Die Politik warnt vor abgehängten Jungen, die sich als Verlierer fühlen. Online boomt der “Alpha”-Mythos. Forschung und Popkultur zeigen: Männlichkeit wird gesellschaftlich neu ausgehandelt.
Eine “Männergeneration”, die sich “als Verlierer empfindet”: Das dürfe nicht passieren, warnt Bundesbildungsministerin Karin Prien. Jungs dürften nicht abgehängt werden, sonst steige deren Anfälligkeit für Extremismus. Defizite sieht auch die Regisseurin Anika Decker: “Jungs bleiben gerade ziemlich auf der Strecke.” In sozialen Medien fehlten positive Vorbilder. Stattdessen dominierten hasserfüllte Inhalte.
Entsteht also gerade ein neues, toxisches Männerbild? Die Soziologin Sylka Scholz von der Universität Jena hält das für verkürzt. “Gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit sind eigentlich immer im Wandel”, sagt sie. Bereits seit den 1980er-Jahren werde über engagierte Väter diskutiert. Tatsächlich habe sich das Ideal vom distanzierten Ernährer zum präsenten Vater verschoben.
Doch dieser Wandel ist widersprüchlich. Fürsorge werde weiterhin mit Weiblichkeit verbunden und überwiegend von Frauen geleistet. Zugleich erlebten traditionelle, autoritäre Entwürfe ein Comeback. Die größere Vielfalt an Lebensentwürfen eröffne Chancen, glaubt Sylka Scholz. Sie könne aber auch verunsichern. Theoretisch stünden Männern viele Möglichkeiten offen, “doch die Ressourcen sind gesellschaftlich sehr ungleich verteilt”.
Fitness, Proteine und Abwertung von Frauen
Unsicherheiten würden in der sogenannten “Manosphere” aufgegriffen. Antifeminismus werde von rechten Kräften “als Brückenideologie instrumentalisiert”, so die Soziologin. Emanzipierte Frauen oder Migranten würden als Konkurrenten dargestellt. Doch solche Schuldzuweisungen lösten keine sozialen Probleme.
Der Autor und Comedian Aurel Mertz beschreibt in seinem Buch “Alpha Boys”, wie junge Männer in sozialen Netzwerken auf Influencer stoßen, die Dominanz, Disziplin und Härte propagieren. Oft sei das verbunden mit Fitnesskult, Protein-Diäten und Abwertung von Frauen. “In Zeiten von Krisen sind die einfachen Antworten die, die am leichtesten gewinnen”, sagt Mertz.
Das Versprechen laute: Wer an sich arbeite, könne zum “Alpha” werden. Dabei beruhe schon der Begriff auf einem Mythos. Die Vorstellung vom dominanten Alphawolf gilt in der Verhaltensforschung längst als überholt. Dennoch halte sich das Bild vom natürlichen Anführer hartnäckig, auch als Projektionsfläche für männliche Selbstbilder.
Popkultur setzt Männlichkeits-Trends
Verunsicherung in der Jugend sei normal, betont die Soziologin Sylka Scholz. In der Adoleszenz müssten sich alle mit Geschlechterrollen auseinandersetzen. Für Jungen blieben die Erwartungen erstaunlich konstant: Unabhängigkeit, Härte, emotionale Selbstkontrolle. Dieser “Boy Code” sei trotz gesellschaftlicher Öffnung wirkmächtig.
Wie Männer damit umgingen, hänge stark von den ungleich verteilten Ressourcen ab. Aus Sicht der Soziologin verfügen nicht alle jungen Männer über die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten. Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sieht Scholz bei heutigen Jugendlichen allerdings kaum noch. Entscheidend seien soziale Ressourcen, nicht die Region.
Wie stark prägen Filme und Serien solche Vorstellungen? Medienbilder würden nicht eins zu eins übernommen, glaubt die Soziologin. Sie müssten individuell angeeignet werden. Dennoch verhandle die Popkultur gesellschaftliche Konflikte oft früher und sichtbarer als politische Debatten.
Vom Western zur Netflix-Serie “Adolescence”
Schon die klassischen Hollywood-Western erzählten von klaren Rollen. Schauspieler wie John Wayne stünden für den wortkargen Einzelgänger, der Recht mit Härte durchsetzt. Stärke zeige sich in körperlicher Überlegenheit und moralischer Entschlossenheit. Zweifel oder Verletzlichkeit blieben Randnotizen.
Männlichkeit als Selbstbehauptung in einer feindlichen Welt: Ein Ideal, das über Jahrzehnte wirkmächtig geblieben ist. Heute verschieben sich allerdings die Schauplätze. Serien im Streaming-Zeitalter zeigen Männer häufiger als Suchende. Die Konflikte spielen nicht mehr nur im staubigen Grenzland, sondern in Klassenzimmern, Familien oder digitalen Räumen.
Die Netflix-Serie “Adolescence” erzählt von Jungen, die in Online-Männerforen radikalisiert werden. Hier wird Männlichkeit nicht als naturgegebene Stärke inszeniert. Sie wird vor allem im Netz performt und ständig bewertet. Zugehörigkeit, Status und Abwertung anderer greifen ineinander. Der Druck entsteht öffentlich, in Chats und Kommentarspalten.
Wohin mit der Männlichkeit, wenn man außerdem fürsorglich und auch noch gebildet sein möchte? Eine Szene aus dem Western “Godfathers” mit John Wayne
Immer auf der Suche nach einer “Retterin”
Gleichzeitig entstehen Gegenentwürfe: verletzliche Helden, fürsorgliche Väter, Männerfiguren, die scheitern dürfen. Doch diese Bilder stehen im Wettbewerb mit hypermaskulinen Idealen, die in sozialen Netzwerken millionenfach geklickt werden. Drehbuchautorin Anika Decker kritisiert, viele Formate reproduzierten weiterhin problematische Muster, etwa den emotional verschlossenen Mann, den eine Frau “retten” müsse.
Ein klar umrissenes “neues Männerbild” gibt es nicht. Stattdessen konkurrieren unterschiedliche Entwürfe, zwischen Gleichberechtigung und Dominanz, Fürsorge und Abgrenzung. Die politische Debatte um Jungenförderung trifft auf tiefere gesellschaftliche Fragen: Wer hat Zugang zu Bildung und Aufstieg? Welche Werte gelten als erstrebenswert?
Die Antworten entstehen nicht allein im Netz. Ausgehandelt werden sie in Schulen, Familien und kulturellen Erzählungen. Ob junge Männer sich als Verlierer fühlen oder als Teil einer vielfältigen Gesellschaft, hängt deshalb nicht nur von Leitbildern ab, sondern von realen Chancen.
