analyse
Während sie mit Iran verhandelten, bauten die USA eine gewaltige militärische Drohkulisse auf. Bis zuletzt blieb unklar, ob oder wann die US-Streitkräfte Iran angreifen würden. Aus welchem Grund kam der Angriff gerade jetzt?
Die offizielle Begründung
Nicht etwa in einer Rede an die Nation, sondern in einer Videobotschaft auf seiner Social-Media-Plattform hatte Donald Trump seine Begründung für den US-Angriff gegen Iran geliefert.
Darin erklärt der Präsident, die iranische Bevölkerung habe jahrelang die Hilfe der USA erbeten – die nun endlich gewährt werde. Nun sollten die Iraner die Regierung “übernehmen”. Im Januar waren Massenproteste gegen das iranische Regime im Land mit brutaler Gewalt niedergeschlagen worden, wobei laut Berichten etwa 30.000 Menschen getötet wurden. Trump hatte daraufhin mehrfach gedroht, das Land anzugreifen – diese Gewalt nun aber nur mit einem Satz erwähnt.
Vielmehr betonte Trump in seiner Begründung, es gehe darum, unmittelbare Bedrohungen für die Sicherheit der Vereinigten Staaten, ihrer Truppen und Übersee-Basen sowie ihrer Verbündeten zu beseitigen. Worin diese Bedrohung bestünde, blieb dabei unklar, genauere Erläuterungen gab es nicht.
Zudem könnten das iranische Raketenprogramm sowie die Unterstützung militärischer Gruppen in der Region nicht weiter toleriert werden, so Trump. Auch eine nukleare Bewaffnung des Iran müsse verhindert werden – seit langem ist das der Kern des Konflikts. Seit dessen Beginn wird der Krieg in Washington in erster Linie als Ergebnis gescheiterter diplomatischer Bemühungen bezeichnet.
Ergebnislose Verhandlungen und eine Eigendynamik
Dem Angriff waren verschiedene Runden indirekter Verhandlungen zwischen Iran und den USA vorangegangen. Weniger als zwei Tage vor dem Angriff waren die jüngsten Gespräche in Genf erneut ohne Durchbruch zu Ende gegangen.
Danach hatte Trump sich deutlich enttäuscht gezeigt, der mit militärischen Maßnahmen gedroht hatte, wenn es zu keiner Einigung komme. Etwa eine Woche zuvor hatte Trump Iran ein Ultimatum bis Anfang März gestellt: “Entweder wir erzielen eine Einigung oder es wird für sie bedauerlich.” Laut Berichten waren die US-Unterhändler nun zu der Überzeugung gelangt, Iran zeige keine Verhandlungsbereitschaft und spiele auf Zeit.
Parallel zu den Gesprächen mit Iran zogen die USA in den vergangenen Wochen massiv Marine- und Luftstreitkräfte im Persischen Golf zusammen. Viele Beobachter hatten vermutet, dass diese gewaltige Militärpräsenz eine Eigendynamik entwickeln könne, solle die Drohkulisse am Verhandlungstisch nicht wirken: dass Trump sich also gezwungen sehen könne, das Militär einzusetzen, um es nicht erfolglos wieder abziehen zu müssen – und damit schwach zu wirken.
Die Rolle Israels und Saudi-Arabiens
Kein Regierungschef hat Trump so oft gesehen wie Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Dieser soll Trump immer wieder zu einem härteren Vorgehen gegen Iran gedrängt haben. Netanjahu dürfte nun eine günstige Gelegenheit für einen Angriff gegen das Mullah-Regime gesehen haben, das seit den israelischen und US-amerikanischen Angriffen von 2024 und 2025 militärisch geschwächt, politisch seit der brutalen Niederschlagung der jüngsten Proteste im Land in der Defensive und zugleich in entscheidenden Fragen wie seinem Raketenprogramm nicht kompromissbereit ist.
Auch Saudi-Arabien könnte eine unerwartete Rolle gespielt haben. Die Washington Post berichtete, dass Kronprinz Mohammed bin Salman – den Trump auch als Handelspartner schätzt – den US-Präsidenten in den vergangenen Monaten mehrfach zu einem Angriff ermutigt habe. Der Kronprinz habe befürchtet, dass Iran, Erzrivale Saudi-Arabiens in der Region, sonst gestärkt aus der Krise hervorgehen werde. Offiziell hatte bin Salman aber bis zuletzt für eine diplomatische Lösung geworben.
Die strategische Lage
Am Freitag traf der größte Flugzeugträger der Welt, die USS Gerald R. Ford, vor der Küste Israels ein. Damit war der Aufbau der Streitmacht gegen Iran offenbar abgeschlossen – und die Voraussetzung für einen Angriff geschaffen.
Am Rande könnte eine Rolle gespielt haben, dass der Flugzeugträger aus der Karibik vor Venezuela kam und nun schon seit Juni vergangenen Jahres auf See ist – eine ungewöhnlich lange Zeitspanne auch für ein atomgetriebenes Kriegsschiff, was schon vorher für Kritik in der Spitze der US-Marine führte. Möglicherweise floss das in den Zeitplan ein.
Vor allem aber hatten die USA und Israel durch ihre Geheimdienste offenbar Kenntnis erlangt, dass Irans geistiger Führer, Ajatollah Ali Chamenei, am Samstagmorgen mit mehreren hochrangigen Vertretern der politischen und militärischen Führung in einem Gebäude mitten in Teheran zusammenkommen wollte. Damit bot sich eine unerwartete Gelegenheit für einen Angriff, denn insbesondere Chamenei soll sich seit dem vergangenen Jahr ständig in wechselnden unterirdischen Unterkünften aufgehalten haben. Warum die iranische Führung das Risiko einer solchen Zusammenkunft einging, bleibt rätselhaft – den USA und Israel spielte es in die Hände.
Der Faktor Innenpolitik
Präsident Trump befindet sich ein Jahr nach seinem zweiten Amtsantritt in einer innenpolitisch schwierigen Lage. Rund acht Monate vor den Zwischenwahlen sinken seine Umfragewerte. Eine Mehrheit der Bürger ist unzufrieden mit seiner wirtschaftlichen Bilanz, auch das Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE stößt viele US-Amerikaner ab. Trump muss damit rechnen, dass seine Republikaner bei den Zwischenwahlen eine oder beide Kammern des Kongresses verlieren und er damit viel von der Handlungsfreiheit verliert, die er sich in seinem ersten Jahr genommen hat. Schon jetzt hat ihm der Oberste Gerichtshof eines seiner wichtigsten Instrumente aus der Hand geschlagen: Die Richter untersagten ihm, auf Basis eines Notstandgesetzes Zölle gegen viele Länder zu verhängen.
Da Trump immer wieder damit gedroht hatte, den Iran anzugreifen, lag es nahe, dies bald zu tun, um Handlungsfähigkeit zu demonstrieren und einen etwaig längeren Konflikt möglichst weit von den Midterms fernzuhalten. Zudem wollten die Demokraten im Kongress in dieser Woche versuchen, den Präsidenten daran zu hindern, Iran eigenmächtig anzugreifen.
Unklar bleibt, ob Trump sich bei seinem Entschluss von seiner Euphorie nach dem Eingreifen in Venezuela leiten ließ – in den Tagen nach der Operation hatte er sich immer wieder davon begeistert gezeigt. Bei der Mehrheit seiner Anhänger kam der Präsident damit an. Und auch wenn 49 Prozent der US-Amerikaner nach einer neuen Umfrage gegen einen Angriff auf Iran sind, so zeigen sich demnach doch 30 Prozent unentschlossen. Nicht auszuschließen, dass Trump darauf baut, diese für sich zu gewinnen.
Das würde aber mutmaßlich voraussetzen, dass der Krieg gegen Iran nicht zu lange dauert, nur wenige US-Soldaten das Leben kostet und Trump den Ausgang als Erfolg präsentieren kann. All das bleibt nicht absehbar. Der Präsident geht damit innenpolitisch ein hohes Risiko ein.
