederholt die Diagnose eines “frühkindlichen Narzissmus”, die Fachleute als wissenschaftlich nicht anerkannt bewerten. Nach Angaben von Betroffenen, darunter zahlreiche Heimkinder, verordnete der Kinderpsychiater über längere Zeiträume das sedierende Neuroleptikum Pipamperon.

Winterhoff bezeichnete es als Möglichkeit, schwierige Kinder “emotional erreichbar” zu machen. Fachleute weisen darauf hin, dass der Einsatz von Pipamperon bei Kindern in der Regel nur kurzfristig und in eng begrenzten Ausnahmefällen empfohlen wird, nicht als Dauermedikation.

Über Jahrzehnte arbeitete Winterhoff eng mit zahlreichen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen zusammen.

Noch am Tag der Urteilsverkündung fragten Betroffene, warum über Jahre hinweg niemand eingeschritten sei. Laras Mutter sagt: “Vielleicht spielt der Kinderschutz bei uns im Land einfach keine große Rolle.”

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *